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Nachhaltigkeit beim Bauen Lost Place in Talge: Charlotte Rothert saniert Fachwerkhof mit Lehm und Holzwolle

Das Fachwerk ist gesichert, bald kann die Sanierung beginnen. Aus dem ehemaligen Lost Place soll ein Vorzeigeobjekt werden.Das Fachwerk ist gesichert, bald kann die Sanierung beginnen. Aus dem ehemaligen Lost Place soll ein Vorzeigeobjekt werden.
Nina Strakeljahn

Bersenbrück. Ein verfallenes Haus und Müll, wohin man schaut. Noch vor wenigen Monaten war der Resthof in Talge ein Lost Place. Doch in Kürze kann die Sanierung starten und die erfolgt nachhaltig.

In diesem Text erfährst Du:

  • Warum der Fachwerkhof ein Lost Place war.
  • Wie er zu einem Wohntraum werden soll.
  • Warum er mit nachhaltigen Materialen saniert wird.

Der alte Fachwerkhof in Talge von 1549 ist kaum wiederzuerkennen. Wo sich vor einigen Monaten noch Müll türmte, ist das Fachwerk nun freigelegt. Der Baum, der schon aus dem Dach wuchs, ist verschwunden. Mit dem Auto kann man nun bis zum Hof fahren, ohne Angst haben zu müssen, dass man stecken bleibt. Das ist auch deshalb wichtig, damit die Handwerker zum Haus gelangen, denn bald sollen die Sanierungsarbeiten des Hofes beginnen. Der Lost Place ist nicht mehr verloren, im Gegenteil.

Charlotte Rothert
Vermüllt und heruntergekommen war der Hof noch vor einigen Monaten.

Viel Arbeit und Energie haben Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic in das Projekt gesteckt: erst das Aufräumen, dann die Planungen und vor allem auch die Finanzierung. Doch nun steht alles und das Denkmalschutzamt hat sein Okay gegeben.

Aus dem Lost Place soll aber nicht einfach nur ein Traumhaus werden, nein Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic wollen es zum Vorzeigeobjekt machen und nachhaltig sanieren. "Umweltschutz hört nicht vor der Haustür auf", sagt sie und ergänzt: "Nachhaltig Sanieren ist gar nicht so schwierig."

Dabei war das zunächst gar nicht so gedacht. Doch dann lernte Charlotte Rothert über ihr mittlerweile großes Netzwerk bei Instagram den Energieberater Benedikt Kern kennen. Auf seinem Profil "Die Junkerei" zeigt er seinen eigenen ökologisch sanierten, denkmalgeschützten Hof und warb auch bei Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic für diese Bauweise. 

Nach einem langen Live-Gespräch auf Instagram setzte sich Charlotte Rothert hin und recherchierte fast die ganze Nacht. "Dann habe ich bei Benedikt angerufen und gesagt, ich habe Fragen, viele Fragen", erzählt sie. Nach etwa vier Stunden Telefonat und einem Crash-Kurs in Bauphysik war sie überzeugt. Sie schaute sich ökologisch sanierte Häuser an. "Es hat mich unfassbar fasziniert, allein die Idee, aus natürlichen Baustoffen etwas Tolles zu machen und trotzdem modern und effizient zu bauen."

Nina Strakeljahn
Mit nachhaltigen Materialien bauen Charlotte Rothert (von links) und Daniel Marinkovic den ehemaligen Lost Place wieder auf. Beraten werden sie von Benedikt Kern.

Nachdem sie für sich den Entschluss gefasst hatte, musste sie auch ihre Architektin und den Holzbauer Christian Budke, der sich um Fachwerk, Innenbausbau und Dach kümmert, überzeugen. Die ließen sich darauf ein. Beraten und unterstützt werden Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic bei der Planung auch weiterhin von Benedikt Kern. Doch das Projekt ist für ihn ein besonderes, weil auch er die Bilder von dem verfallenen Hof und dem vielen Müll kennt.

Statt nun beim Herrichten des Resthofes auf einen konventionellen Wandaufbau zu setzen, nutzen die beiden nur Naturmaterialien. So werden sie beispielsweise Holzfaserplatten statt Mineralwolle und Rigips nutzen und und das Holzständerwerk also quasi den Trockenbau, mit Holzwolle dämmen. "Nur von einer Dämmung mit Stroh konnte ich sie leider noch nicht überzeugen", bedauert Benedikt Kern. 

Nina Strakeljahn
Anders als bei diesem konventionellen Wandaufbau, setzen Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic auf nachhaltige Materialien.

