Familie flüchtet nach Deutschland Der lange Weg von Syrien nach Bersenbrück

Von Sigrid Schüler-Juckenack

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Vermissen den Vater: Mousa Eshmawe, Eesaa Eshmawe, Adam Eshmawe, Nada Badra (Mutter), Yones Eshmawe, Ahmad Eshmawe, Nehad Eshmawe (Tochter). Foto: Sigrid Schüler-JuckenackVermissen den Vater: Mousa Eshmawe, Eesaa Eshmawe, Adam Eshmawe, Nada Badra (Mutter), Yones Eshmawe, Ahmad Eshmawe, Nehad Eshmawe (Tochter). Foto: Sigrid Schüler-Juckenack

Bersenbrück. Sie hatten ein Leben in ihrer Heimat Syrien. Es sei ein schönes Leben gewesen, sagt der18-jährige Mousa Eshmawe. Der Vater Mohammad hatte Arbeit, eine Fabrik für arabische Süßwarenspezialitäten, und die Familie lebte mit zwei weiteren Familien von Brüdern des Vaters in den Wohnungen über der Fabrik. Man pflegte eine gute Gemeinschaft. Vor fast zwei Jahren, von einem Moment auf den anderen, war das vorbei.

Eine Bombe zerstörte im November 2012 um acht Uhr morgens das Haus der Familie Eshmawe/Badra in Damaskus, und damit war die Familie zwischen die Fronten des syrischen Bürgerkrieges geraten. Der lange Weg der Flucht vor Gewalt und Zerstörung führte die Familie, das heißt die Mutter Nada und ihre sechs Kinder im Alter von sieben bis 20 Jahren, nach Bersenbrück. Hier haben sie eine vorläufige Bleibe gefunden und ein bisschen Normalität für den Alltag.

Die Familie musste die Reise ohne den Vater antreten, der in Syrien blieb. So übernimmt Mousa als ältester Sohn der Familie das Erzählen. Nachdem das Haus und die Fabrik zerstört waren, lebte die Familie zunächst beim Großvater in Sahnaya, etwa 30 Kilometer von Damaskus entfernt, sagt er. Viel habe die Familie aus dem zerstörten Haus nicht retten können, auch aus Angst vor neuen Angriffen habe man sich nicht hineingewagt. Die wichtigsten Papiere, Ausweise und Zeugnisse, hatte der Vater vorher zusammengepackt. Beim Großvater sei es ruhiger gewesen, aber die Bomben hätte man auch dort immer hören können.

Auch in Sahnaya stieg die Kriegsgefahr, Panzer fuhren auf und schossen. Ein geregelter Schulbesuch für Mousa und seine Geschwister sei immer weniger möglich gewesen, denn immer wieder wurden auch Schulen bei den Kämpfen zerstört. Der 13-jährige Yones, der Verwandte in Damaskus besuchte, erinnert sich, wie bei einem Bombenangriff Tante und Onkel starben und ein Bruder seines Vater schwer verletzt wurde. Die kleinen Brüder schweigen bedrückt, als Yones erzählt, denn auch sie haben die Gewalt mit eigenen Augen gesehen.

Flucht ohne Vater

Schließlich habe die Familie den Entschluss gefasst, das Land zu verlassen, erzählt Mousa weiter. Da die Eltern seiner Mutter aus Jordanien kommen, wäre eine Option für die Familie gewesen, nach Jordanien zu gehen. Aber es habe Schwierigkeiten bei der Anerkennung der Pässe gegeben. Kein arabisches Land habe sie zu dem Zeitpunkt akzeptiert, erklärt er. Dann kam die Chance: Ein Bruder der Mutter, der seit Jahren in Norwegen lebt und arbeitet, hatte gehört, dass Ägypten die Grenzen für vier Wochen öffnete. Die Mutter machte sich mit ihren Kindern auf den Weg nach Kairo, der Vater blieb, um sich um die verletzten Verwandten zu kümmern.

Mit dem Bus ging es nach Kairo, dann nach Alexandria ans Meer, wo sich die Familie eine Überfahrt in einem Flüchtlingsboot erkaufte. 3500 Dollar pro Person mussten sie bezahlen. Ein Onkel in Dubai half bei der Finanzierung, erklärt Mousa. 38 Tage lang mussten sie warten, lebten in einer kleinen Wohnung mit drei anderen Familien auf engstem Raum. Immer wieder wurde die Fahrt verschoben, und Mousa hatte Angst, dass die Familie keine Überfahrt bekommen und das Geld verlieren würde. Dann endlich bekam die Familie ihren Platz. Mit über 300 Flüchtlingen starteten sie die Reise über das Mittelmeer.

