Das Glück von Edith Nordsieke Nach 54 Jahren taucht Ehering auf einem Acker in Berge wieder auf

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Da ist er: Der achtjährige Tristan Klee hat auf diesem Acker im Berger Ortskern den Ehering von Edith Nordsieke gefunden, den die heute 76-Jährige vor fast 54 Jahren beim Kartoffelsuchen verloren hatte. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Fotos: Jürgen AckmannDa ist er: Der achtjährige Tristan Klee hat auf diesem Acker im Berger Ortskern den Ehering von Edith Nordsieke gefunden, den die heute 76-Jährige vor fast 54 Jahren beim Kartoffelsuchen verloren hatte. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Fotos: Jürgen Ackmann

Berge. Manche Dinge brauchen Zeit. Viel Zeit. Im September 1964 verlor die heute 76-jährige Edith Nordsieke beim Kartoffelsuchen auf einem Acker in Berge im Norden des Landkreises Osnabrück kurz nach der Hochzeit ihren Ehering. Im März 2018 hat der achtjährige Tristan Klee ihn gefunden – bei der Suche nach einem Bumerang.

Edith Nordsieke ist erstaunt. Vor ihrer Haustür steht ein ihr unbekannter Junge. Er lächelt und hält ein wenig aufgeregt einen Ring zwischen Daumen und Zeigefinger, den er ihr entgegenstreckt. Edith Nordsieke denkt kurz nach. Dann ahnt sie es. Der Junge hält den Ehering in Händen, den sie vor fast 54 Jahre verloren und immer wieder gesucht hat. Ein Blick auf die Gravur im Inneren des Ringes bestätigt es. „W. Nordsieke“ ist dort zu lesen und das Datum „26. Januar 1963“.

An jenem Tag hatte sich Edith Nordsieke – die damals noch Bronn heißt – mit Willi Nordsieke verlobt. Es ist zugleich dessen Geburtstag und der Tag, an dem er eine Wette gegen seine Kollegen in der Firma gewinnt. Er sei sich sicher, dass sie ausnahmslos zu seinem Geburtstag kommen würden, verkündet er damals. Die Kollegen halten dagegen. Alle würden bestimmt nicht kommen können. Was sie noch nicht wissen: Willi Nordsieke wird an diesem Tag auch seine Verlobung mit seiner Freundin Edith feiern. Als er das nach Wettabschluss kundtut, gibt es kein Halten mehr. Die gesamte Belegschaft erscheint.

Wie verhext

Am 21. August 1964 folgt dem Eheversprechen die Hochzeit und vier Wochen später der Verlust des Eheringes auf dem Acker hinter der ehemaligen Landwirtschaftsschule, in der heute das Familienzentrum Pusteblume sowie die Gemeindeverwaltung untergebracht sind. „Es war schönes Wetter. Das weiß ich noch“, sagt Edith Nordsieke. Weniger schön: Der Ring lässt sich zwischen Kartoffellaub und aufgewühlter Ackerkrume partout nicht finden. Es ist wie verhext.

Auch in den Folgejahren bleibt die Suche erfolglos. Selbst die Kinder – Silke, Anja und Jörg – machen später mit. Aber auch sie werden nicht fündig. Der Ehering blieb verschwunden, ein Neuer ersetzte ihn.

Dann zieht der März 2018 herauf, und Tristan Klee klingelt an der Haustür von Edith Nordsieke. Der Achtjährige besucht derzeit vormittags die Grundschule in Berge und nachmittags das Familienzentrum Pusteblume in der ehemaligen Landwirtschaftsschule. Hier isst Tristan Klee zu Mittag, macht seine Hausaufgaben und wirft mit seinem Kumpel Joel auch schon mal einen Bumerang durch die Lüfte. Der landet in diesen Märztagen dort, wo er nicht landen sollte – auf dem benachbarten Acker. Die beiden Jungs bitten ihre Betreuerinnen um Erlaubnis, den Acker nach dem Bumerang absuchen zu dürfen. Die bekommen sie.

Goldglänzendes im Erdreich

Also machen sich die Jungen an die Arbeit. Da der Acker von einer Zwischenfrucht überwachsen ist, gestaltet sich die Suche nicht ganz so einfach. Doch dann sieht Tristan Klee den Bumerang im Gestrüpp. Direkt daneben lugt Goldglänzendes aus dem Erdreich. Ein Schatz? Ja. Der Ehering.

Zusammen mit Mutter Simone (im Hintergrund) hat Tristan Klee via Google herausgefunden, wo Edith Nordsieke wohnt. Dann haben beiden das Fundstück übergeben. Foto: Jürgen Ackmann

Die Jungen überlegen, was sie mit ihm machen sollen. Schnell erkennen sie, dass sich bestimmt jemand freuen würde, wenn dieser Jemand den Ring wiederbekäme. „Solche Sachen nimmt man nicht einfach so mit“, erklärt Tristan Klee mit ernster Miene. Er zeigt also erst einmal seiner Mutter Simone das Fundstück. Die liest die Gravur, kann aber zunächst mit dem Namen nichts anfangen. Also tut sie, was 2018 in solchen Fällen alle machen: Sie googelt den eingravierten Namen und stößt auf zwei Artikel des Bersenbrücker Kreisblattes und damit auf den Namen von Edith Nordsieke. Die hatte 2012 ein Ehepaar aus Finnland bewirtet, das sich einst in der Gemeinde Berge verliebte. Ebenfalls eine Geschichte der Zufälle.

Erst einmal den Namen gegoogelt

Simone Klee prüft, ob Edith Nordsieke noch in Berge lebt und wird fündig. Kurze Zeit später bringt sie ihren Sohn zum Haus von Edith Nordsieke, damit er ihr den Ehering zeigen kann. Nachdem sich bei der früheren Gastwirtin das ungläubige Staunen gelegt hat, bahnt sich pure Freude den Weg. Keinen Kratzer hat der Ehering. Er glänzt fast frei von Gebrauchsspuren im Licht. Weder scharfe Pflugscharen noch schwere Trecker haben dem Symbol des Eheversprechens etwas anhaben können. „Wenn Willi das noch erlebt hätte“, wird sie später in einem Gespräch sagen. Im Juni 2008 sei er leider viel zu früh gestorben.

Und wie das in kleinen Orten wie Berge so ist: Das Verschwinden und Wiederauftauchen des Fundstückes will gewürdigt sein. Familie und Freundeskreis denken deshalb über eine Ringparty nach. Sicher wird auch Tristan Klee eingeladen, um noch einmal die Geschichte seines Fundes zu erzählen. Den hat Edith Nordsieke dem Achtjährigen mit einem Finderlohn schon mal ein wenig vergoldet. Und auch die Betreuungsgruppe wird nicht leer ausgehen. Sie darf auf Rechnung der 76-Jährigen im Eiscafé Etna schlemmen.


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