Das lokale Interview Middelschulte: Unglaublich glücklich in meinem Beruf

Von Cristina Schwietert

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Elisabeth Middelschulte dort, wo sie am liebsten ist: umringt von ihren Schülerinnen und Schülern vor der Gehrder Grundschule. Foto: Cristina SchwietertElisabeth Middelschulte dort, wo sie am liebsten ist: umringt von ihren Schülerinnen und Schülern vor der Gehrder Grundschule. Foto: Cristina Schwietert

Gehrde. Wie haben die Schule und Schüler sich in vier Jahrzehnten verändert? Ein Interview mit Elisabeth Middelschulte, Leiterin der Gehrder Grundschule.

Am 1. Februar sind Sie seit 41 Jahren im Schuldienst, Frau Middelschulte. Vor den Sommerferien werden Sie mit fast 66 Jahren in Pension gehen. Es gibt nicht viele Lehrer, die das schaffen.

Das stimmt (lacht), aber für mich galt immer: Wenn ich gesund bleibe, dann tue ich meine Pflicht bis zum Ende. Und das ist nun erfreulicherweise auch so gekommen.

War es nur Pflicht, oder gab es auch die Kür in vierzig Jahren Lehrerdasein?

Oh nein, mein Beruf war überwiegend Kür. Ich bin unglaublich glücklich in meinem Beruf und habe mich nach den langen Sommerferien immer auf die Schule gefreut. Lehrerin zu sein, das ist genau meins. Das liegt vielleicht auch ein bisschen in den Genen: Bernhard Overberg, der große Schulreformer aus Voltlage, gehört zu meinen Vorfahren väterlicherseits. Overberg war im 18. Jahrhundert bekannt für seine Hinwendung zu den Kindern und seine schülerorientierte Pädagogik.

Wollten Sie immer schon Lehrerin werden?

Das wusste ich schon als kleines Mädchen. Ich bin 1957 in Bersenbrück eingeschult worden. Wir waren 56 Kinder in unserer Klasse und bekamen vom ersten Tag an die harte Autorität unserer Lehrerin zu spüren. Sie führte die Klasse mit der Rute. Nach jeder Pause holte sie ein paar von den rüpeligen Jungs nach vorne und schlug sie. Einer war darunter, der war schon mal sitzen geblieben, stotterte, und wenn er geschlagen worden war, stotterte er noch mehr und konnte nicht mehr lesen. Das hat mich als kleines Mädchen schon aufgebracht, ich fand das so gemein und ungerecht. Damals habe ich mir vorgenommen, Lehrerin zu werden und es besser zu machen.

Die längste Zeit, nämlich 28 Jahre, haben Sie ja mit älteren Schülern an Hauptschulen und Orientierungsstufen verbracht. Was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Ich habe mich immer besonders für die Hauptschüler ins Zeug gelegt. Wenn die aus der Orientierungsstufe kamen, waren die eigentlich so ein bisschen geknickte Personen. Ich habe dann alles getan, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken, indem wir gemeinsam herausfanden, welche Begabungen sie hatten. Ganz viele meiner ehemaligen Hauptschüler sind auch was geworden. Mein Ziel war immer, aus den jungen Leuten Persönlichkeiten zu formen, sie zu respektieren.

Gibt es denn auch so etwas wie eine Lehrerpersönlichkeit?

Ja klar. Ich habe über vier Jahrzehnte Referendare begleitet und festgestellt, dass man sehr motivierend, vorbildhaft für die Sache sein muss. Wir Lehrer können Unterricht attraktiv machen – das lernen wir an der Uni. Absolut fit in seinen Fächern sein, das ist Grundvoraussetzung für Autorität. Flexibel sein, alle Kinder in der Klasse im Auge behalten und jedes Kind dort abholen, wo es steht. Eine gewisse pädagogische Begabung und soziale Intelligenz, die gehören natürlich auch noch dazu.

Haben die Kinder sich verändert in all den Jahren?

Ja natürlich, aber nicht nur zum Negativen. Kinder sind offener, ehrlicher geworden. Es ist nicht mehr wichtig, in welche Kirche du gehst und ob du überhaupt in einer bist, wie die familiären Verhältnisse sind. Grundschulkinder gehen unglaublich unbefangen damit um. Gerade in Gehrde ist mir aufgefallen, dass in der Schule der soziale Status des Elternhauses nicht herausgekehrt wird. Ich habe dort auch Sport unterrichtet, um die Motorik der Kinder zu beobachten. Da gibt es immer welche, die zum Sportunterricht ganz offensichtlich eine Schlafanzughose anziehen. Und andere die feinsten Markenklamotten. So, und dann kommen die alle raus in die Turnhalle, alle stehen nebeneinander, und keiner guckt, was der andere anhat. Das finde ich total klasse!

Aber es gibt natürlich auch negative Entwicklungen: Schon Grundschulkinder leiden an einer totalen Reizüberflutung, sie können nicht mehr gut zuhören. Da muss man sich als Lehrer schon mehr ausdenken, um die Kinder wirklich zu erreichen. Schule muss sich anpassen und den Unterricht attraktiver machen. Lehrer sollten das können.

Und wie steht es mit den Eltern?

Wenn sich Kinder verändern, haben das die Eltern zuerst getan. Früher hatten die Eltern Angst vor der Schule und den Lehrern. Das ist heute nicht mehr so. Wir begegnen einander jetzt auf Augenhöhe. Wir sind gehalten, transparent zu arbeiten und viele Gespräche zu führen, besonders dann, wenn es Konflikte mit den Kindern gibt. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht.


Elisabeth Middelschulte (65), geboren in Bersenbrück, hat nach einem Auslandsjahr in den USA, zusätzlich zu ihrem High School Abschluss, ihr Abitur am Artland Gymnasium in Quakenbrück abgelegt. An der Uni Münster studiert sie Mathematik, Englisch und Biologie für Lehramt der Klassen fünf bis zehn. Im Studium Generale belegt sie außerdem Vorlesungen in Psychologie und Soziologie. Berufliche Stationen waren neben anderen die Haupt- und Realschulen mit Orientierungsstufen in Quakenbrück und Bersenbrück. 2003 hat sie die Leitung der Grundschule in Gehrde übernommen. Elisabeth Middelschulte ist verwitwet und hat vier erwachsene Kinder.

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