Serie „Mein Kunde und ich“ Fürstenauer Florist über Valentinstage und verzweifelte Männer

Von Christian Lang

Seit 2007 führt Harald Münch die Gärtnerei Münch in Fürstenau. Foto: Christian LangSeit 2007 führt Harald Münch die Gärtnerei Münch in Fürstenau. Foto: Christian Lang

Fürstenau. Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 1: Gärtner und Florist.

Seit 2007 führt Harald Münch die Gärtnerei Münch in Fürstenau. Mit uns hat der Gärtnermeister und Florist über den anstehenden Valentinstag, pompöse Hochzeiten und nervöse Männer gesprochen.

Herr Münch, bald ist wieder Valentinstag. Wie häufig kommt es vor, dass an diesem Tag verzweifelte Männer in Ihren Laden stürmen, die noch ein Geschenk für ihre Frau benötigen?

Das kommt gar nicht mehr so häufig vor bei uns, wie man meinen würde. Der Valentinstag ist bei uns eher ein besonderer Umsatztag im sonst sehr ruhigen Februar. Der Valentinstag selber aber ist beim Umsatz längst überholt worden vom Internationalen Frauentag am 8. März. Die Einheimischen halten vom Valentinstag mittlerweile recht wenig. Sie finden, dass es etwas ist, was viel zu sehr gehyped wird.

Also stehen die verzweifelten Männer dann Anfang März vor Ihrer Tür...?

Verzweifelt sind sie eigentlich nicht. Aber für uns ist das sehr unterhaltsam, weil sie so häufig kommen. Sie erscheinen manchmal schon am Vortag, um etwas für die Ehefrau oder andere weibliche Familienmitglieder auszuwählen oder zusammenzustellen. Dann kommen sie am nächsten Morgen wieder, um für die liebe Kollegin etwas zu holen. Und dann kommen sie vielleicht noch mal mittags und nachmittags, um etwas für die Nachbarsfrau oder eine andere weibliche Person zu besorgen. Auch abends sehen wir noch den ein oder anderen Kunden – zum wiederholten Male.

Tauchen die Männer so häufig auf, weil sie es eine bestimmte Frau in ihrer Umgebung vergessen haben?

Nein, im Gegenteil. Es ist eher ein konsequentes Abarbeiten, zumal sich die Frauen mit einem „Eingeschenkten“ für die Aufmerksamkeit bedanken. Jede Frau, die ihnen im Laufe des Tages einfällt, wird dann bedacht. Es kam auch schon vor, dass unsere Mitarbeiterinnen an dem Tag von den Kunden beschenkt wurden. Das ist an Valentinstag noch nie passiert.

Kommen Kunden denn häufig auch mit sehr kurzfristigen Wünschen auf Sie zu?

Das kommt schon vor, ja. Trauerfeiern sind zum Beispiel ein „Just-in-Time-Geschäft“. Da wird nicht viel geplant. Sterben kann man ja in den seltensten Fällen „organisieren“ und dann ist der Zeitkorridor bis zur Beerdigung sehr knapp. Da erwarten die Kunden schon, dass wir alles parat haben und rechtzeitig liefern können. Das ist aber sehr schwierig. Im Gegensatz zu früher werden heute besondere Blumen oder Farben bestellt. Und das lässt sich meistens nicht so kurzfristig organisieren, da die Ware dann oft zu wenig Farbe zeigt oder gar nicht der Jahreszeit entspricht.

Haben die Kunden Verständnis dafür, wenn sie einige Tage auf die Ware warten müssen?

Nein. Sie wollen, dass alles ruf- und abholbereit ist. Das sind sie gewohnt aus den Kaufhäusern, aus dem Internet. Aber wir probieren natürlich, alles möglich zu machen. Und oft gelingt es, einen Kompromiss zu erarbeiten. Bei Hochzeiten ist es dagegen anders als bei Trauerfeiern.

Inwiefern?

Hochzeiten werden lange im Voraus auch mit Hilfe des Internets von den Angehörigen vorbereitet. Sie tauchen dann irgendwann bei uns auf, halten uns das Handy vors Gesicht und zeigen, was sie haben möchten. So haben wir jetzt schon Anfragen für Juli und August. Hochzeiten werden lange im Voraus organisiert, bei Trauerfällen müssen wir dagegen schnell reagieren. Wobei das gar nicht mehr so häufig vorkommt.

Weil Blumen auf Trauerfeiern keine große Rolle mehr spielen?

