Deppen der Nation? Agroprax Ankum: Beim VW-Boykott bleibt es

Von Martin Schmitz

Sie lieben ihren Beruf: Rainer van Aerssen (links) und Jürgen Rothert, Geschäftsführer der auf Milchvieh spezialisierten Tierarztpraxis Agroprax. Foto: Martin SchmitzSie lieben ihren Beruf: Rainer van Aerssen (links) und Jürgen Rothert, Geschäftsführer der auf Milchvieh spezialisierten Tierarztpraxis Agroprax. Foto: Martin Schmitz

Ankum. VW-Autostadt und Landvolk haben eine Art Burgfrieden geschlossen. Aber die Ankumer Tierärzte Jürgen Rothert und Rainer van Aerssen sind mit dem Ergebnis nicht sonderlich zufrieden. Sie treibt ein Thema um, das es am Sonntagabend sogar bis in Günther Jauchs Fernseh-Talkshow schaffte: Die Landwirte haben genug davon, die Deppen der Nation zu sein.

Eigentlich sollten die Texte auf einer Website der VW-Autostadt über Vor- und Nachteile von Ernährungsstilen aufklären. Doch war in ihnen viel von den Gefahren moderner Landwirtschaft für Gesundheit und Umwelt die Rede, in einer klischeehaften Sprache, die Bauern im ganzen Land auf die Barrikaden brachte. Landvolkverbände riefen dazu auf, den VW-Konzern zu boykottieren, und die Ankumer Tierarztpraxis Agroprax schloss sich an. Die Mitarbeiter der auf Milchvieh spezialisierten Praxis solidarisierten sich mit ihren Kunden.

Mittlerweile gab es ein Treffen zwischen der Spitze des Deutschen Landvolkverbandes und der Geschäftsführung der Autostadt, eine Einladung an die Autoleute, einen Bauernhof kennenzulernen, und eine gemeinsame Erklärung, dass man im Gespräch sei.

Mit Verzögerung wurde die kritisierte Website über die Restaurants der Autostadt sprachlich bereinigt. Kernaussagen blieben aber, zum Hormoneinsatz in der Schweinemast etwa und zu Medikamenten, die direkt aus dem Kuhkörper in die Milch gelangen. Für Rainer van Aerssen bleibt der Text immer noch bedenklich. „In den letzten 25 Jahren hat die Forschung enorme Fortschritte gemacht“, sagt er, die in Stallbau und Haltung eingeflossen seien. Mit vielen Einzelheiten und der Erfahrung aus ihrer Praxis belegen er und Jürgen Rothert eine These, die so gar nicht zum Klischee passen will: Je moderner ein Stall, je größer die Herde, desto wohler fühlten sich die Tiere, sie seien gesünder, brauchten weniger Medikamente. Das Lebensmittel Milch wird auf allen Produktionsstufen ständig kontrolliert, Landwirte ziehen sogar freiwillig Proben und testen sie.

Beim VW-Boykott wird es bleiben, bekräftigt auch Jürgen Rothert. Dass mittlerweile ein Kleintransporter mit Stern die silberne Flotte der Agroprax-Bullis ergänzt, erwähnt er nebenher, ohne groß Aufhebens davon zu machen. Eigentlich wäre er gern bei der Marke VW geblieben.

Während van Aerssen wie ein introvertierter rationaler Denker wirkt, scheint Rothert eher der joviale Typ, leidenschaftlich, der auch schon mal wunderbar poltern kann, der mit großer Hingabe und Begeisterung von seinem Beruf spricht: „Kühe, das ist schon eine geile Sache.“

Zu seinem Team, das Milchviehbetriebe über Niedersachsen hinaus betreut, gehören auffallend viele Tierärztinnen. Frauen, heißt es in der Branche, meiden normalerweise eher das Großvieh und arbeiteten lieber in Kleintierpraxen.

Für Rothert sind die Mitarbeiterinnen ein Zeichen mehr, dass die Richtung der Praxis stimmt. Neuerdings, erzählt er, kämen die Tierärzte sogar mit den Grünen ins Gespräch und fänden sogar Verständnis.