Kreuz und Partisanenstern Bersenbrücks Partnerstadt: Geschichten, die Rumas Friedhof erzählt

Von Martin Schmitz


Ruma. Wer eine Stadt kennenlernen möchte, sollte sich auf ihren Friedhöfen umschauen. In Ruma erzählen die Gräber Geschichten, die man so nicht erwartet hätte.

Eigentlich wollte Marko Mijic nur zeigen, wie sich die katholische Kirchengemeinde der neuen Partnerstadt der Samtgemeinde Bersenbrück gegen den Verfall anstemmt. Sie hat ein auseinandergebrochenes Steinkreuz durch ein neues ersetzt. Dann zeigt er auf ein Grab nicht weit davon, ein schlichter Stein aus schwarzem Marmor, wie er überall in Europa anzutreffen sein könnte. Mirko und Jozefine Unterberger, lautet die Aufschrift, mit Lebensdaten, die wohl ihm zuzuordnen sind: 1916 bis 2006. Hier liegt das einzige jüdische Paar auf einem städtischen Friedhof, den sich alle Religionsgemeinschaften teilten. Lediglich Juden und Calvinisten schufen sich eigene Gottesäcker.

Die Gräber spiegeln die Vielfalt wider: Kyrillische Schriftzeichen stehen neben lateinischen, manchmal sogar auf dem gleichen Grabstein. Neben christlichen Kreuzen unterschiedlicher Art findet sich der jugoslawische Partisanenstern. Ältere Gräber tragen Porträts der Verstorbenen, auf jüngeren sind sie mit einer neuen Technik direkt in den Stein geätzt.

Mirko Unterberger, erzählt Mijic, entkam dem Konzentrationslager Auschwitz und schloss sich Titos Partisanen an. Vor dem inneren Augen tauchen Bilder aus dem Spielfilm „Defiance“ auf, in dem James-Bond-Darsteller Daniel Craig einen grimmigen polnisch-jüdischen Widerstandskämpfer gibt. Da setzt Mijic noch eins darauf, erzählt vom Juden Adolf Gumbel, der hier ebenfalls begraben liegt. 1917 war er bei der Oktoberrevolution in Russland dabei, und im Zweiten Weltkrieg schloss er sich ebenfalls den jugoslawischen Partisanen an.

Für den 68-Jährigen ist die Geschichte der Partisanen Teil seiner Familiengeschichte. Seine Eltern lernten sich als Teilnehmer der Kämpfe um die Befreiung Splits unten an der kroatischen Küste kennen. Ihr Kampf gegen die deutschen Besatzer brachte sie nach Ruma, wo sie blieben. Das macht ihren Sohn zu einem typischen Rumäer. Die Stadt ist eine Stadt der Einwanderer. Unterschiedliche Nationen und Glaubensgemeinschaften leben in ihr friedlich zusammen, über weite Strecken ihrer Geschichte zumindest.

Donauschwaben

Sie liegt im fruchtbaren Schwemmland der Flüsse Donau und Save, in der im 18. Jahrhundert die Kriege zwischen dem Osmanischen Imperium und der Habsburger Monarchie tobten. Die kroatische Adelsfamilie Pejacevic kauft hier Land und erhält von Kaiserin Maria Theresia das Privileg, eine Stadt zu gründen. Serben aus der Umgebung sind die ersten Siedler. Ab 1746 kommen die sogenannten Donauschwaben als Einwanderer hinzu. Bald bilden sie die größte Gruppe der Bevölkerung.

Serben und Deutschstämmige arrangieren sich, berichtet Mijic, sie bestimmen die Geschicke der Stadt, im Zweifel auf Kosten der Minderheiten von Kroaten, Slowaken und Ungarn. 41 Bürgermeister deutscher Abstammung hätten die Stadt im Wechsel mit Serben geführt, viele von ihnen erfolgreiche Unternehmer, die ihren Wohlstand mit Begräbniskapellen für ihre Familien auf dem Friedhof unter Beweis stellten. Die Kapellen sind heute noch zu sehen.

Dann schlägt der Stadthistoriker ein neues Kapitel auf, führt seine Gäste zu einem Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Allerdings nicht für die, die Österreich-Ungarn in seine k.u.k. Armee einzog. Sondern die, die sich als Freiwillige der Armee des Königreichs Serbien in ihrem Abwehrkampf gegen die Achsenmächte anschlossen.

Ruma gehört zur autonomen Region Vojvodina, bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein Teil des Kaiserreiches Österreich-Ungarn. Damals tauchte die Frage auf, ob die Region sich einem ungarischen Nationalstaat anschließen sollte oder nicht. Am 24. November 1918 forderte eine Nationalversammlung der Vojvodina, die Region dem neu gebildeten Staat der Serben, Kroaten und Slowenen zuzuschlagen, dem Königreich Jugoslawien, dem erstem Anlauf zu einem vereinten Land der südslawischen Völker. In Ruma sind sie sehr stolz darauf, dass die Bevölkerung per Delegiertenwahl die Entscheidung mittrug. Das war längst nicht überall im neuen Jugoslawien der Fall. Die Abneigung gegen Ungarn mag Serben und Deutschstämmige in dieser Frage vereint haben. Ein Denkmal für den Politiker Žarko Miladinovic erinnert in der Stadt daran.

Das (vor)letzte Kapitel

In der Epoche dieses ersten Jugoslawiens waren ausschließlich deutsche Bürgermeister Oberhaupt der Stadt, berichtet Mijic. 1941 erobert die deutsche Wehrmacht Jugoslawien. Der Teil der Landes, zu dem Ruma gehört, wird dem von der faschistischen Ustascha geführten Kroatien zugeschlagen. Der Ustascha-Terror in Verbindung mit der deutschen Besatzung zerrüttet das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Serben. Mijic kennt aber Beispiele von Zivilcourage, erzählt von einem deutschen Polizisten, der jüdische und serbische Nachbarn warnte, bevor die Ustascha zur Verhaftung anrückte.

Titos Partisanen nehmen den Kampf auf. Bevor sie mit russischer Hilfe die Stadt erobern, haben die meisten Deutschen Ruma bereits verlassen, mit Zügen oder in traurigen Flüchtlingstrecks auf Pferdewagen. Von über 10000 Deutschstämmigen blieben 1945 nicht viel mehr als tausend. Etwa 250 werden von den Partisanen umgebracht.

Ihre überragende Rolle in der Stadt haben die Deutschen verloren. Es gibt aber immer noch etliche Rumäer, die stolz sind auf ihre deutschen Wurzeln.