Internet und Unternehmen Digitale Eingeborene im Altkreis Bersenbrück?

Von Sigrid Schüler-Juckenack

Gast und Gastgeber: Bernd Heinemann (Vorstandsvorsitzender), Referent Tim Cole sowie Lars Pfeilsticker (Vorstandsmitglied). Foto: Sigrid Schüler-JuckenackGast und Gastgeber: Bernd Heinemann (Vorstandsvorsitzender), Referent Tim Cole sowie Lars Pfeilsticker (Vorstandsmitglied). Foto: Sigrid Schüler-Juckenack

Bersenbrück. Er ist nach eigenen Worten wahrscheinlich der dienstälteste Internetjournalist in Deutschland, und wahrscheinlich ist er auch der erste Blogger: Tim Cole, Internet-Publizist und Autor erfolgreicher Bücher, sprach in dieser Woche beim Unternehmerforum der Kreissparkasse Bersenbrück darüber, welchen Einfluss das Internet auf die Beziehung zwischen Unternehmen und Kunden hat.

Tim Cole stellte klar: Die Kunden selbst haben sich nicht verändert. Sie wollen, wenn sie ein Produkt kaufen möchten, dass die Verkäufer ihnen zuhören und sie entsprechend ihren Bedürfnissen berät. Aber: Über das Internet können sich Kunden vorab informieren, wann sie wollen, so viel sie wollen und bei wem sie wollen. Sie können sich mit anderen Menschen über die sozialen Netzwerke austauschen, über das Produkt, die Beratung und das Unternehmen, bei dem sie gekauft haben. Dadurch haben die Kunden mehr Macht als früher, und darauf sollten sich Unternehmen unbedingt einstellen, so Tim Cole.

Uns stehe die totale Vernetzung bevor, so der Fachmann, aber wir seien uns dessen noch nicht so recht bewusst. Vernetzung bedeute immer, dass sich etwas verändere. Diese Veränderungen gelte es zu verstehen, denn dann könne man darauf reagieren. Anschaulich erklärte Tim Cole seinen Zuhörern, dass Löcher in der Vernetzung eines Unternehmens hinderlich sind. Können Kunden etwa mit einem digitalen Planer ihre Kücheneinrichtung planen, so sei es hinderlich, wenn die Bestellung ausgedruckt und per Hand in den Computer eingegeben werden müsse. „Wir brauchen papierlose Prozesse“, so Tim Cole, „nicht aus Sorge um die Bäume, sondern aus Sorge um die Produktivität.“

Da im digitalen Zeitalter jeder Kunde prinzipiell zur Zielgruppe werde, müsse ein Unternehmen möglichst viele Informationen über seine Kunden haben, damit er jeden Einzelnen zufriedenstellend bedienen kann. Das Sammeln von Daten, die einem Unternehmen Aufschluss über die Kundenwünsche geben, sieht Tim Cole nicht negativ, sondern als Notwendigkeit. „Wir müssen unseren Kunden richtig gut kennen.“ Amazon mache bei seinen Kunden genau das, was jeder von einem guten Buchhändler in der Buchhandlung auch erwarte: Daten über den Bücherkauf werden gespeichert, und Kunden bekommen auf einer Seite, die auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten ist, weitere Bücher empfohlen. Ohne Informationen über den Kunden kann ein Unternehmen kein richtiges Angebot schaffen, so der Experte.

Problematisch allerdings sei die Beobachtung durch Staatsorgane wie NSA oder BND. Diese Bespitzelung sei nicht legal. Je nachdem, was solche Staatsorgane speichern, könne es passieren, dass man in ein Flugzeug in die USA nicht einsteigen dürfe mit der Begründung: „You are on the list.“

Positiv sieht Tim Cole, dass der größte Datenhändler der USA, Acxiom, derzeit für die Nordamerikaner seine Datenbanken geöffnet hat. Jeder Bürger kann sehen, was über ihn selbst gesammelt wurde, und kann Fehlerhaftes korrigieren. Das Recht, unliebsame Eintragungen auf Google löschen zu lassen, sieht Tim Cole kritisch. Er führte an, dass Hitler, wenn er noch lebte, von diesem Recht sicher Gebrauch machen würde. Die Folge: Die Geschichte würde neu geschrieben.

Von den jungen Menschen bis zum Alter von 29 Jahren seien 100 Prozent online, so Tim Cole. Diese „digitalen Eingeborenen“ sind mit dem Internet aufgewachsen und geben in Zukunft den Ton an. Über die Hälfte aller Internetnutzer gehe mit mobilen Endgeräten online, und auch auf diesen Trend gelte es für Unternehmen, zu reagieren. Tim Cole sieht die Apps beim Online-Gang ganz vorne. „50 Prozent der Menschen werden lieber mit einer App mit Ihnen in Kontakt treten.“ Der Besuch der Homepage einer Firma sei wahrscheinlich die letzte Station des Kunden, wenn der Kaufentscheid schon längst gefallen ist.

Tim Coles Rat an die Bersenbrücker Unternehmer: Smartphones kaufen, sich in sozialen Medien anmelden und mitmachen. Zuhören, Medienkompetenz entwickeln und dranbleiben. Und wenn man nicht weiter weiß: die Kinder fragen.