„Jedes Buch eine neue Welt“ Bersenbrück: Literaturpreis für Katharina Meyer

Von Martin Schmitz


Berlin/Bersenbrück. Die aus Bersenbrück stammende Katharina Meyer hat den neunten Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteratur verliehen bekommen.

Sie erhielt den Preis in Berlin zusammen mit Lena Müller für die Übersetzung des Romans „Tram 83“ des kongolesischen Autors Fiston Mwanza Mujila, der ebenfalls ausgezeichnet wurde. Katharina Meyer und Lena Müller hätten „für diesen ins Performative drängenden Text eine mitreißende Sprache gefunden“, urteilt die Jury der Stiftung Elementarteilchen Hamburg und des Hauses der Kulturen der Welt.

„Tram 83“ sei ein ungewöhnlicher Text, impulsiv „wie wilder improvisierter Jazz“, sagt Meyer, eine Herausforderung für Übersetzer. Der Roman spielt in einer Stadt irgendwo in Afrika, heruntergekommen und brodelnd, weil ringsherum illegal Bodenschätze abgebaut werden. In einer schummerigen Bar treffen sich alle, Glücksritter, Banditen, Arbeiter, Touristen, Studenten. Minderjährige Prostituierte bieten auf den Toiletten ihre Dienste an. In dieser Umgebung spielt die Geschichte des Dichters Lucien und des Gauners Requiem, mit dem er befreundet ist.

Gegenseitig vorgelesen

Fiston Mwanza Mujila (36) lehrt in Graz und schreibt seine Texte auf Französisch. „Tram 83“ ist sein erster Roman. Eigentlich, sagt Katharina Meyer, wollte er Jazzmusiker werden. Er „skandiert, brüllt, säuselt die Sätze über den Alltag in einer von Gewalt beherrschten Männergesellschaft mit radikalem Furor“, so die Jury. Ihr Mentor aus dem Georges-Arthur-Goldschmidt-Programm machte seine Stipendiatin auf den Autor aufmerksam. Sie lernte ihn auf Lesungen kennen. Lena Müller kannte sie bereits aus dem Programm. Die Berlinerin hatte den Übersetzerpreis schon einmal verliehen bekommen und Mujilas Roman für einen Verlag beurteilt. Müller schlug vor, den Roman gemeinsam zu übersetzen, ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds ermöglichte den beiden Frauen eine intensive Zusammenarbeit im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen. Dort lasen sie sich den französischen Originaltext wie auch ihre Übersetzung gegenseitig vor und diskutierten Satz für Satz.

Kubanische WG

Dieses Vorgehen kam dem Text sehr zu Gute, erklärt Meyer, da er zahlreiche übersetzerische Herausforderungen stelle: Wortneuschöpfungen, versteckte und abgewandelte Zitate und Redewendungen, Wortspiele, rhythmisierte und sich reimende Passagen, Mischung von hoch-, umgangs- und regionalsprachlichen Elementen, Anspielungen auf politische und gesellschaftliche Ereignisse im Kongo vor und nach der Unabhängigkeit, lange Dialogsequenzen, wechselnde Erzählhaltungen und -perspektiven, Figurensprache und eingeschobene Tagebuch-, Traum- und Gedichtelemente.

Das alles erzählt Katharina Meyer in der urigen Buchhandlung, die ihre Eltern in Bersenbrück betreiben, und die sie immer noch regelmäßig besucht. Mit ihrem Mann und vier Kindern lebt die 38-Jährige in Düsseldorf. Spanisch und Französisch sind ihre Sprachen, sie übersetzt eigentlich alles, Fremdenführer, Drehbücher, am liebsten aber Literatur. „Jedes Buch ist eine neue Welt“, sagt sie, und auf neue Welten war sie immer schon neugierig. Als Bersenbrückerin besucht sie die Waldorfschule in Evinghausen. Weil die keine Abiturklasse hatte, ging sie nach Münster und lebte in einer Wohngemeinschaft mit Kubanern zusammen. Sie entwickelte ein lebhaftes Interesse für den hispanischen Kulturraum, lebte in Spanien, Schottland, in Mexico und auf Kuba, „wenn ich etwas Geld zusammenhatte“ erzählt sie. Um Geld zu verdienen, übersetzte sie für die Marco Polo-Fremdenführerreihe. Die Texte fand sie zwar „schrecklich“, doch das Übersetzen gefiel ihr, in Düsseldorf schloss sie ein Studium für Literaturübersetzung in den Sprachen Spanisch und Französisch ab.

Der Berufseinstieg sei nicht leicht. „Wenn die Texte gut sind, lagen sie schon bei allen Verlagen auf dem Tisch. Aber wenn mir einer gefällt, dann biete ich ihn an.“