E-Mail aus Argentinien (11) Eine Hollenstederin beim G20-Gipfel in Buenos Aires

Von Nicole Klostermann

Meine Nachrichten

Um das Thema Samtgemeinde Fürstenau Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


niklo Hollenstede/Buenos Aires. Die gebürtige Hollenstederin Nicole Klostermann lebt mit ihrer Familie in Argentinien. Regelmäßig berichtet sie für das Bersenbrücker Kreisblatt über ihren Alltag in Südamerika. Am Freitag ist sie zudem für eine argentinische Zeitung beim G20-Gipfel als Berichterstatterin im Einsatz. Hier die elfte E-Mail aus Argentinien.

In Argentinien ist man ja Kummer gewohnt. Ob Inflation, Korruption oder Rezession, das Land kennt sich aus. Das alles war oder ist da und kommt ständig wieder. Mein Nachbar Juan sagt immer, er plane immer nur für die nächsten sechs Wochen, er wisse schließlich nicht, ob es Argentinien danach überhaupt noch gebe.

Naja, er übertreibt vielleicht ein bisschen, aber so langsam frage auch ich mich, ob vielleicht doch etwas mehr dran ist, als ich bisher dachte.

Peso verliert 25 Prozent an Wert

Hier in Argentinien überschlagen sich derzeit die Ereignisse. Zunächst fiel vor einigen Wochen der Wert des argentinischen Peso innerhalb von drei Tagen um fast 25 Prozent. Stellen sie sich das in etwa so vor: Sie kaufen sich eine Kiste Bier und drei Tage später fehlt plötzlich ein knappes Viertel der Flaschen. Das liegt natürlich im Normalfall daran, dass sie ausgetrunken worden sind. Beim Peso hat sich dieses Viertel einfach in Luft aufgelöst.

Aber damit nicht genug. Vergangenen Samstag sollte das Finale der südamerikanischen Champions-League stattfinden, im Endspiel standen die tief verfeindeten Stadtclubs von Buenos Aires: River Plate und Boca Juniors. Der Hass ist so verwurzelt, dass seit 2013 die Fans der jeweiligen Gastmannschaft sogar nicht mehr im Stadion des Heimteams zugelassen sind. Dagegen ist das Geplänkel zwischen Dortmund und Schalke ein Kindergeburtstag.

Verkehr lahmgelegt

Trotz beeindruckendem Polizeiaufgebot rund um das Stadion eskalierte die Situation komplett. In der Mafia organisierte Hooligans griffen den Bus der Boca Juniors so massiv an, dass mehrere Spieler und Funktionäre verletzt ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Das Spiel wurde natürlich abgesagt. Ergebnis: Die Krawalle in der Stadt kochten erst richtig hoch.

Am vergangenen Montag streikte dann zu allem Überfluss landesweit die staatliche Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas und noch einen Tag darauf, am Dienstag, dann der öffentliche Nahverkehr der Hauptstadt. Keine Busse, keine Züge, keine U-Bahn.

„Einfach etwas entspannen“

Ich stand auf hoffnungslos verstopften Straßen mehrere Stunden im Stau und verpasste Termine. Als ich irgendwann völlig entnervt ankam, begrüßte mich mein argentinisches Gegenüber nur mit einem Achselzucken und riet mir „mich doch einfach etwas zu entspannen.“

Recht hat er. Ich sollte mich entspannen, denn das Chaos hat nämlich noch kein Ende. Wahrscheinlich hat es noch nicht einmal seinen Höhepunkt erreicht. Denn als ob das alles schon genug wäre, beginnt ab Freitag der G20-Gipfel in Buenos Aires. Merkel, Trump, Putin und Co. treffen sich zu einem nicht gerade günstigen Zeitpunkt an einem recht ungünstigen Ort.

Regierung gibt wegen G20-Gipfel arbeitsfrei

Die argentinische Regierung hat den Freitag in Buenos Aires vorsichtshalber zu einem arbeitsfreien Tag erklärt, um die Massen aus der Stadt fernzuhalten. Damit nicht genug: Für zwei komplette Tage sind der Inlandsflughafen und die Stadtautobahn gesperrt. U-Bahn, Stadtbus und Züge fahren ebenfalls nicht.

Am besten schließt sich der Argentinier wohl zu Hause ein, genießt das fabelhafte Sommerwetter, macht eine Flasche Rotwein auf und wirft den Grill an.

Denn momentan beschäftigt eine ganz große Frage halb Argentinien: Wenn man es schon nicht schafft ein Fußballspiel vor Ausschreitungen zu sichern, wie soll das erst beim G20-Gipfel funktionieren?

Wie hübsch ist Justin Trudeau tatsächlich?

Ich nehme einfach den Argentinier vom vergangenen Dienstag beim Wort und „entspanne mich“. Dass ich für eine argentinische Zeitung als Berichterstatterin zum G20-Gipfel muss, kann ich nicht ändern, aber mit meiner neuen Gelassenheit wird das schon klappen.

Aber eines ist sicher, es bleibt spannend in den nächsten Tagen in Buenos Aires. Und der Frage, ob der kanadische Premierminister Justin Trudeau in natura tatsächlich so attraktiv ist, muss ich natürlich ebenfalls dringend nachgehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN