E-Mail aus Argentinien – Teil 7 Wenn eine Hollenstederin unter die Seeleute gerät

Von Nicole Klostermann

Die erhabene Stille in einem der rustikalen Straßencafés sollte man genießen, solange sie anhält...!Foto: Nicole KostermannDie erhabene Stille in einem der rustikalen Straßencafés sollte man genießen, solange sie anhält...!Foto: Nicole Kostermann

Hollenstede/BuenosAires. Die gebürtige Hollenstederin Nicole Klostermann lebt mit ihrer Familie in Argentinien. Regelmäßig berichtet sie für das Bersenbrücker Kreisblatt über ihren Alltag in Südamerika. Hier ihre siebte E-Mail aus Argentinien.

„Es ist ein sonniger Morgen, und ich sitze in einem Straßencafé an einer kleinen Kreuzung in Recoleta, einem der schönsten und edelsten Stadtteile von Buenos Aires. An mir vorbei eilt uniformiertes Hauspersonal auf dem Weg zur Arbeit, Dogwalker, Gemüselieferanten, Kinder auf dem Weg zur Schule und immer wieder viel Gucci und Louis Vuitton. Der Kellner ist ein charmanter Mittfünfziger im adretten schwarzen Anzug mit so viel Pomade im Haar, dass es sicher noch für alle Kollegen im selben Straßenzug reichen würde. Er bringt mir nicht nur meinen argentinischen Milchkaffee, sondern gratis und ungefragt noch ein kleines Glas Wasser, einen frischen Orangensaft, ein Häppchen Kuchen und ein Lächeln dazu.

Bemerkenswert kleine Nase einer alten Dame

Neben mir, in die Tageszeitung „La Nacion“ vertieft, sitzt eine sehr elegante ältere Dame, sicherlich schon jenseits der Achtzig, an der allerdings einige Körperteile nicht viel älter zu sein scheinen als die Legislaturperiode des aktuellen Präsidenten. Dabei rede ich nicht von einer neuen Hüfte, sondern von einer bemerkenswert kleinen Nase und einer Haut, die strammer ist als ein Herrenkegelclub auf Vereinsfahrt. Nachdenklich begutachte ich meine nicht ganz so wohlgeformte Nase im Schaufenster, mit der ich als Kind mal vor einen Treckeranhänger gelaufen bin. Gerade als ich über meine hoffentlich vorhandenen, inneren Qualitäten sinniere und genussvoll den Kuchen verdrücke, wird es plötzlich laut. An der Ecke, einige Meter entfernt, taucht ein gepflegter Herr mit Bundfaltenhose und Krawatte auf, der unmissverständlich und ziemlich laut meinem Kellner ein „Ey, du alter Vollidiot!“ entgegenschmettert. Als dieser ihn sieht, springt er auf, brüllt ein ebenso lautstarkes „Ey, du blöder Hurensohn!“ und rennt in seine Richtung.

Ist ganz Buenos Aires nichts als ein oller Furz?

Ehe ich mich versehe liegen sich beide freudig in den Armen, gefolgt von der lautstarken Feststellung, dass das ganze „scheiß Buenos Aires doch ein riesiger Puff und oller Furz“ sei. Mir bleibt bei dem Geschrei der Kuchen im Halse stecken, während die elegante Señora neben mir noch nicht mal von ihrer Zeitung aufschaut. Ein Morgen in Buenos Aires. Alles ganz normal. Ich erwähnte ja schon, dass die Argentinier ein wirklich nettes Völkchen sind. Sie sind zumeist höflich und zuvorkommend, man grüßt gern, hält die Tür auf und lässt an der Kasse den Vortritt, wenn jemand es mal eilig hat. Aber beim Fluchen kommen die Argentinier wirklich unglaublich groß raus! Da fallen im Alltag gerne auch Worte für Geschlechtsteile, vorzugsweise die der Mutter, Schwester oder sonstiger Verwandten. Seien es die Eltern der E-Jugend auf dem Fußballplatz oder der Chef im Büro. Tief in der Seele des Argentiniers sitzt er noch, der eingewanderte, europäische Seemann, und mit ihm ist das Fluchen geblieben.

Drängeln, Hupen und Beleidigen

Was mich ebenso täglich zum Staunen bringt, ist die unglaubliche Transformation, die passiert, sobald der Argentinier in ein Auto steigt. Da wird ohne mit der Wimper zu zucken die Vorfahrt genommen, gedrängelt, gehupt und beleidigt, was das Zeug hält. In einem Jahr Argentinien habe ich mehr Mittelfinger aus Fahrerfenstern gezeigt bekommen, als in meiner gesamten, mehr als zwei Jahrzehnte langen Autofahrerkarriere zuvor. Ich will ja gar nicht ausschließen, dass ich mit schleichendem Alter zunehmend schlechter Auto fahre, aber das hier ist schon beeindruckend. Blinken und hoffen, das man hineingelassen wird? Viel Spaß, da stehen sie nächstes Jahr noch da. Im Kreisverkehr hat man Vorfahrt? Ja, aber auch nur wenn man schneller ist und das größere Auto hat. Richtig warm werde ich mit der Flucherei ja nicht, aber ich glaube, ich zucke zunehmend weniger zusammen. Jedoch bitte ich Sie inständig, halten Sie mich im Zweifelsfall zurück, sollte ich irgendwann zu Hause in Ihrer Gegenwart einen unschuldigen Menschen beschimpfen. Aber nun muss ich schnell Schluss machen, dahinten will mir irgend so ein blöder, idiotischer Hurensohn ein Parkticket verpassen! Alles ein riesengroßer Puff, dieses Buenos Aires!“