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Asperger-Syndrom Assistenzhündin Jill gibt Autistin im Alltag Sicherheit


Alfhausen. Charlotte und Jill – das ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich mithilfe ihres vierbeinigen Gefährten Schritt für Schritt aus der Isolation befreit und sich immer mehr Sicherheit und Eigenständigkeit erkämpft. Die Fortschritte übertrumpfen die Rückfälle.

Als junges Mädchen musste Charlotte sich nicht um Sympathien bemühen. Sie war zart, hübsch und scheu. Das weckte wohl viele Beschützerinstinkte. Die positiven Reaktionen auf sie erwiderte Charlotte jedoch nicht, sie kommunizierte nur mit ganz wenigen Bezugspersonen.

Ohne vertraute Mitmenschen war Charlotte in fremder Umgebung hilflos und gestresst. Die Einschulung stellte deshalb eine große Hürde dar. Zum Glück schaffte sie einen guten Einstieg in der Marienschule in Schwagstorf. Hier wurde sie sehr liebevoll und tolerant aufgenommen. Charlotte knüpfte Freundschaften, die auch heute noch bestehen. Im Gegensatz zu ihr waren ihre Freundinnen meist sehr redselig. Sie schätzten Charlottes Verschwiegenheit und Loyalität. Geheimnisse waren bei ihr sehr gut aufgehoben.

In die Außenseiterrolle

Im siebten Schuljahr kam es jedoch zum Einbruch, als die Lehrer wechselten und aus den Kindern Jugendliche wurden. Charlotte beteiligte sich nicht am Unterricht. Was anfangs noch als scheu eingeschätzt wurde, galt nun als arrogant und stur: „Sie weiß es, aber sie sagt es nicht“, hieß es. Charlotte rutschte in eine Außenseiterrolle. Sie reagierte mit Depressionen und Schulverweigerung.

Ihre Pflegemutter Claudia Ramler hegte schon lange den Verdacht, dass eine autistische Störung der Grund für die angebliche Schüchternheit sei. Die Bitte auf Überprüfung quittierte ihr ein Kinderarzt anfangs mit der Frage, ob sie ihr Kind stigmatisieren wolle. Die eingeforderte Diagnose bestätigte sich dann mit dem Asperger-Syndrom. Das ist eine Form von Autismus.

Nun herrschte Klarheit, aber die Probleme waren nicht gelöst. Schulisch fasste Charlotte in der Freien Waldorfschule in Melle wieder Fuß. Aber wie so oft in Charlottes Leben folgte auf die Fortschritte wieder der Absturz. Neue Eindrücke, die auf Autisten niederprasseln, überwältigen sie. Sie können den Wechsel nicht ausgleichen, dann kommt die Angst ins Spiel. So auch hier: Kurz vor der Realschulprüfung brach Charlotte zusammen, Kopf- und Magenschmerzen quälten sie.

Aber auch Claudia Ramler kam an ihre Grenzen. Sie war ständig gefordert, begleitete Charlotte in jeder neuen Situation und führte die Gespräche. Einen Ausweg aus diesem Dilemma entdeckte sie in Berichten aus der Schweiz über Begleithunde für Autisten. Das gab Hoffnung. Vergleichbares gab es damals jedoch nicht in Deutschland. Die vielen Versuche, einen ausgebildeten Hund für Charlotte zu finden, waren vergeblich. Deshalb entschied sich Claudia letztendlich, einen Welpen entsprechend erziehen zu lassen. Das war vor vier Jahren.

Mit Sabine Berkenharn aus Mettingen fand sie eine exzellente Mitstreiterin. Berkenharn gründete 1995 die Hundeschule Dog Fun, der Schwerpunkt lag auf der Familienhundausbildung. Mit Assistenzhunden für Autisten hatte sie damals noch keine Erfahrungen, ließ sich aber dafür begeistern. Sie hatte gerade Jill, einen jungen Australian-Shepherd-Welpen, in der Basisausbildung. Er schien für diesen Zweck geeignet zu sein.

Liebe auf den ersten Blick

Auch Charlotte war bereit, sich auf einen Assistenzhund einzulassen. Sie wünschte sich einen schlichten, symmetrischen Begleiter. Der junge Welpe sah jedoch ganz anders aus: Lebhaft schwarz, weiß und fuchsig gefleckt, entsprach er gar nicht Charlottes Vorstellungen. Doch beim ersten Treffen legte sich Jill sofort neben Charlottes Stuhl, und es schien bei beiden wie Liebe auf den ersten Blick.

