Peter Großpietsch im Interview Vertriebene aus Glatz treffen sich in Ankum

Nach dem Gottesdienst am Sonntagvormittag findet beim Glatzer Treffen eine Prozession statt. Archivfoto: Thomas OeverhausNach dem Gottesdienst am Sonntagvormittag findet beim Glatzer Treffen eine Prozession statt. Archivfoto: Thomas Oeverhaus

Ankum. Auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung gibt es noch viele Dinge aufzuarbeiten, sagt Peter Großpietsch. Die Traumata der Kriegskinder seien eines davon. Ein Symposium widmet sich dem Thema beim Glatzer Treffen, das am Samstag, 4. Juni 2016, und Sonntag, 5. Juni 2016, in Ankum stattfindet.

Herr Großpietsch, was ist die Grafschaft Glatz?

Ein wesentlicher,1600 Quadratkilometer großer, zum Teil alpiner Bereich Schlesiens. Konkret: Die Fortsetzung der Kette der Sudeten. Ausgestattet mit einer hervorragenden Bäderlandschaft, mit Sommerfrischen, Wallfahrts- und Wintersportorten. Ein altes deutsches Kulturland. Apropos Bäderlandschaft: Bereits Friedrich der Große suchte 1765 Heilung seiner Gichtbeschwerden in Bad Landeck und fand sie. 1939 ca. 182.000 Einwohner; 1946/47 wurden davon 181.000 vertrieben.

Warum haben die Glatzer Vertriebenen so enge Beziehungen zu Ankum?

Eine sehr persönliche Frage. Ich kann nur für mich sprechen: Nach der auch für uns Kinder schrecklichen Russen- und Polenzeit, nach Vertreibung und Finden eines Daches über dem Kopf und eines Bettes, Eintritt in eine – trotz vielerlei Beschränkungen – ruhige, geordnete immer besser werdende Kinder- und Jugendzeit; Schulfreundschaften, die auch heute noch bestehen, sportliche Betätigung im „Quitt“, erste Lieben, Ehen wurden geschlossen, fortbestehende Mitgliedschaften in Ankumer Vereinen usw. taten das Übrige. Etwas anderes ist aber eventuell entscheidender: Die Solidarität, die Anteilnahme der gesamten Bevölkerung dieses geschichtsträchtigen und der Tradition verpflichteten Gemeinwesens an unserem Schicksal.

Worum geht es im Symposium „Die Traumata der Kinder der Vertreibung?“

Die allerwenigsten von uns, die wir Kinder der Vertreibung waren und sind, haben sich bisher gegenüber den eigenen Familien und der Öffentlichkeit in aller Brutalität des Erlebten mitgeteilt.

Bis zum heutigen Tage hat sich niemand in unserem Land offiziell für unsere Traumata interessiert. Wir hörten Frauen um Hilfe schreien. Mitunter auch unsere Mütter. Und keiner durfte helfen. Wir haben bis heute geschwiegen. Unser Vertreibungselend und die Zeit danach fällt auch gelegentlich heute noch unter die politische Korrektheit. Mein Empfinden dazu: Hier herrscht angeordneter deutscher Gedächtnisverlust. Deshalb will ich nicht mehr schweigen.

