Keine Alternative zum Kupieren Alfhausener startete Versuch mit eigenen Schweinen

Von Sigrid Schüler-Juckenack


Alfhausen. Knapp drei Jahre ist es her, dass Landwirt Thomas Schroer aus Alfhausen sich im Rahmen seiner Meisterarbeit eingehend mit einer Frage beschäftigt hat, die von der Politik und von vielen Menschen mit dem Tierwohl verbunden wird. Er wollte herausfinden, ob er bei den Schweinen, die er auf seinem Betrieb mästet, auf das Kupieren der Schwänze verzichten kann.

Die Schwänze von Ferkeln werden derzeit noch routinemäßig gekürzt, denn immer wieder kommt es vor, dass bei Mastschweinen der sogenannte Kannibalismus auftritt. Dann beißen sich die Tiere, bevorzugt in die Schwänze. Sind die Schwänze gekürzt, kann man das in den meisten Fällen verhindern. „Meist ist es ein Tier, das damit beginnt, und hat es einmal angefangen, dann kriegt man das nicht mehr aus dem Bestand heraus“, weiß Schroer zu berichten.

Seine Erfahrungen mit Kannibalismus im Schweinebestand hat er aber nicht mit der konventionellen Haltung in seinem Betrieb gesammelt, betont er. Das Schwanzbeißen trat in einer Gruppe seines Versuchs auf, bei der er verschiedene Möglichkeiten der Haltung testete, mit Tieren, deren Schwänze nicht kupiert waren.

Schroer arbeitete nacheinander mit drei verschiedenen Tiergruppen, für die er in seinem Maststall jeweils zwei Buchten reservierte. Für den Versuch eins stallte er in jede Bucht 20 Tiere ein. Jedem Tier stand 0,9 Quadratmeter Platz zur Verfügung, deutlich mehr als in der konventionellen Mast, in der ein Schwein 0,75 Quadratmeter Platz hat. Beschäftigungsmaterial bekamen die Tiere zunächst keins. Für die zweite Versuchsgruppe, die ein paar Wochen später eingestallt wurde, gab es weniger Platz. Hier stand jedem Tier 0,8 Quadratmeter Platz zur Verfügung, dazu gab es Spielmaterial. Die Tiere der dritten Gruppe hatten nur 0,75 Quadratmeter Platz, bekamen als Beschäftigungsmaterial aber Stroh in ihre Bucht.

Das Ergebnis des zehnmonatigen Versuchs war für Schroer ernüchternd. Er musste feststellen: Sind die Schwänze der Tiere nicht kupiert, braucht man in jedem Fall Beschäftigungsmaterial, damit die Tiere sich nicht beißen. Bei den Tieren der ersten Gruppe trat Schwanzbeißen in solchem Maß auf, dass Schroer nachträglich noch Beschäftigungsmaterial in die Buchten brachte. „Allerdings war es schon zu spät. Das Beißen war dann nicht mehr einzudämmen.“

Also einfach Beschäftigungsmaterial von Anfang an in die Bucht, und alles ist gut? Ganz so einfach ist es nicht, meint Schroer. Die Tiere der Gruppe zwei bekamen neben Spielmaterial ein Gesteinsmehl in die Bucht gestreut. Das nehmen die Tiere gerne auf, denn es simuliert eine aufwendigere Futtersuche, dient also auch der Beschäftigung. Die Verteilung des Gesteinsmehls sei aber sehr arbeitsaufwendig und für den gesamten Stall kaum zu schaffen, so Schroer. Und Stroh als Beschäftigungsmaterial sei zwar gut gegen Schwanzbeißen , aber es müsse eben täglich in die Bucht gebracht werden. Zudem schwimme das Stroh in der Gülle oben auf und mache dort Probleme. Stroh sei derzeit teuer, etwa 180 Euro pro Tonne. 40 Kilogramm Stroh brauche man pro Tier, schätzt Schroer. Für seinen ganzen Stall sei es also keine Alternative, ebenso wenig wie die Variante zwei.

Ebenso ernüchternd war es für den Landwirt, als er nachrechnete, wie viel unterm Strich nach Mastende blieb. Die Tierarztkosten in Gruppe eins waren hoch, da sich die Tiere gegenseitig verletzt hatten und behandelt werden mussten. Auch die Leistung der Tiere war schlechter. Das bedeutet: Die Tiere wachsen weniger schnell, müssen länger im Stall bleiben, um ihr Mastendgewicht zu erreichen, und sie müssen länger gefüttert werden. Zudem gebe es von der Schlachterei wegen der Verletzungen Abzug beim Schinken, erklärt Schroer. Das heißt, für das Schwein gibt es weniger Erlös. Für den Landwirt ergab sich ein Gewinn von minus 8,30 Euro, er zahlte also drauf.

Bei den anderen Varianten sah es bei den Finanzen besser aus, aber der Arbeitsaufwand sei viel zu hoch, so das Fazit des jungen Landwirts. Zum Kupieren der Schwänze gibt es für ihn derzeit keine Alternative. Für einen Betrieb, bei dem Kannibalismus ein Problem ist, kann es bei dem schmalen Gewinn, der derzeit mit der Schweinemast gemacht wird, schnell das Aus bedeuten, ein Risiko, das derzeit allein der Landwirt trägt, der Verbraucher ist finanziell nicht beteiligt .

Ab 2016 soll nach demTierschutzplan Niedersachsen möglichst auf das Schwanzkupieren verzichtet werden. „Die Gedanken um den Tierschutz sind berechtigt und wichtig“, so Schroer. „Aber letzten Endes muss der Verbraucher den Mehraufwand bezahlen. Wir Erzeuger können das nicht allein tragen.“


Am Montag, 10. November, wird der Verein Landwirtschaftlicher Unternehmer Bersenbrück (VLU) in seiner Generalversammlung mit einer Podiumsdiskussion über die Initiative Tierwohl informieren. Der Diskussion gehen laut Ankündigung zwei Referate zum Thema voraus. Beginn ist 19.30 Uhr, Veranstaltungsort ist Saal Hilker in Bersenbrück. ssj