Geschichte eines Jahrgangs Eine Hälfte blieb in Bersenbrück, die andere ging


Bersenbrück. Ein Akt zivilen Ungehorsams gegenüber dem Nazi-Regime brachte 1934 die Erstklässler der Volksschulen Bersenbrück und Woltrup-Wehbergen zusammen. Maria Haskamp gehörte dazu. 80 Jahre später spürt sie der Geschichte ihres Jahrgangs nach.

Anno Domini 1934 begann für 33 Schüler der katholischen Volksschule Bersenbrück und für zehn Schüler der katholischen Volksschule Woltrup der erste Schultag, also vor 80 Jahren! Die Anregung zu einem gemeinsamen Klassentreffen gab Maria Ansmann, geborene Niemann, aus Woltrup-Wehbergen, heute wohnhaft in Bersenbrück.

Warum ein Treffen dieser beiden Schulen? Die Schüler kamen zum Religionsunterricht in Bersenbrück zusammen. Die Vorbereitung auf Erstkommunion und Firmung erfolgte durch den Ortspfarrer. Da in der Nazizeit der Religionsunterricht an den Schulen später verboten war, erteilte der Kaplan am Nachmittag den „Seelsorgeunterricht“. Und schließlich trafen sich die Schüler beider Schulen zur kirchlichen Schulentlassung.

Als Erstes mussten die Namen der i-Männchen von 1934 erfasst werden. In Woltrup sind von zehn Schülern sieben inzwischen verstorben, die übrigen drei leben in Bersenbrück und Ankum.

In Bersenbrück wurde das Klassenfoto vom 1. Schuljahr zurategezogen. Bis auf zwei Mädchen, die nicht entdeckt werden konnten, hatte man nach vielen Telefonaten die wesentlichen Daten gefunden. Von 33 i-Männchen leben noch neun Mitschüler.

Im 1. Schuljahr verstarb während einer Diphtherie-Epidemie Johannes Zumdresch an dieser tückischen Halserkrankung. Im Zweiten Weltkrieg musste Fritz Riesemeer in Russland sein Leben lassen. Einige verstarben kurz vor oder nach ihrer Pensionierung, mehrere erst vor zwei Jahren.

Und wo lebten und arbeiteten die Ehemaligen? Von den zehn Woltruper Schülern verließen zwei ihre Heimat und fanden bei Osnabrück und in der Nähe von Lohne/Lingen eine neue.

Etwa die Hälfte der Bersenbrücker blieb in Bersenbrück oder in der näheren Umgebung. Andere fanden ihre neue Heimat in Hamburg, Hannover, Göttingen, Essen/Ruhr, Duisburg, Bad Soden/Salmünster, Bielefeld, mehrere in der Umgebung von Osnabrück und einer in Limburg. Heinz Schürfranz trat dort in den Pallottinerorden ein.

Interessant waren die damaligen Schulgebäude. Im 1. Schuljahr ging man in die Mädchenschule, ein zweiklassiges Schulgebäude an der Hasestraße, das vor dem Bau des St.-Josef-Stiftes abgerissen worden ist. Das 2. und 3. Schuljahr verbrachte man in der Marktschule am Marktplatz. Inzwischen erfolgte die Auflösung der Bekenntnisschulen durch die Nazis, sodass die evangelischen Schüler aus der einklassigen evangelischen Volksschule an der Bramscher Straße in die vierklassige katholische Volksschule integriert wurden. Die Folge war, dass der Jahrgang 1934 zusammen mit den neuen evangelischen Mitschülern das 4. Schuljahr an der Bramscher Straße erlebte. Somit waren sie in vier Jahren in drei verschiedenen Gebäuden unterrichtet worden.

Etliche Mitschüler verließen nach der 4. Klasse die Volksschule, um nach einer Aufnahmeprüfung weiterführende Schulen zu besuchen. Nach dem Krieg konnten vier von ihnen in Osnabrück, Quakenbrück und Cloppenburg Abitur machen.

Die Schulpflicht endete 1942 nach acht Schuljahren. Was nun? Die meisten Jungen wurden schon 1943/44 zum Arbeitsdienst und anschließend zur Wehrmacht einberufen, während die Mädchen ebenfalls dienstverpflichtet wurden, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Mädchen, die noch zur Schule gingen, mussten in den Sommerferien drei Wochen in Bramscher Fabriken arbeiten und Ende 1944 im Emsland sechs Wochen beim „Schanzeinsatz“ mithelfen. Sie kochten für 14-jährige Jungen, die Panzersperren im Moor errichteten.

Endlich war der Krieg mit seinen Schrecken am 8. Mai 1945 beendet. Nicht aber die Not, der Mangel an Nahrung, Kleidung, Heizung und Wohnraum. Lebensmittelkarten gab es noch bis 1948. Doch der Wiederaufbau begann in dem zerstörten Deutschland.

Und die i-Männchen von 1934 aus Bersenbrück und Woltrup fanden ihren eigenen Lebensweg.