Die Vorräte an Wasser reichten nur drei Tage statt der versprochenen sieben, und auch das Benzin ging nach drei Tagen aus. Das Boot war manövrierunfähig, und Wasser drang ein. Den defekten Motor konnte ein Mechaniker reparieren, erzählt Yones, und so pumpten die Flüchtlinge das Wasser aus dem Boot. Ihre Angst sei groß gewesen, und die Frage, wie man in einer solchen Situation den Mut nicht verliert, kann keiner so recht beantworten. Ein griechisches Schiff gab den Flüchtlingen Vorräte und Benzin, sodass sie die Fahrt fortsetzen konnten. Schließlich wurden sie von einem Helikopter entdeckt, und wenig später nahm ein Schiff sie auf und brachte sie nach Sizilien in die Hafenstadt Catania.

Im dortigen Auffanglager blieb die Familie sechs Tage. Die Ausweispapiere mussten sie abgeben. Nach zwei Tagen war der Großvater, der mit seinem Sohn in Norwegen lebt, eingetroffen. Er erklärte sich gegenüber der Campleitung als Verwandter und durfte die minderjährigen Kinder mitnehmen. Da das Tor offen war, nicht bewacht, verließen alle das Lager. Illegal reisten sie bis Mailand, dann nach Lyon in Frankreich und weiter sollte es über Deutschland nach Kopenhagen gehen mit dem Ziel Norwegen.

Die Eshmawes kamen bis Hannover, wo sie entdeckt und von der Polizei aus dem Zug geholt wurden. Verständlich, dass die Beamten kein Auge zudrücken konnten, denn die Familie war ohne Papiere unterwegs. Als geklärt war, wer sie sind und woher sie kommen, kamen sie in ein Auffanglager nach Braunschweig und wurden dann nach wenigen Tagen dem Landkreis Osnabrück zugeteilt. Ende November 2013 kamen sie in Bersenbrück an, ein Jahr, nachdem sie ihr Zuhause in Syrien verloren hatte.

Bersenbrücker helfen

Lehrerin Gudrun Henrici aus Gehrde kümmert sich seitdem ehrenamtlich um die syrische Familie, von denen bei der Ankunft niemand ein Wort Deutsch konnte. Alle haben inzwischen einen Deutschkurs absolviert, und die Kinder bekommen bei Henrici Extraunterricht, auch in den Ferien. Die kleinen Kinder besuchen inzwischen eine Schule, die 20-jährige Tochter Nehad macht ein Praktikum im Kindergarten, und Mousa möchte gerne sein Abitur machen. Die Wohnung, die ihnen zugewiesen wurde, konnte mithilfe vieler Bersenbrücker möbliert und ausgestattet werden. „Ganz viele Menschen haben geholfen, in den Kindergärten und Schulen wurde vieles gesammelt“, erklärt Henrici, die begeistert von der Hilfsbereitschaft der Bersenbrücker ist.

Ebenso begeistert ist sie von den Eshmawes. Alle hätten sich von Anfang an sehr bemüht, in Bersenbrück Fuß zu fassen, und dementsprechend seien die gut integriert. Nada, die Mutter, besuche regelmäßig den interkulturellen Frauentreff „Dialog“. Nada bestätigt, dass sie dort schon viele Freundinnen gewonnen hat.

Derzeit hat die Familie Duldungsstatus. Was soll in Zukunft geschehen? Am liebsten möchte sie mit den Kindern in Bersenbrück bleiben, erklärt Nada. Es gefällt ihr hier sehr. Natürlich fehlt ihr die Heimat Syrien, aber solange dort kein Frieden herrscht, können sie dort nicht leben. Und trotz aller Strapazen sind den Kindern Träume für die Zukunft geblieben. Einen Ingenieurberuf möchte Mousa erlernen, und Tochter Nehad träumt davon, Erzieherin zu werden. Und eines wünschen sich alle gemeinsam: dass der Vater Mohammad, mit dem sie zurzeit nur hin und wieder telefonieren können, möglichst bald zu ihnen nach Bersenbrück kommen kann.


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