70 Jahre nach Kriegsende: Worin liegt Ihrer Ansicht nach der Sinn eines Vertriebenentreffens?

Hier kann ich wiederum nur für mich selbst sprechen. Gleichwohl könnte ich fragen: Worin liegt der Sinn eines Hessen- oder Niedersachsentages? Hier in Kurzform einige von uns auch umgesetzte Gedanken/Motive: So lange es möglich ist, den Stammeszusammenhalt der Schlesier und damit Kultur, Tradition, Geschichte, das geistige und materielle Erbe der deutschen Grafschaft Glatz in Schlesien, einer Provinz des ehemaligen Deutschen Reiches, zu wahren und fortzuentwickeln. Dieses „Fortentwickeln“ ist keine Floskel, sondern Fakt. Gründung der „Stiftung Grafschaft Glatz/Schlesien“ vor fünf Jahren in Ankum selbst. Zahlreiche Zustiftungen und Spenden ermöglichen eine öffentlichkeitswirksame Arbeit, u.a. die Ausweitung und Pflege des umfangreichen 350 qm großen Archivs einer 700 Jahre alten Geschichte, die Mahnmalpflege in Lüdenscheid; die Gedenksteinrestaurierung in Altscherbitz/Mitteldeutschland, das Wegekreuz im Haus Schlesien/Königswinter. Fortsetzung der Herausgabe der auflagenstärksten Zeitung der deutschen Heimatvertriebenen im 67. Jahrgang, eines Jahrbuches im 69. Jahrgang. Besonderheiten: Aufgrund der Primärliteratur unserer Zeitung, des „Grafschafter Boten“ hat gerade ein französischer Gymnasiallehrer seinen Doktorgrad erworben und kürzlich eine junge deutsche Gymnasiastin an einem Wettbewerb des Bundespräsidenten teilgenommen. Sie wurde Landessiegerin in Nordrhein-Westfalen.

Was ist seine Botschaft an eine Gegenwart mit neuen Kriegen, neuen Flüchtlingswellen?

Es ist vermessen, unsererseits eine diesbezügliche Botschaft zu formulieren. Was die UNO, der Sicherheitsrat, die EU, der Europarat nicht vermögen, dazu verschließt es sich auch für uns, Ratschläge zu geben. Doch so viel sei gesagt: Vertreibung ächten, nicht auf der ganzen Welt zulassen. Warum konnten z.B. die Vertreiberländer Polen und Tschechoslowakei bei fortgeltenden Enteignungs- und Vertreibungsdekreten in die EU aufgenommen werden? Warum blieb es z.B. hierbei ohne Sanktionen? Ich sehe darin ein entscheidendes Manko der Weltpolitik in den letzten 70 Jahren. Bezüglich der Vertreibungen folgt man also nur den Vorbildern.

Was ist die Zentralstelle?

Die „Zentralstelle Grafschaft Glatz/Schlesien“ ist der 1953 von einem vertriebenen Grafschaft Glatzer Ortspfarrer gegründete Verein, der unter anderem die Vertretung der heimatpolitischen Interessen der Vertriebenen aus der Grafschaft Glatz wahrnimmt, den Zusammenhalt gewährleistet, die Publikationen „Grafschafter Bote“ und das Jahrbuch der Grafschaft Glatz herausgibt und das Grafschaft Glatzer Kulturgut fördert. Der Bezug des „Grafschafter Boten“ ist identisch mit der Mitgliedschaft in der Zentralstelle.


Peter Großpietsch, Jahrgang 1935, machte nach Tischlerlehre und mittlerer Reife Abitur auf der Abendschule, wurde Diplom-Verwaltungswirt und machte Karriere im Bundesgrenzschutz. Seit 1980 ist er Vorsitzender der Zentralstelle Grafschaft, Herausgeber der Zeitschrift „Grafschafter Bote“ und Vorsitzender der Stiftung Grafschaft Glatz/Schlesien.

Das Grafschafter-Treffen beginnt am Samstag, 4. Juni, um 13.30 Uhr im Heimathaus Ankum mit einem Symposium zum Thema „Die Traumata der Kinder der Vertreibung“. Die Leitung hat der niedersächsische Landtagspräsident a. D. Horst Milde.

Am Sonntag, 5. Juni, beginnt um 10.30 Uhr in der Kirche St. Nikolaus in Ankum mit der „Deutschen Messe“ von Franz Schubert der zweite Tag des Gedenkens. Den Gottesdienst zelebrieren Weihbischof em. Gerhard Pieschl, Großdechant Prälat Franz Jung, Pfarrer Ansgar Stolte und weitere Priester und Diakone. Nach dem Gottesdienst führt eine Prozession zum Mahnmal und Soldatenfriedhof an der Kirchburg, wo eine neue Gedenktafel für die Gefallenen, Vermissten und Verstorbenen aus den deutschen Vertreibungsgebieten gesegnet wird. Die Prozession geht weiter zum Friedhof und zur Gedenktafel in den Arkaden unter der Kirche. Es folgen kurze Ansprachen, Kranzniederlegung und Nationalhymne.

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