E-Mail aus Argentinien – Teil 8 Hollenstederin ratlos zwischen Regalen in Buenos Aires

Von Nicole Klostermann


niklo Hollenstede/Buenos Aires. Die gebürtige Hollenstederin Nicole Klostermann lebt mit ihrer Familie in Argentinien. Regelmäßig berichtet sie für das Bersenbrücker Kreisblatt über ihren Alltag in Südamerika. Hier ihre achte E-Mail aus Argentinien.

Heute, liebe Leser, muss ich einkaufen gehen, denn es wird dringend Zeit. Außer einem geöffneten Glas Oliven, dessen Inhalt schon langsam anfängt, den Aggregatzustand zu wechseln, ist kaum noch etwas im Kühlschrank. Hier in Argentinien gibt es ja keinen Aldi oder Edeka, dafür haben wir Supermärkte mit so lustigen Namen wie Jumbo oder Disco. Da steigt die Stimmung schon an der Parkplatzauffahrt. Während Einkaufen in Deutschland für mich eine eher zeitraubende Notwendigkeit ist, lässt man sich in Argentinien dabei nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Die Läden sind jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet, auch sonntags und an Ostern. Und das immerhin im erzkatholischen Argentinien.

Irgendein Schnäppchen gibt es immer

Gleich am Eingang steht im Disco meines Vertrauens zur Begrüßung ein Tisch mit Kaffee, Tee und einer Variation von Keksen. Das fängt doch gleich gut an. Man wechselt ein paar freundliche Worte mit anderen Shoppern und mit einem Kaffee in der Hand visiere ich die ersten Regale an. Worin die Supermärkte hier wirklich ganz groß sind, sind Angebotsaktionen. Irgendein Schnäppchen gibt es immer und sie variieren fast täglich. Am klassischen „Eines kaufen, das Zweite umsonst“ komme ich oft vorbei – und somit kann ich für das zweite Fläschchen Sekt im Wagen dann auch gar nichts. Mein Favorit ist allerdings die Pesocheck-Aktion. Ich gebe zu, es hat etwas gedauert, bis ich das System verstanden hatte, aber ich glaube nun bin ich endlich soweit. Angenommen ich kaufe für 1000 Pesos (etwa 40 Euro) ein, dann bekomme ich einen Gutschein über wiederum 1000 Pesos, die ich dann am kommenden Wochenende im gleichen Laden auf den Kopf hauen kann. Für das komplette Sortiment.

Der Ärger mit der Inflation

Was dann passiert, können sie sich vielleicht denken. Auf meinem Einkaufszettel stehen Milch, Eier und Käse – und ich komme mit drei Tuben Senf, einer elektrischen Zahnbürste, Mango, Kamillentee, einem Wäscheständer, einer Kiste Rotwein und Klopapier für die nächsten sechs Monate aus dem Laden. Milch und Eier habe ich vergessen, und Kamillentee mag ich überhaupt nicht. Außerdem gibt es ja bekanntlich diese Studien, dass die Supermärkte unser Kaufverhalten unterbewusst mit verschiedenen Tricks beeinflussen. Wenn man überlegt, was ich manchmal für einen Quatsch kaufe, scheint das bei mir bestens zu funktionieren. Hier in Argentinien wird zum Beispiel auch gerne mal eine Musikband in die Weinabteilung gestellt, um den Kunden zum Kauf zu animieren. Dazu bietet irgendein Weinhändler eine Verköstigung an. Da bin ich als leichtes Opfer natürlich ganz vorne mit dabei. Was in Argentinien allerdings ein wirklich großes Thema ist, ist die starke Inflation. Der argentinische Peso verliert pro Jahr rund 25 Prozent an Wert. Als ich vor gut einem Jahr nach Argentinien kam, waren 100 Pesos noch fast sieben Euro wert, heute sind es gerade noch vier Euro. Dadurch sind die Preise natürlich völlig instabil und ändern sich ständig. Kostete Kaffee im vergangenen Jahr noch 150 Pesos, sind es nun mehr als 200.

Wie wär‘s mit 500 Duftkerzen?

Die Inflation ist etwas, womit ich mich wirklich schwer arrangiere. Ständig beschleicht mich der Gedanke, man will mich übers Ohr hauen, denn das gleiche Produkt kostete doch vor ein paar Wochen noch wesentlich weniger. Viele Geschäfte zeichnen ihre Produkte gar nicht mehr mit Preisen aus, die gibt es dann erst tagesaktuell auf Nachfrage. Für den Argentinier ist das alles ganz normal. Dass sich meine Miete alle sechs Monate erhöht, ist für mich allerdings immer noch gewöhnungsbedürftig. Ich bin also offensichtlich der Traum eines jeden Verkäufers. Sobald Musik und Wein im Spiel sind, würde ich ihm zum dritten Wäscheständer sicher auch noch ein paar Fußmatten und 500 Duftkerzen abkaufen. Aber nun muss ich dringend zum Disco fahren. Es gibt bestimmt wieder irgendeine Aktion, und mit Kamillentee lassen sich auch hervorragende Fußbäder machen. Vielleicht steht die Band wieder in der Weinabteilung. Aber ob ich dann endlich mal mit Milch und Eiern nach Hause komme, bezweifle ich.