Lukas Sander hat ein Ziel Eine Tinker-Fan-Familie aus Hollenstede

Von Martin Schmitz


Hollenstede. Lukas Sander hat ein ehrgeiziges Ziel. Um es zu erreichen, lebt der Zehnjährige eines der schönsten Abenteuer, die ein Pferdemensch sich vorstellen kann.

Auf einem Hof im ländlichen Hollenstede bei Fürstenau aufzuwachsen, das ist schon ein Traum. Bei Lukas und seinem kleinen Bruder Felix kommt die Liebe zum Pferde hinzu, die Mutter Jessie Sander beiden mit auf den Weg gibt. Und das könnte durchaus mit Genen zu tun haben. Wer einen Beweis sucht, dass die Liebe zum Pferd vererbbar ist, wird auf dem Sanderhof fündig, wo der fünfjährige Felix sich quietschvergnügt auf dem Rücken eines Ponys ausstreckt, sein Bruder Lukas mit leuchtenden Augen von seiner Stute Luna erzählt.

Jessie Sander ist ein Großstadtkind, sie kommt aus Bremen. Der einzige Hinweis auf Pferdevernarrtheit in der Verwandtschaft sei ihr Urgroßvater gewesen, erzählt die 44-Jährige. Der züchtete nämlich Trakehner, Mecklenburger und andere Warmblutrassen. Jessie zog es schon als junges Mädchen zu den Pferden, zu Opa Bartelt, bei dem sie eine Stute pflegen und reiten durfte. Es folgte der Einstieg in den Pferdesport über den Verein St. Hubertus Bremen, den sie sich „mit Zeitungsaustragen und Babysitten selbst verdiente“, wie sie erzählt.

Die Liebe führte sie dann nach Hollenstede, auf den Hof Hubert Sanders. Die „Pferdegene“ brachte sie mit, ein irischer Tinker half, die Liebe zum Pferd auch in ihren beiden Söhnen zu wecken. „In Irland ist Tinker eine Beleidigung,“ sagt Jessie Sander, die offizielle Bezeichnung für die Rasse ist „Irish Cob“. Bunte Schecken mit prachtvoll wallenden Mähnen und Schweifen. Mit einem Vorhang aus Fesselhaaren rund um ihre Hufe, die ihre Füße riesig wirken lassen. Einst zogen sie die Wagen der „Gypsies“ über Land, der Zigeuner, die sich ihren Lebensunterhalt als „Tinker“ verdienten: Als Kupfer- und Blechschmiede reparierten sie Kessel und andere metallene Gefäße. Ihre bunten Pferde nennt man noch heute Tinker oder „Gypsy Horse“.

Bei den Cobs weiß man nie so recht, ob man es mit Ponys oder mit Pferden zu tun hat. Das Wort bezeichnet ein Kleinpferd oder Großpony, kräftig genug, um einen Erwachsenen zu tragen. Der Irish Cob kann sogar so stattlich werden, dass er einen großen Zigeunerwagen ziehen kann. Sie gehören zu jenen Rassen, die dem Menschen jahrtausendelang unschätzbare Dienste leisteten: kleine Pferde, universell einsetzbar zum Reiten und Ziehen von Pflug und Wagen, unkompliziert im Umgang, robust und sehr genügsam. Man kann Cobs unterschiedlicher Rassen in einem Atemzug nennen mit Haflingern, Norwegern, den Schwejken des Pruzzenstammes, aus denen die Trakehner hervorgingen. Erst recht mit den Isländern, die im Europa des Mittelalters als Zelter begehrt waren. Die Ritterpferde waren die S-Klasse, teuer in Anschaffung und Unterhalt. Zelter und Cobs waren VW Golf und Käfer, die jedermann mobil machten.

Tinker sind immer noch deutlich genügsamer und günstiger im Unterhalt als Großpferderassen, sagt Jessie Sander. Was sie aber besonders schätzt, ist ihre Umgänglichkeit und ihr Charakter. Man kann einem Tinker seine Kinder anvertrauen. Warmblüter und erst recht Vollblüter können da weitaus komplizierter sein. Sie werden seit Jahrzehnten strikt auf Leistung gezüchtet. Häufig können nur noch ausgebuffte Profis diese Hochleistungssportmaschinen bändigen.

Was aber nicht bedeutet, dass Tinker keine Persönlichkeit besitzen. „Sie suchen sich ihre Reiter selbst aus“, sagt Lukas. Als er seine Stute Luna kennenlernte, war sie kaum ausgebildet. Sie machte Bocksprünge unter dem Reiter und war noch nie galoppiert. Er steigt in den Sattel, sie akzeptiert ihn, und auf die Signale seines Körpers, die Reiter „Hilfen“ nennen, fällt sie anstandslos in den Galopp.

Wenn man die beiden erlebt, glaubt man Lukas. Die Stute scheint auf ihn fixiert, sucht Augenkontakt und seine Nähe.

Ihrer großen Hufe wegen ähneln die Bewegungen eines Tinkers denen der Friesen, die als Kutschpferde begehrt sind. Dressur- und Springsport traut man ihnen eher nicht zu. Aber das ist ein Vorurteil, wissen Lukas und seine Mutter Jessie. In angelsächsischen Ländern haben Aktivisten schon gründlich damit aufgeräumt. Wer ein bisschen im Internet sucht, findet Tinker, die unter jugendlichen Reitern mutig über Hindernisse setzen und sogar im Dressur-Grand Prix eine gute Figur machen, wie etwa Sam Truner mit ihrem Billy Whiz.

Auch Lukas möchte mit seiner Luna unbedingt in den Sport, Springen liegt Jungen seines Alters mehr als die Dressur. Bis ins A-Springen haben die beiden es schon geschafft. In den Ferien steht er um sechs Uhr auf, reitet mit ihr durch Hollenstede, nach ihrem Fohlen braucht die Stute Aufbautraining. Wenn Lukas wieder zur Marienschule in Schwagstorf geht, verlegt er das Training in die Abendstunden.

Zum sportlichen Training fährt Jessie Sander Lukas und Luna samstags zu Tinker-Fan Jasmin Hebel. Ihr Pferdehof „Artland Mini Tinker“ in Rieste stellt auch eine Mannschaft in der Ponyliga, in der die beiden mitmachen.

Der Anfang ist gemacht. Ob Lukas sich seinen Traum erfüllen und mit einem Tinker mit Leistungssport mitmischen kann? Mit einem Pferd, das aus einem Land voller Elfen und Kobolde kommt, ist alles möglich.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN