Vortrag an der Oberschule Berge Eine Fürstenauer berichtet über ihre Arbeit in Kenias Kinderheimen

Von Miriam Heidemann


mihe Berge/Fürstenau. Kenia ist ein faszinierendes Land. Für Touristen. Wer dort länger lebt, gewinnt viele weitere Eindrücke. So wie Ann-Kathrin Lorenz. Sechs Monate arbeitete sie dort in Kinderheimen. Nun berichtete die ehemalige Schülerin der Oberschule Berge ihren „Nachfolgern“ über ihre Erlebnisse.

„Ich wollte einfach mal raus und etwas anderes von der Welt sehen.“ Das sei die Ausgangslage gewesen, erklärt die 18-jährige Fürstenauerin den Schülern der Klassen neun und zehn. Die Inspiration für diesen Schritt erhielt sie durch Lehrer an der Berger Oberschule, die ihre Schülerin bestärkten, ein Praktikum in Kenia zu absolvieren. Hilfe kam zudem von der Bartholomäus Gesellschaft in Lingen, die sich die finanzielle Unterstützung der Society of the Helpers of Mary auf die Fahnen geschrieben hat. Der Orden betreibt Heime und Weisenhäuser in Indien, Äthiopien und eben in Kenia. Am 26. Juni 2017 ging es los. Zuerst sollten es nur drei Monate sein, doch Ann-Kathrin – sie möchte gerne einfach nur beim Vornamen genannt werden – entschied sich, ihren Aufenthalt um weitere drei Monate zu verlängern. Bereut habe sie diese Entscheidung nicht.

Lebensumstände größte Herausforderung

Natürlich sei die Ankunft in Kenia zunächst eine Umstellung gewesen, erzählt Ann-Kathrin. Das habe schon beim trockenen Klima angefangen. Die größte Herausforderung seien jedoch die Lebensumstände gewesen.

Zunächst war Ann-Kathrin drei Monate in einem Kinderheim in Kitengela südlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi, dann zwei Monate in einem Kinderheim in Nakuru. Die Ordensschwestern, die dort arbeiteten, lebten streng religiös. „Es wird immer gebetet: Vor dem Essen, nach dem Essen, zwischendurch“, erzählt die 18-jährige. Der Alltag habe aus viel Arbeit bestanden: ob Wäsche per Hand waschen, kochen, die Kinder betreuen. „Ich war irgendwie für alles zuständig“, so die junge Frau. Die Kinder hätten aber bei den täglich anfallenden Aufgaben mitgeholfen. „Jeder ist fleißig. Da gab es das nicht, dass die Kinder am Handy zocken oder die Playstation anmachen. Trotzdem ist den ganzen Tag beschäftigt“, betont Ann-Kathrin.

Jedem Kind eine gute Nacht gewünscht

Die meisten Kinder im Heim seien Waisen und seien oft in sehr jungen Jahren auf der Straße gefunden worden – nicht selten als Babys einfach irgendwo abgelegt.

In den sechs Monaten, die Ann-Kathrin in Kenia gewesen sei, habe sie die Kleinen aufwachsen sehen. „Bei vielen Kindern merkt man, wo sie herkommen und wie sie leben“, sagt Ann-Kathrin. Ihr sind die Jungen und Mädchen ans Herz gewachsen sind. Jedem Kind hat sie abends eine gute Nacht gewünscht – und das waren meist zwischen 70 und 100.

Gern berichtet Ann-Kathrin auch über die kleine Gloria. Sie sei von anderen als Glückskind bezeichnet worden. Der Grund? Als eine von wenigen hat Gloria noch einen Vater, der sie hin und wieder im Kinderheim besucht Glorias Mutter hingegen verstarb bei der Geburt. Da Männer in Kenia ihre Kinder nicht ohne Ehefrau großziehen dürften, müssten sie ins Heim.

Außer den beiden Kinderheimen war Ann-Kathrin jeweils zwei Wochen in einem Alten- und Behindertenheim für Frauen in Bathsaida sowie einem für Männer in Nairobi. „Meistens ist es in Kenia so: Die Eltern merken, dass ihr Kind behindert ist, und dann werden die Kinder auf der Straße ausgesetzt“, berichtet sie.

Als einzige Weiße im Slum

Das Behindertenheim für junge und alte Männer lag direkt im Slum Kibera in Nairobi. Auch das Leben dort habe bei Ann-Kathrin einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es herrsche ein harter Kontrast zwischen arm und reich: auf der einen Seite liege der Slum mit den Lehmhütten, dem Müll und den kleinen Shops. Von dort können die Bewohner hinüberschauen auf die Seite der Reichen mit den modernen Hochhausbauten.

Als einzige Weiße durch den Slum zu gehen, sei schon merkwürdig, berichtet Ann-Kathrin. „Das ist nicht so einfach, denn die Leute kommen auf dich zu und wollen dich berühren“, erzählt sie. Die Kinder aus dem Heim, die sie begleiteten, hätten jedoch gut auf sie aufgepasst.

„Wie fleißig die Kinder da sind und wie es hier ist, da liegen Welten dazwischen“, sagt die junge Frau. Das sei auch ein wichtiger Grund, weshalb sie den Schülern der Berger Oberschule von ihren Erlebnissen erzähle. Sie sollten sehen, wie die Menschen in anderen Ländern wie Kenia unter großer Armut lebten.

Das Leben mit anderen Augen sehen

Das sah auch Schulleiter Gerd Beckmann so, der Ann-Kathrin genau aus diesem Grunde eingeladen hatte. Die Schüler sollten erfahren, wie es anderswo auf der Welt aussehe – und dass sie selbst hier in guten Verhältnissen lebten, so Gerd Beckmann. Nicht zuletzt könne es die Jugendlichen dazu bewegen, die Dinge mit etwas anderen Augen zu sehen.

Für Ann-Kathrin Lorenz jedenfalls hat sich durch das halbe Jahr in Kenia viel verändert, wie sie sagt. Sie nehme sie nun Vieles bewusster war und habe immer im Hinterkopf, dass viele Menschen nicht den gleichen Lebensstandard haben wie in Deutschland.

So fiel ihr der Abschied in Afrika sehr schwer. „Wenn ich die Chance hätte, würde ich wieder dorthin gehen, denn die Leute haben eine positive Lebenseinstellung“, sagt sie.

Die Schüler der Berger Oberschule waren von den Erzählungen beeindruckt. Die Mitglieder der Schülerfirma möchten deshalb ihre diesjährige Spende in Höhe von 300 Euro an die Society of the Helpers of Mary geben, um so die Arbeit in den Heimen und Waisenhäusern zu unterstützen, so wie auch andere Schulen helfen. Ann-Kathrin freut das. Auch mit Worten hat sie viel bewegt.