Drei Jahre und einen Tag Berger Zimmerergeselle geht auf Wanderschaft

Von Gesa Hustede

Er folgt einer Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht: Simon Pöppe geht am Sonntag als Zimmerergeselle auf die Walz. Für drei Jahre und einen Tag verlässt er Berge. Foto: Gesa HustedeEr folgt einer Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht: Simon Pöppe geht am Sonntag als Zimmerergeselle auf die Walz. Für drei Jahre und einen Tag verlässt er Berge. Foto: Gesa Hustede

gehu Berge Vor zwei Jahren hat Simon Pöppe seine Ausbildung zum Zimmerergesellen abgeschlossen. Seitdem arbeitet er in der Firma seines Vaters. Doch nun zieht es ihn in die Ferne.

„Am Sonntag ist es so weit“, erzählt Simon Pöppe. Dann geht es für den jungen Berger auf die Wanderschaft, „auf Tippelei“, wie Wanderergesellen sagen. Für drei Jahre und einen Tag wird er, überwiegend zu Fuß oder per Anhalter, unterwegs sein. Dabei sucht Pöppe Arbeit bei verschiedenen Zimmereien, in Deutschland oder irgendwo anders in der Welt. Maximal ein halbes Jahr kann er bei derselben Zimmerei verweilen, dann muss er weiterziehen. Maximal vier Monate darf er komplett ohne Arbeit wandern. Das sind die Vorschriften.

„Man arbeitet, um zu reisen, und man reist, um zu arbeiten“, sagt Pöppe. Eine genaue Strecke habe er nicht vor Augen, „immer der Nase nach“. Fest steht, dass sich die Gesellen im ersten Jahr nur im deutschsprachigen Raum aufhalten dürfen, bevor es danach auch ins weitere Ausland gehen kann.

Für Simon Pöppe bedeutet die Walz vor allem, Menschen, Kulturen und Gebräuchen zu begegnen. Außerdem ist ihm auch der Traditionserhalt sehr wichtig. War die Walz früher einmal Pflicht, werde sie heute kaum noch wahrgenommen. „Ich möchte möglichst viel sehen und erleben, neues Handwerk kennenlernen und das Gelernte mit nach Hause bringen“, sagt Pöppe.

Einen Platz zum Übernachten zu finden, sei auch nicht besonders schwer. Bei Arbeitskollegen, in einem Raum der Firma oder auch draußen – alles sei möglich. Zudem gibt es in den größeren Städten auch Herbergen von den verschiedenen Vereinigungen der Handwerker. Simon Pöppe gehört der „Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen zu Bremen“ an. „Zu Bremen“, da diese am nächsten zu seinem Wohnort liegt. Die Gesellschaft bietet aber in vielen Städten Herbergen an. Die Vereinigung bietet die Chance, Kontakt zu anderen Wandergesellen aufzunehmen. Darüber hat er auch Markus Beck kennengelernt, mit dem er ab Sonntag zusammen loszieht. „Man schickt ein Rundschreiben an die Gesellschaft, in welchem man erklärt, wer man ist, was man macht und wann man loszieht“, erklärt Simon Pöppe. Daraufhin hoffe er nun, dass neben Markus Beck auch weitere Gesellen bis Sonntag zu ihm kommen und mit ihm auf Wanderschaft gehen.

Bannkreis um Heimatort

Als Kleidung tragen die wandernden Gesellen eine schwarze Kluft mit jeweils drei Knöpfen an beiden Armen, die für die drei Lehrjahre und die Wanderschaft stehen. Sechs Knöpfe am Jackett stehen für die sechs Arbeitstage und acht Knöpfe an der Weste für acht Arbeitsstunden am Tag. Im traditionellen Gepäckstück, dem „Charlottenburger“, einem 80 mal 80 Zentimeter großen Tuch, sind alle Sachen verstaut. Dazu kommen, ein weißes kragenloses Hemd, ein Wanderstab, der Stenz, und ein schwarzer Hut.

Bevor es für Simon Pöppe aber überhaupt auf Wanderschaft gehen konnte, musste er seine Ehrbarkeit, ein schmales schwarzes Stoffband, von seiner Vereinigung bekommen. Zu den weiteren Voraussetzungen für die Walz gehört unter anderem eine bestandene Gesellenprüfung. Der Geselle muss ledig, kinderlos und schuldenfrei sowie nicht über 30 Jahre alt sein. Während der Wanderschaft darf Simon Pöppe einen Bannkreis von 50 Kilometer um den Heimatort nicht betreten. „Das wird an den Festtagen schon schwer“, ahnt er. Auch Freunde und Familie werden ihm fehlen. Diese dürfen ihn aber besuchen. Auf ein Handy muss er während der gesamten Zeit ebenfalls verzichten. Für ein Gespräch in die Heimat wird er sich also ein Telefon leihen müssen.