Tagebuch aus Preševo (1) Ankumer Ärztin hilft Flüchtlingen in Serbien

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Ankum/Preševo. Seit September betreut die deutsche Hilfsorganisation Humedica Flüchtlinge an der Westbalkanroute. Nach Stationen in Ungarn, Serbien und Kroatien behandelt das medizinische Team mittlerweile im serbisch-mazedonischen Grenzstädtchen Preševo. Alle Flüchtlinge, die über Österreich weiter in den Westen und Norden Europas reisen möchten, müssen sich hier registrieren lassen. Die Humedica-Helfer berichten von unvorstellbaren Zuständen. Auch die Ankumer Ärztin Mechthild Wortmann ist seit einer guten Woche Teil des Humedica-Teams in Preševo. Von dort schildert sie in diesen Tagen ihre ganz persönlichen Eindrücke von der Lage der Flüchtlinge.

Sonntag, 28.11., 10.24 Uhr. Heute geht es erst um 11 Uhr los, sodass ich die Zeit habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Die Situation hier in dem kleinen Grenzort nahe der mazedonischen Grenze ist sehr angespannt. Jeden Tag kommen 1500 bis 2000 Flüchtlinge zu Fuß von frühmorgens bis spät in der Nacht. Die letzten Tage hat es immer geregnet. Es weht ein sehr kalter Wind. Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen weinen vor Erschöpfung. Medizinisch kann ich ihnen eine Grundversorgung bieten, aber Schuhe, Handschuhe, Jacken, trockene, warme Kleidung sind in dem kleinen Depot knapp. Eine Gruppe toller Volunteers kocht Tee. Es gibt auch Eier und Brot. Von unserer Station werden die Menschen nach Preševo ins Auffanglager gebracht, um sich registrieren zu lassen. Dort stehen sie bis weit nach Mitternacht draußen. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es ist alles so schizophren. Wenn der Zug von Mazedonien über die Grenze direkt nach Preševo fahren würde, gäbe es einige Dramen weniger. Ich melde mich wieder.

12.23 Uhr. Also die Lage ist mit Worten nicht zu beschreiben. Die Hilfsorganisationen, die vor Ort sind, haben alle zu wenig Personal. Drei Tage lang war ich von mittags bis weit nach Mitternacht die einzige Ärztin. Von kalten Füßen bis zu Menschen, die auf der Straße zusammenbrechen, reicht das abzudeckende Spektrum. Krankenwagen kommen mit viel Glück nach einer Stunde. Ist aber eh sinnlos, weil die Flüchtlinge nicht im Krankenhaus aufgenommen werden. Wie das geht? Ganz einfach: Die Familie wird gefragt, ob sie das wollen, und sie sagen fast immer Nein, weil sie dann hier festsitzen. Draußen kommt schon wieder eine Gruppe. Gott sei Dank scheint die Sonne.

Lieben Gruß,

Mechthild Wortmann


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