Bittner im Unruhestand Ehrung in Polen für Alfhausens Ex-Bürgermeister

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Karl-Heinz Bittner mit dem Ehrenpreis aus Reichenbach in Schlesien und einem alten Foto der Fleischerei seines Großvaters, die heute noch existiert. Foto: Ilona UphausKarl-Heinz Bittner mit dem Ehrenpreis aus Reichenbach in Schlesien und einem alten Foto der Fleischerei seines Großvaters, die heute noch existiert. Foto: Ilona Uphaus

Alfhausen. Wie es ist, sich als Fremder zu fühlen, weiß er noch aus seiner Kindheit: der gebürtige Schlesier und ehemalige Bürgermeister von Alfhausen, Karl-Heinz Bittner, unterstützt die alte Heimat und hat dafür jetzt eine Auszeichnung erhalten.

Mit einem strahlenden Lächeln öffnet er die Tür. Es gehe ihm „so gut wie noch nie“, erklärt Karl-Heinz Bittner. Doch das war nicht immer so. In Reichenbach (heute Dzieroniów) wird er 1939 geboren, rund 20 Kilometer von Breslau entfernt. Dort, wo sein Großvater 1906 eine Schlachterei gründete. 1944 – der Vater in Kriegsgefangenschaft – flieht die Mutter mit fünf kleinen Kindern zunächst nach Schwarzwaldau, kehrt aber bald zurück. Nach dem Ende des Krieges folgt die endgültige Vertreibung aus der Heimat. Im offenen Viehwaggon fährt der damals Siebenjährige mit seiner Familie in den Westen und landet am 20. März 1946 in Alfhausen. Die Familie wird auf einem Bauernhof in Heeke zwangseinquartiert. Der Junge muss mit den Anfeindungen seiner Mitschüler leben. Im Oktober kommt der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück und hält die Familie, die jetzt in einer Baracke wohnt, über Wasser, indem er sich in einer Garage selbstständig macht, Hausschlachtungen durchführt und als Holzarbeiter einspringt. 1950 wird in Alfhausen ein Wohnhaus mit Schlachterei gebaut. Karl-Heinz Bittner steigt in die Fußstapfen der Vorfahren und absolviert in Osnabrück eine Fleischerlehre. Nach Jahren in der Fremde und der Meisterprüfung in Bayern, steigt er 1963 in den elterlichen Betrieb ein, den er 1971 übernimmt.

Aus dem Bauch heraus

Bittner, ab 1976 Mitglied im Alfhausener Gemeinderat und im Rat der Samtgemeinde Bersenbrück, wird 1981 Bürgermeister von Alfhausen. Er habe vieles „aus dem Bauch heraus entschieden“, sagt er. Heute noch sei er „den vielen Leuten dankbar, die mir immer geholfen haben“. Dabei sei er nicht immer pflegeleicht gewesen, gibt er zu. Eine Bürgerliste entstand, am Ende gab er das Amt auf.

Neue Baugebiete, Gewerbeansiedlungen und Sportplätze, der Neubau des Brücktors und der Bau des „Tunnels“, der Unterführung an der B 68 fallen in seine Amtszeit. Bei letzterer Geschichte muss er dicke Bretter bohren aufgrund der hohen Kosten. Er kontaktiert die Landesregierung in Hannover und schreibt nach Bonn. Die Finanzierungslücke von 100000 DM schließt er mithilfe der „Ein Herz für Kinder“-Aktion der Bildzeitung. Den Bau der Unterführung 1983 betrachtet er noch heute als „großen Erfolg“.

Bildzeitung hilft

Der Kontakt zur alten Heimat beginnt ab 1981, zur Zeit der Bildung der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen und der Machtübernahme durch das Militär danach. Er begleitet den Malteser Hilfsdienst beim Transport von Hilfsgütern nach Hirschberg. Die Fahrt habe damals 24 Stunden gedauert, heute nur acht, erzählt Bittner. Nach dem Fall der Mauer leistet Bittner von 1991 bis 1999 ehrenamtlich Verwaltungshilfe für das 600 Einwohner zählende Lärz. Eine Lärzer Straße findet man darum heute in Alfhausen. Ein- bis zweimal pro Monat macht er sich auf den weiten Weg nach Lärz. Eine anstrengende Zeit, aber „ich war sehr belastbar“, schmunzelt der 76-jährige, der sich auch dafür einsetzt, dass zahlreiche Spätaussiedler aus Russland in Alfhausen heimisch werden. Was nicht bei allen auf Gegenliebe stößt. Doch er habe den Schwächeren helfen wollen, „weil ich selber auch mal schwach war“, erklärt er. Bittner schreibt an den Bundeskanzler und sucht die Staatskanzlei auf, verhandelt über Finanzierungszuschüsse für Wohnprojekte und Integrationsarbeit.

Schicksalsschlag

Ein schwerer Schicksalsschlag trifft Karl-Heinz Bittner 1993. Seine Ehefrau, mit der er seit 1965 verheiratet ist und zwei Söhne hat, stirbt ganz plötzlich. Eine bittere Erfahrung auch die Wahl 2001, nach der er das Bürgermeisteramt aufgibt. Dennoch überwiegen in seiner Erinnerung die positiven Dinge. Gerne erinnert er sich an Begegnungen, unter anderem mit den Festrednern bei den Alfhausener Neujahrsempfängen, von der Landessuperintendentin bis zu Christian Wulff. Unter anderem für seine Integrationsarbeit erhält Bittner 1995 das Bundesverdienstkreuz.

Als 2010 ein Brand sein Fleischereigeschäft zerstört, entscheidet er sich gegen einen Wiederaufbau. Gleichzeitig beginnt er, den Kontakt und die Unterstützung seiner alten Heimatstadt in Polen, die heute mehr als 38000 Einwohnern hat, noch einmal zu intensivieren. Er vermittelt finanzielle Unterstützung beim Aufbau einer Einrichtung der Polnischen Vereinigung für Menschen mit geistigen Behinderungen und für die Restaurierung der Kirche durch einen Zuschuss der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Höhe von 150000 Euro. Als Dank für sein Engagement erhielt er dafür jetzt während einer Feierstunde in Reichenbach die Auszeichnung durch die Stadt, in der er schon lange kein Fremder mehr ist.


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