Geschäftsfrau Stéphanie Mingam Als Französin in Ankum heimisch geworden

Von Cristina Schwietert

Stéphanie Mingam in ihrer Werkstatt am Tiefen Weg in Ankum. Foto: Cristina SchwietertStéphanie Mingam in ihrer Werkstatt am Tiefen Weg in Ankum. Foto: Cristina Schwietert

Ankum. Immer wenn sie mit ihrer Mutter aus Paris in Ankum auf dem Edeka-Parkplatz parkt, bekommt sie Ärger. „Kannst Du nicht wie die Deutschen parken? Guck mal wie gerade die Autos da stehen“. „Nein“, entgegnet Stéphanie Mingam ihrer Mutter dann, „Ich parke grundsätzlich schief – aber ich störe auch keinen.“

Diese Anekdote sei typisch für sie als Französin, aber auch typisch für Deutschland. „Alles ist hier geregelt, gerade, und auch ein bisschen kompliziert“, sagt sie. Aber davon später. Wer ist diese Frau, die seit fast vier Jahren diesen edlen Einrichtungs-Laden im ansehnlich restaurierten Haus-Ratermann am Tiefen Weg führt? Ein Geschäft, an dem viele Ankumer neugierig vorbeigehen. Oft ist Stéphanie Mingam in ihrer Werkstatt an dem riesigen Tisch zu sehen, auf dem sie ihre exklusiven Dekorationsstoffe zurechtschneidet, um daraus Vorhänge oder Kissen zu nähen oder einen Sessel aufzupolstern.

Die Geschichte von Stéphanie Mingam ist keine, die sich schnell erzählen lässt. Sie ist gekennzeichnet von Szenenwechseln und Veränderungen, die unsereins schwindelig werden lassen. Die Kindheit und Jugend von Stéphanie Mingam aus Paris, war nicht ‚normal‘ im landläufigen Sinne. Sie ist neun als sie an der Ballettschule der Pariser Staatsoper aufgenommen wird. Neun weitere Jahre wird sie tanzen, sechs bis acht Stunden täglich, zahlreiche Auftritte auf der Bühne, im Film (La Boum-die Fete) und im Fernsehen gehören fortan zu ihrem Leben als Ballett-Elevin. Nebenbei besucht sie die Schule, macht ihr Abitur. „Ich habe da unbedingte Disziplin gelernt und kann mich durchbeißen“, sagt sie. Mit achtzehn zwingen Gelenkprobleme Stéphanie Mingam mit dem Tanzen aufzuhören. „Der Traum von einem Leben als Balletttänzerin war ausgeträumt und ich habe mich gedanklich anders orientiert“, sagt sie nüchtern. Ein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Sprachen in Paris und Salamanca

schließt sie in Rekordzeit ab. Parallel arbeitet Stéphanie Mingam bei Chanel und Louis Vuitton in Paris. Mit Anfang zwanzig siedelt sie nach Deutschland über „der Liebe wegen“, wie sie erzählt. In Darmstadt lernt sie intensiv Deutsch: „Sechs Stunden am Tag – das war für mich erst einmal das Wichtigste“. Und dort legt sie auch den Grundstein für ihre berufliche Existenz: Sie macht eine Ausbildung zur Raumausstatterin, die Gesellenprüfung absolviert sie nach verkürzter Lehrzeit mit Auszeichnung. Stéphanie Mingam ist Mitte zwanzig, als sie mit ihrer Jugendliebe nach Osnabrück zieht, heiratet, zwei Kinder bekommt und den Schritt in die Selbstständigkeit wagt.

Dann der erste Großauftrag: das Osnabrücker Hotel Walhalla einzurichten. Und dieser Auftrag trägt ihr prompt Schwierigkeiten mit der Handwerkskammer ein – ihr fehlt der Meistertitel. Doch Stéphanie Mingam hat gelernt, sich durchzubeißen, sie verhandelt mit der Kammer, bekommt eine Ausnahmegenehmigung, übernimmt den Auftrag im Walhalla und geht auf die Meisterschule. Alles neben Familie und Geschäft, versteht sich. Zwei Jahre später hat sie auch den Meistertitel in der Tasche.

Seit acht Jahren verläuft ihr Leben in ruhigeren Bahnen. Stéphanie Mingam hat neu geheiratet, lebt nun mit ihrem Mann und den drei Kindern in Ankum, betreibt ihren Laden „MLC Interieur“ und hat das Gefühl endlich angekommen zu sein. „Ankum ist ein Dorf, es gibt keinen Stau, keinen Stress, keine Parkplatzprobleme, aber trotzdem alles, was man braucht. Hier ist der Alltag viel einfacher und bequemer. Die Kinder wachsen ganz behütet auf,“ lautet ihre Bilanz. „Ich kann mein jetziges Leben gelassen nehmen, weil ich schon viel erlebt und gesehen habe von der Welt“, sagt sie. Auch beruflich ist sie froh darüber, sich in Ankum niedergelassen zu haben und ihre Inneneinrichtungsideen mit einem gewissen französischen Flair umsetzen zu können.

Und beim Vergleich der französischen mit der deutschen Lebensart – wo sieht sie die Unterschiede? Dazu fällt ihr ein Sprichwort ein: „Die Deutschen leben, um zu arbeiten, die Franzosen arbeiten, um zu leben“, sagt sie. „Ich vermisse oft eine gewisse Flexibilität. Immer muss alles geregelt sein, sogar in der Freizeit. Ich freue mich aber, wenn einer mal spontan vorbei kommt“. Für einen Kaffee habe sie immer Zeit. Generell würden die Deutschen das Leben zu sehr problematisieren: „Die sollten einfach mal lockerer werden,“ ist ihr Rezept. Und wie sieht Stéphanie Mingam ihre Integration? „Ich besitze eine große Fähigkeit zur Anpassung“, sagt sie. „Aber ich werde immer zu 100 Prozent Französin bleiben, ich rede französisch mit meinen Kindern, wir schauen französisches Fernsehen, ich koche französisch, wir sind viel in Frankreich.“ Zum Schluss sagt sie noch etwas, das nachdenklich stimmt: „Ich habe das Glück aus Frankreich zu kommen, einer westlichen, hoch entwickelten Nation. Käme ich aus einem Land im Osten Europas, sähe das mit dem Zwang zur Integration schon anders aus.“


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