Aktiv an der Rettung jüdischer Familien beteiligt? Gespräch über Hans-Georg Calmeyer und seine Gehrder Verwandtschaft

Von Sigrid Schüler

Die Referenten des Abends: Christel Wankel und Otto Burzlaff. Foto: Sigrid SchülerDie Referenten des Abends: Christel Wankel und Otto Burzlaff. Foto: Sigrid Schüler

Gehrde. Die Vortragsreihe „Gehrder Familien“ hat jetzt im Gehrder Dorftreff ihren Auftakt gehabt. Christel Wankel und Otto Burzlaff berichteten aus der Vergangenheit der Familie Calmeyer, die das Dorf über mehrere Jahrhunderte geprägt hat. Diskutiert wurde auch, ob Hans-Georg Calmeyer aktiv an der Rettung jüdischer Familien mitgewirkt hat.

Die Geschichte der Familie Calmeyer lasse sich bis ins Jahr 1560 zurückverfolgen, erklärte Otto Burzlaff, nämlich in Gestalt des Schmiedemeisters Joachim Calmeyer. Der erste Bürger der Familie Calmeyer in Gehrde sei dessen Urenkel Ernst Calmeyer gewesen, der sich im Jahr 1688 auf eine Magisterstelle in Gehrde bewarb und damit der erste Lehrer in Gehrde wurde. Dessen Sohn Heinrich (1699 bis 1754) gründete in Gehrde ein Geschäft, das bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestand und bis zur sechsten Generation in Familienbesitz war. 

Klassisches Kolonialwarengeschäft betrieben

Im Jahr 1779 gab es einen Brand im Südosten Gehrdes, dem 15 Wohnhäuser zum Opfer fielen, auch das Calmeyersche. Das Haus wurde wieder aufgebaut, an der Stelle, an der heute das Gebäude der Kreissparkasse steht, so Burzlaff. Hermann Calmeyer, der vierte Inhaber des Geschäftes, eröffnete zusätzlich ein kleines Bankgeschäft. Er war es auch, der die sogenannte Bänkerei kaufte, das Haus gegenüber dem heutigen Elektrogeschäft in Gehrde. Dort sei nicht die Bank angesiedelt gewesen, sondern das Haus habe für Familienmitglieder, die in Gehrde Urlaub machten, zur Verfügung gestanden. Aus der Zeit von Otto Calmeyer, dem fünften Ladeninhaber, existiert eine Beschreibung des Geschäftes: ein klassisches Kolonialwarengeschäft, in dem man alle Dinge des täglichen Bedarf von Kaffee bis zum Brautschleier kaufen konnte, ausgestattet mit Regalen, Schubladen Flaschen und Fässchen.

Otto Calmeyers Sohn Wilhelm, der von 1902 bis 1972 lebte, habe aber den Laden nicht modernisiert, und schließlich habe sich kein Nachfolger mehr gefunden, sodass das Geschäft 1957 geschlossen wurde. Das Haus wurde 1967 abgerissen.

Einige der Zuhörer im Dorftreff erinnerten sich noch gut an das Calmeyersche Geschäft und die letzten beiden Generationen der Familie, auch an den Geldverleih, der ohne große schriftliche Verträge auf Treu und Glauben getätigt worden sei.

Hans-Georg Calmeyer als bekannter Abkömmling

Bekannter Abkömmling der Familie ist Hans-Georg Calmeyer (1903 bis 1972), dessen Vater in Gehrde geboren worden war, Jura studierte und Amtsrichter wurde. Hans-Georg Calmeyer wurde Rechtsanwalt in Osnabrück und baute 1931 eine Rechtsanwaltskanzlei auf. Da er vor Gericht auch Kommunisten verteidigte, wurde er 1933 mit einem Berufsverbot belegt, dass aber ein Jahr später wieder aufgehoben wurde. Zu Beginn des Krieges wurde er eingezogen, hatte dann aber 1941 die Gelegenheit, in Den Haag im „Reichskommissariat für die besetzten niederländischen Gebiete“ zu arbeiten und die Stelle zu leiten, an der über „rassische Zweifelsfälle“ der jüdischen Bevölkerung entschieden wurde. In dieser Funktion entschied er anhand von Dokumenten, ob eine Person als jüdisch gelte. Durch großzügige Auslegung der Unterlagen konnte er mehr als 2800 Menschen vor Deportation und dem Tod retten, weshalb er von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem im Jahr 1992 posthum mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde.

Zwei Gerettete in Berlin getroffen

In der Diskussion um die Person Calmeyers und die Zeiten des NS-Regimes erzählte Christel Wankel, dass sie zwei der geretteten Menschen per Zufall in Berlin kennengelernt habe, und zwar eine Frau und deren Tochter. Von den beiden habe sie erfahren, dass Calmeyer nicht nur passiv geholfen habe, in dem er Dokumente nicht richtig prüfte, sondern aktiv an Texten und Stellungnahmen mitgeschrieben habe, zumindest in einigen Fällen. Calmeyer sei nicht Mitglied in der NSDAP gewesen, und es sei als Staatsbediensteter sicher nicht einfach gewesen, sich einer Parteimitgliedschaft zu entziehen. Ein Widerstandskämpfer sei Calmeyer nicht gewesen, wohl aber einer, der sich vom Regime distanzierte. Es sei eine große Leistung gewesen, nicht einfach ideologisch dem Nazi-Regime zu folgen, sondern quasi einen anderen Weg einzuschlagen und Mensch zu bleiben, hieß es in der Runde.


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