Besonders schwärmen Charlotte Rothert und Benedikt Kern auch von Lehm. Damit soll die Wand am Ende verputzt und gestrichen werden. Lehmfarben gibt es in vielen verschiedenen Tönen, erklärt sie. "Lehm sorgt für die Regulierung der Luftfeuchtigkeit und ein gutes Raumklima." Er sei auch langlebig und beliebig oft wiederverwendbar.

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Ein klassisches Vorurteil, das Charlotte Rothert immer wieder hört, ist: Und was ist mit dem Brandschutz? Holz brennt doch viel schneller. "Ein Irrtum", betont sie. Durch die oberflächliche Rußschicht entsteht ein natürlicher feuerhemmender Schutz, fügt Benedikt Kern hinzu. Also kann diese natürliche Bauweise in dieser Hinsicht sogar besser sein.

Die Materialen hätten aber noch viele andere Vorteile. Zunächst einmal sind sie ökologisch. Aber sie sind beispielsweise auch kapillarleitend, können also Feuchtigkeit aufnehmen und verteilen, so kann es besser wieder abtrocknen und schimmelt nicht so schnell.  "Das meinen vielen Menschen, wenn sie sagen, dass die Wand atmet", erklärt Benedikt Kern, fügt aber noch hinzu, dass eine Wand natürlich nicht atmen kann.

Nina Strakeljahn
Die Wände werden mit nachhaltigen Materialien gedämmt.

"Ist das nicht viel teurer?" Das wird Charlotte Rothert ebenfalls oft gefragt, wenn sie erzählt, dass sie nachhaltig saniert. Zunächst macht sich das bei den Kosten natürlich schon bemerkbar, aber nicht so deutlich, wie viele meinen. Die Materialien seien etwa 10 bis 15 Prozent teurer und der Bau etwas zeitintensiver. Auf die Gesamtbausumme mache das fünf bis sechs Prozent aus, schätzt sie. Man müsse aber auch Folgekosten mitbedenken, findet sie und meint damit beispielsweise die kostenintensive Entsorgung von Dämmmaterialien wie Steinwolle später. "Wenn es einmal nötig ist, könnte ich eine Wand in den Wald fahren und sie ist nach einigen Jahren vergangen." (Weiterlesen: Spargelstechen im Video: Nortruperin zeigt, wie es richtig geht)

Wer sich zu einer solchen Sanierung entschließt, erhält aber auch Förderungen. Die Energieberatung durch  Benedikt Kern zum Beispiel wird zu einem großen Teil übernommen. Deshalb rät Charlotte Rothert auch dringend: "Wer ein solches Projekt angehen will, sollte sich ausführlich beraten lassen." Das könne durchaus Geld sparen. Bislang sind viele Förderungen allerdings noch unabhängig von den Baumaterialien, erklärt Benedikt Kern und hofft, dass sich das bald ändert.

Ökologischer Fußabdruck jedes Einzelnen

Nicht zuletzt wirkt sich eine nachhaltige Sanierung aber auch auf den ökologischen Fußabdruck jedes Einzelnen auf – und das könnte in Zukunft noch wichtig werden. Gerade mit Blick auf den Klimawandel und dem gleichzeitig fehlenden Wohnraum sei nachhaltiges Bauen entscheidend.

Wer schon beim Wandaufbau auf die kleinen Details achtet, der macht sich natürlich auch Gedanken um die Energieversorgung. Daniel Marinkovic hat sich damit ausführlich beschäftigt. "Wir wollen möglichst unabhängig leben und Strom selbst produzieren", erklärt er. "Wir wollen keine fossilen Brennstoffe." 

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du in unserem Neo-Ressort.

Die beiden setzten daher auf Fotovoltaik und einen Stromspeicher, verbunden mit einem intelligenten Stromnetz (smart grid). So soll zum Beispiel die Waschmaschine dann starten, wenn gerade genug Strom vorhanden ist, um so die Energie optimal auszunutzen. "Auch die Fußbodenheizung wird wissen, wann wir da sind und entsprechend anspringen."

Auch wenn das zunächst Investitionen sind, macht das für Charlotte Rothert und Daniel Marinkovic Sinn. Benedikt Kern ist ebenfalls davon überzeugt, dass sie nicht nur CO2 einsparen werden, sondern auch niedrige Energiekosten haben werden, wobei ein Vergleich schwer ist, weil es keine Vergleichswerte gibt. 

Nina Strakeljahn
Mittlerweile ist aufgeräumt. Es gibt aber noch viel zu tun, bis aus dem Lost Place ein Traumhaus wird.

Bald werden die Sanierungsarbeiten starten. Wie lange das dauert, ist noch nicht absehbar. Charlotte Rothert hofft, dass sie und Daniel Marinkovic in zwei Jahren in ihrem neuen Zuhause wohnen können und aus dem Lost Place dann ein nachhaltiges, denkmalgeschütztes Vorzeigehaus geworden ist. 


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