Quittkerie“ für Bestenliste? Satter Streich in Ankum


Ankum. Die Ankumer lieben Quittkerien, liebevoll-deftige Streiche, die sie sich gegenseitig spielen. Diese hier könnte es in die ewige Bestenliste schaffen: 30 Verschwörer retten eine Schützenfahne, halten eisern dicht und lassen ihren Präsi zappeln.

Alles begann mit einem heißen Tipp aus München. Ein aufmerksamer Beobachter informierte Schützenpräsident Hermann Lünnemann, auf Ebay werde eine historische Schützenfahne versteigert, die wohl aus Ankum stamme. Auf einer Baubesprechung für den großen Umbau des Schützenhauses gab der Präsident die frohe Kunde an die Birkenschläger weiter, zwei Stimmtische, die dem Verein immer wieder wertvolle Dienste leisten. Die Birkenschläger tranken mit Pokermiene das Bier, das der Schützenpräsident spendiert hatte. Alldieweil wischte einer von ihnen über das Handy – und schon war die Fahne wieder in Ankumer Hand.

Als dann Lünnemann kurz darauf selbst für den Verein in Aktion treten wollte, drei zwei eins – da war sie weg! Spurlos verschwunden.

Verschwunden war sie streng genommen seit dem Zweiten Weltkrieg, weiß Thomas Oeverhaus, der als Autor die Geschichte in einer Vereinschronik aufgezeichnet hatte. Die 1830 geschaffene und 1922 renovierte Fahne gilt als die älteste des Vereins. Ein Besatzungssoldat dürfte sie vor 70 Jahren wohl als „Beutekunst“ mitgenommen haben.

Präsident zieht alle Hebel

Hermann Lünnemann wollte nicht als der Präsident in die Vereinsgeschichte eingehen, dem die Wiederbeschaffung misslungen sei. Das vertraute er später seinem Kegelbruder Thomas Oeverhaus an. In Leipzig hatte er einen Rechtsanwalt aufgetan, der sich mit „Beutekunst“ auskennt. Er hatte eine amtliche Stelle eingeschaltet und sich sogar an den Norddeutschen Rundfunk gewendet, der einen Fernsehbeitrag plante.

Oeverhaus wurde heiß und kalt. Nicht nur der Präsident hatte ihn hinzugezogen. Auch die Birkenschläger schalteten ihn als Experten ein, um die Fahne zu begutachten. Sie hatten ihn sogar noch tiefer ins Vertrauen gezogen: Als Standesbeamter soll Oeverhaus Anfang Juni seinen Freund Lünnemann trauen, das wollten die Clubs nutzen, den Präsidenten mit der Fahne zu überraschen.

Krisenmanagement

Ein NDR-Beitrag hätte die ganze schöne Quittkerie platzen lassen können. Oeverhaus informierte Dirk Raming. Der ist als Fraktionssprecher der Unabhängigen Wählergemeinschaft Ankum auch Krisenmanagement gewohnt. Und er managte diese Krise genauso trocken, wie er seine Rolle im Samtgemeinderat ausfüllt: „Wir haben die erst einmal angerufen und denen gesagt, dass sie die Füße still halten sollen.“

Der NDR zog sich zurück. Und die Birkenschläger änderten ihre Pläne. Sie überraschten Lünnemann und den Verein in der Generalversammlung, mit einer kleinen Verbeugung vor der Zähigkeit, mit der Lünnemann um die Fahne gekämpft hatte. Zuerst präsentierten sie ein auf Pappe aufgemaltes Banner. Weil sich Lünnemann damit auf keinen Fall zufriedengeben würde, erklärten sie, wurde das Original im Triumph hereingetragen.

Das war am vergangenen Samstag. Hermann Lünnemann ist Tage später noch überwältigt von seinen Gefühlen. Die Geschichte sei in Ankum herumgegangen wie ein Lauffeuer. Am Sonntag, auf dem Dorffest „Markt der Möglichkeiten“ hätten ihn unzählige Menschen angesprochen, zur rückerlangten Fahne gratuliert. Der ganze Ort nimmt Anteil am Schicksal des Vereins.

Bleibt nur noch zu ergänzen, dass Oeverhaus mit seiner These von der Beutekunst durchaus richtig liegen könnte, wie die Birkenschläger vertraulich vom Verkäufer erfahren haben.

Zweite Chance für Lünnemann

Nun hat Lünnemann eine zweite Chance, die Fahne für den Verein zu erwerben. Nominell gehört die noch den Birkenschlägern. Doch am Pfingstmontag liegen die „Verhandlungen“ an. Traditionell machen Vereinsvorstand und Clubs vor dem Schützenfest aus, was die Birkenschläger für ihre Arbeit bekommen, das Grün zu schlagen, Straßen und Festplatz damit zu schmücken.

Diesmal wird für seine Mannen wohl mehr drin sein als „ein Schnitzel und ein Bier“, schmunzelt Dirk Raming. Das sieht Lünnemann genauso, er arbeitet an einem Angebot, ds man nicht ausschlagen kann. Und er würde auch gern den Mann aus Bayern zum Dank einladen, der die Schützen auf die Versteigerung aufmerksam machte. Und den britischen Verkäufer.

Und er möchte die Fahne restaurieren lassen. Das wird nicht billig, ist ihm klar. Doch schon in der Generalversammlung gab es erste Ankündigungen, für die Restaurierung Geld zu spenden. Die Ankumer stehen zu ihrer Fahne. Auch wenn sie sich manchmal einen ganz schön quittkerigen Scherz damit erlauben.


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