Es folgten arbeitsintensive Monate, in denen sich Sabine Berkenharn langsam an Charlotte herantastete. Die Mühen lohnten sich. Charlotte entwickelte sich rasant weiter. Bei einem gemeinsamen Juist-Urlaub war Charlotte nicht wiederzuerkennen. Mit Jill an ihrer Seite war sie aufgeschlossen und erzählte unbefangen drauflos. Der Hund sei etwas Vertrautes, das Charlotte Sicherheit gibt.

Die Vertrautheit nimmt sie mit in Situationen, die ihr fremd und furchteinflößend erscheinen. Dadurch hat sie nun die Kraft, sich dem zu stellen, erklärt die Hundeausbilderin diese auffallenden Fortschritte. Auch den Autoführerschein hat Charlotte geschafft. Und mit Jill auf dem Rücksitz entschloss sie sich kurzerhand, ihre Tante in Süddeutschland zu besuchen – eine Aktion, die Claudia nicht für möglich gehalten hat.

Mit Jill an ihrer Seite hat Charlotte an der Volkshochschule Osnabrück ihren Realschulabschluss gemacht und besucht nun das Abendgymnasium. Im Anschluss plant sie ein Mathematikstudium. Jill ist immer da und baut die Brücke zu den Mitmenschen. Damit ist der erste Schritt zur Kommunikation für Charlotte geschafft. Das sei Teil eines wichtigen Lernprozesses, erklärt Claudia Ramler. Auch Autisten müssten auf Sozialkompetenz erzogen werden, sonst werde die Kluft zwischen ihnen und ihrer Umwelt immer größer.

Rechtliche Hürden

„Es ist für mich unvorstellbar, dass es ein Leben ohne Jill gab“, äußert sich Charlotte. Als sie von Schulfreundinnen zu einem Kneipenabend eingeladen wird, überlegt sie, ob der Lärm nicht zu groß für Jill ist. „Aber ich kann doch Jill nicht zu Hause lassen, dann bin ich ja ganz allein“, schildert sie ihre Gefühle. Das klingt für Nichtautisten paradox, da sie ja ihre Freundinnen trifft. Doch Charlotte spürt ohne den Hund auch in vertrauter Umgebung Einsamkeit. Sie hat mit Jill dann doch am Kneipenabend teilgenommen und hat ihn wohl auch genossen.

„Von solchen sozialen Aktionen nimmt Charlotte etwas Positives auf“, ist sich Claudia Ramler sicher. Sie freut sich, dass ihre Tochter, die als kleines Kind nie zum Kuscheln oder Schmusen kam, nun mit Jill ausgelassen herumtoben und auch mal auf dem Boden zusammen einschlafen kann.

Trotz der guten Entwicklung sind nicht alle Hürden überwunden. Hunde müssen in vielen öffentlichen Gebäuden oder Geschäften draußen bleiben. Auch wenn Jill eine Kenndecke trägt, die ihn als Assistenzhund kennzeichnet, ist Charlotte stets auf Wohlwollen angewiesen. Wird ihr der Zutritt mit Jill verweigert, schafft Charlotte es nur selten, das sprachlich auszufechten. Die junge Frau wird wieder stumm. Nach wie vor klärt Claudia Ramler vorab solche Situationen.

Eine rechtliche Anerkennung von Autistenhunden als Begleithunde mit gleichen Rechten wie Blindenhunde würde auch diese Schwierigkeiten beseitigen. Dafür kämpfen Sabine Berkenharn und Claudia Ramler. Sie möchten einen eingetragenen Verein gründen, der den Weg ebnet für die Zutrittserlaubnis von Assistenzhunden. „Assistenzhunde willkommen“ soll er heißen. Auch Charlotte setzt sich dafür ein. Zusammen mit einer jungen Frau, die von Sabine Berkenharn mittlerweile ebenfalls einen Autisten-Hund bekommen hat. Für vier Autisten hat Sabine Berkenharn mittlerweile Autie-Dogs ausgebildet.


Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung. In ihrem Zentrum steht eine schwere Beziehungs- und Kommunikationsstörung. Autistische Menschen haben Schwierigkeiten in sozialen Situationen und mit Veränderungen. Sie haben Kommunikations- und Wahrnehmungsprobleme. Sie nehmen die Welt also anders wahr und begreifen sie anders. Die Probleme können zu Magenschmerzen, Depressionen, Selbstverletzungen und zu Suizidgefährdung führen.

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