Nun ja, entfielen vor wenigen Jahren noch rund 33 Prozent des Jahresumsatzes auf Trauerfloristik, sind es mittlerweile keine fünf Prozent mehr. Der Markt ist völlig in sich zusammengebrochen. Das gestrichene Sterbegeld von den Krankenkassen und die alternativen Beisetzungen haben auch dazu beigetragen. Das kann man ja auch anhand der Traueranzeigen in den Zeitungen sehen: Nicht jeder Sterbefall wird dort noch angezeigt und zudem heißt es häufig, dass von Blumenkranz-Spenden abgesehen werden soll. Stattdessen wird um eine Geldspende für (Pflege-)Einrichtungen gebeten. Früher war Sterben ein gesellschaftliches Event, heute hat man eher Angst vor den öffentlichen Prozessen Abschied und Trauer. Da hat sich etwas kulturell massiv verändert.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten noch im Kundenverhalten verändert?

Ich versuche das immer selbst herauszufinden, indem ich ein- bis zweimal pro Jahr durch den ganzen Ort gehe und mir anschaue, wie die Menschen wohnen und wie die Häuser eingerichtet sind. Fast jeder zweite Haushalt hier hat keine von außen sichtbaren Pflanzen mehr hinter den Fenstern. Denken Sie an die verkiesten Vorgärten: pflegeleicht, aber seelenlos! Das ist eine massive Veränderung. Dasselbe ist bei der Tischkultur zu beobachten. Früher war jeder Tisch geschmückt mit frischen Blumen. Das gibt es heute fast nicht mehr.

Worin sehen Sie die Gründe für diesen Wandel?

Das ist schwer auszumachen. Ich glaube, es ist eine grundsätzliche kulturelle Einstellung. Viele schätzen Blumen einfach nicht mehr wert. Aber es gibt auch eine sehr positive Entwicklung. Bei den Unter-30-Jährigen wächst eine Klientel heran, die beispielsweise ganz großen Spaß am Nutzgarten hat.

Im Umfeld der Trauerfloristik haben Sie mit Kunden zu tun, die vor Kurzem einen geliebten Menschen verloren haben. Wie schwierig ist für Sie in solchen Fällen der Umgang mit den Kunden?

Man kommt den Menschen dabei sehr nahe. Das Thema Sterben ist das neue große Tabu in unserer Gesellschaft. Wenn man es schafft, den Angehörigen zu helfen und sie im Trauerprozess zu begleiten, dann erlebt man die tollsten Geschichten. Ich muss an eine Frau denken, deren Mann seit zwei Jahren tot war. Sie sagte dann zu mir: „Wissen Sie, was ich am meisten vermisse? Die Spritzer am Klo.“ (lacht)

Müssen Sie auch ein guter Seelsorger sein?

Das kommt auf den Einzelfall an. Ich kann die Kunden ja nicht dazu zwingen, sich zu öffnen. Manche erzählen viel über ihre Probleme, andere finden keine Worte oder können sich in der Situation nicht an Lieblingsfarben oder so erinnern. Das erschwert das Ganze. Dann muss ich versuchen, zu interpretieren, was der Kunde von mir eigentlich will. Man muss Zwischentöne wahrnehmen, auf das Unterschwellige achten. Das ist zwar schwierig, kann aber auch sehr interessant und spannend sein, weil man Menschen nahe kommt, denen man sonst nicht nahe gekommen wäre. Empathisch sollte man schon sein in diesem Beruf. Man erlebt Menschen in einer Ausnahmesituation. Nach ein paar Wochen können sie wieder vollkommen „normal“ sein.

Gibt es da Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Männer trauern etwas anders, suchen oft schneller nach neuem Halt und neuen Aufgaben. Frauen bleiben erst einmal mehr bei sich.

Sie haben vorhin das Thema Hochzeiten angesprochen. Derzeit ist zu beobachten, dass diese immer pompöser werden. Bemerken Sie das auch?

Ja, sehr. Das vergangene Jahr war für uns das überraschendste Hochzeitsjahr aller Zeiten. Wir haben wirklich zahlreiche Großaufträge erhalten: Säle, Tische, Autos, Kutschen – alles sollten wir dekorieren. Wir waren sehr überrascht, dass der Markt so explodiert ist.

Haben Sie dabei auch häufig mit nervösen oder perfektionistischen Bräuten zu tun?

Männer sind nervöser. Frauen haben in der Regel hier das Regiment. Sie haben klare Vorstellungen davon, was sie haben möchten. Sie suchen Bilder, Kleidung, Location aus – und dann eben auch die Blumen. Männer sind dann eher in der Defensive. Frauen regieren die Welt. (lacht)