Initiative Tierwohl Diskussion in Bersenbrück ohne Clemens Tönnies

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Auf dem VLU-Podium diskutierten (von rechts) Wilhelm Jaeger von der Firma Tönnies, Torsten Staack von der IGt der Schweinehalter Deutschlands und Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Foto: Ulrike HavermeyerAuf dem VLU-Podium diskutierten (von rechts) Wilhelm Jaeger von der Firma Tönnies, Torsten Staack von der IGt der Schweinehalter Deutschlands und Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Foto: Ulrike Havermeyer

Bersenbrück. Eigentlich wollte Clemens Tönnies persönlich in Bersenbrück für die von ihm mit angestoßene „Initiative Tierwohl“ werben. Der Geschäftsführer von Deutschlands größtem Schweineschlachtbetrieb kam dann aber doch nicht: familiäre Differenzen in Sachen Unternehmensführung.

Statt seiner appellierte Wilhelm Jaeger, Leiter der Abteilung Landwirtschaft in Tönnies Fleischwerk, an die rund 200 Landwirte im Saal Hilker, sich an dem 2015 startenden Bonussystem zu beteiligen: Schweinehalter, die ihren Tieren bessere Lebensbedingungen schaffen, sollen dafür eine Kostenerstattung direkt von den ebenfalls an der „Tierwohl“-Allianz beteiligten Lebensmittelketten erhalten.

Die gute Nachricht für die Landwirte vorweg: „Die Welt hat Hunger auf Fleisch“, versicherte Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen den Zuhörern und verwies auf einen weltweit steigenden Pro-Kopf-Verbrauch von tierischem Eiweiß. „In den USA kann man derzeit beobachten, dass die Konsumenten bereit sind, für einen Mehrwert des Produktes auch mehr Geld auszugeben.“ Besseres Fleisch als wirtschaftlicher Vorteil für Züchter und Mastbetriebe. Allerdings: Was genau ist „besseres“ oder „qualitativ hochwertigeres“ oder gar „nachhaltig produziertes“ Schweinefleisch? Vinzenz Bauer: „Darin könnte eine Schwierigkeit der Initiative Tierwohl liegen: Der Begriff ist sehr abstrakt.“ Da sich der durch größere Stallungen, mehr Tageslicht oder mit einem Strohlager aufgewertete Liegeboxen verursachte Mehrwert eines Koteletts wohl schwerlich auf dem Teller schmecken lassen werde, „müssen wir überlegen, wie wir unser Anliegen dem Verbraucher vermitteln können“, gab der Agrarwissenschaftler zu bedenken.

Rosige Ferkel tollen ausgelassen durch Berge von golden glänzendem Stroh. Auf ihrer zarten Schwarte spielt der Sommersonnenschein. Ein gequältes Seufzen geht durch den Saal. Konsumenten machen „gutes Fleisch“ in der Regel an dem „guten Leben“ fest, welches das Tier führen durfte, bevor es in der Bratenröhre oder der Wurstpelle landet. Ein Dilemma, das den Landwirten schwer zu schaffen macht: „Die meisten Verbraucher und auch viele Politiker sind Nichtpraktiker und argumentieren daher oft nicht fachlich“, wirft ein Zuhörer ein. Wilhelm Jaeger stimmt zu: „Wir müssen den romantisierten Bilder und Erwartungen, die viele Menschen von der Tierhaltung haben, die Realität der Massentierhaltung, aber auch die der ebenfalls nicht frei von Problemen wirtschaftenden Ökobetriebe entgegensetzen und erklären.“ Niemand könne glaubwürdiger und authentischer darüber berichten, worin die moderne Landwirtschaft bestehe, als der Familienbetrieb vor Or t.

Wenn auch die Nichtlandwirte nachvollziehen könnten, dass sich in der „Initiative Tierwohl“ Landwirte, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel zusammengeschlossen hätten, um ernsthaft nach Lösungen und Kompromissen sowohl im Sinne der Nutztiere als auch der Gesellschaft zu suchen, warb Jaeger weiter, dann sei das „eine enorme Chance für die Zukunft der deutschen Agrarunternehmer“.

Und was meinen die Bersenbrücker Landwirte zur „Initiative Tierwohl“? Die ersten Reaktionen sind eher verhalten. „Das ganze Konzept, das dahintersteckt – das ist schon ein ziemlich dickes Brett“, sagt auch Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. „Da sind noch viele Fragen offen, die hoffentlich in den nächsten Wochen geklärt werden können.“ Er riet seinen Kollegen dennoch, die neue Entwicklung ernst zu nehmen.

„Die Diskussion um das Tierwohl ist kein Gewitter, das über uns hinwegzieht, sondern eine Großwetterlage“, warnte er. „Wir können nun einmal nicht ohne die Zustimmung der Gesellschaft wirtschaften – denn wenn wir den Konsumenten verlieren, dann verlieren wir auch den Markt.“


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