Wie das Artland entstand Festung Gehrde: Die Ritter von Rüsfort

Turmburgen sicherten im Hochmittelalter viele Adelssitze im Osnabrücker Nordland. Das Projekt "Castrum Vechtense" rekonstruiert im Zitadellenpark die Burganlage Vechtas aus dem 11. Jahrhundert. In Gehrde könnte eine ähnliche Anlage gestanden haben.  Foto: Museum Vechta/Wolfgang SiemerTurmburgen sicherten im Hochmittelalter viele Adelssitze im Osnabrücker Nordland. Das Projekt "Castrum Vechtense" rekonstruiert im Zitadellenpark die Burganlage Vechtas aus dem 11. Jahrhundert. In Gehrde könnte eine ähnliche Anlage gestanden haben. Foto: Museum Vechta/Wolfgang Siemer

Gehrde. Wie wurde aus einer menschenleeren Flusslandschaft das Artland? Geschichtsdetektiv Jürgen Espenhorst trägt Indizien zusammen. Sie fügen sich zu einer Geschichte, die noch kein Historiker so erzählt hat. Geheimnisvolle Ritter spielen eine tragende Rolle.

Nach der Völkerwanderung, so um 500, muss das mittlere Hasetal nördlich des heutigen Bramsche im Osnabrücker Nordland ein menschenleeres Naturparadies gewesen sein. Verschlungene Flussläufe, Auenwälder, saftige Wiesen. Bei Hochwasser ragten ein paar Inseln aus einem weiten Binnenmeer. Ein Land, in dem Desperados untertauchen könnten. Wer von Bersenbrück nach Gehrde wollte, musste die Hase zweimal durchwaten 

Freie Sachsen besiedelten es, so eine gängige Geschichtstheorie. Sie rangen dem Hase-Binnendelta ihre Lebensgrundlage ab, kultivierten das Land, indem sie es mit Plaggen düngten.

Ein romantisches Bild, das nicht zu den Fakten passt, findet der in Gehrde aufgewachsene Jürgen Espenhorst. Plaggenwirtschaft finden Archäologen im Osnabrücker Land erst ab dem 11. Jahrhundert, nicht in der um 800 endenden Sachsenzeit. Und da gibt es diese Urkunde von 977, in der zum ersten Mal Ortsnamen wie Merzen, Alfhausen, Gehrde oder Ankum auftauchen. Mit freundlicher Unterstützung Kaiser Ottos des II. ordnet ein Mann namens Herigisus aus Ankum-Rüssel einen Grundbesitz, der über fünf Landgemeinden von Merzen bis Badbergen reicht. Er teilt ihn unter zwei Erben, interpretiert Espenhorst den Text.

Die erste Wallburg

Tatsächlich tauchen Jahrzehnte später zwei große Grundbesitzkomplexe in Urkunden auf, einer vermutlich geführt von Rüssel aus, der andere von Gehrde-Rüsfort. Dort gibt es zumindest einer anderen Urkunde zufolge im westlichen Teil des heutigen Dorfes eine Burg mit einem Wall drumherum, die erste, die im Osnabrücker Land genannt wird.

Doch wie kann ein Provinzler wie Herigisus einen international agierenden Kaiser wie Otto II. für seine Zwecke einspannen? Das Geschäft fädelte Liudolf ein, Ex-Kanzler des Kaisers und Bischof von Osnabrück. In einem dünn besiedelten Land ist auch die Elite klein und überschaubar. Der Adel kennt sich, arbeitet zusammen. Wer dazugehören wollte, musste nicht unbedingt Ritter sein, das war aufwendig. Der Rang des Knappen tat es auch.

In den Ortsnamen, die die Urkunden nennen, findet Espenhorst Hinweise auf Villikationen, frühmittelalterliche Agrarkonzerne, gruppiert um große adelige Wirtschaftshöfe, mit einer Mischung aus Eigenversorgungswirtschaft und einer hoch arbeitsteiligen Zusammenarbeit. Und mit einer eigenen Kirche.

Da gibt es Wassermühlen an der Hase in Hastrup, einen Teilbetrieb für Schweinemast im Buchenwald, die Gewinnung von Heu als Winterfutter für das Vieh oder von Roggen, eine Herberge an einer Furt, einen Hochwasser-Warndienst. Es gibt eine mittlere Führungsebene, die „maiores“, deren Nachfahren Inhaber von Meierhöfen wurden, Disziplinarrichter in den Zentralen, die Schulten – und einen Priester, „vielleicht ein Teilzeitpriester,“ berichtet Espenhorst, als er seine Thesen in drei Seminaren der Volkshochschule in Bersenbrück vorstellt.

Dort zeigt er auf, wie er mit alten Katasterkarten und Flurnamen das Bild mit immer mehr Details füllt. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Für das Hochstift Osnabrück gibt es Du Plats präzise Flurkarte vom Ende des 18. Jahrhunderts. Für die die Gemeinde Gehrde mit ihren Bauerschaften Drehle, Rüsfort und Helle hat der Heimatforscher Gerhard Twelbeck die die Flurnamen in Listen erfasst.

Umkämpftes Nordland

Doch wonach suchen, wenn der Plaggenesch nicht das älteste Ackerland ist? „Suchen sie nach dem Kirchenland“, riet eine Expertin Espenhorst. „Der Kirche stiftet man immer das älteste und beste Land.“ Aufschlussreich ist auch der Flurname Worth. Er bezeichnet quadratische Äcker, die für die Bearbeitung für den einfachen Hakenpflug ideal sind. Der Ortsname blieb, obwohl sich in späteren Zeiten der Zuschnitt der Flächen änderte. Für den eisernen Scharpflug, den man für die Plaggenwirtschaft braucht, eignen sich längliche Felder besser.


Gehrde lag im Frühmittelalter auf einer Flussinsel im Hase-Binnendelta. Um von Bersenbrück dorthin zu gelangen, musste man mindesten zwei Flussarme durchqueren. Die Ritter von Rüsfort hatten Landbesitz in Höne (Hane), Muliun (Hastrup), Drehle (Treli), Rüsfort selbst (Reasford) und Gerhde (Girithi). im Schutze eines Landwehrwalls von Hasrtrup bis Badbergen Wehdel bauten sie ihren Besitz im Hochmittelalter aus, auch duch Kultivierung sumpfiger Niederungen. Zeichnung: Jürgen Espenhorst Karte: Geologische Wanderkarte Landkreis Osnabrück, Herausgegeben vom Landkreis Osnabrück und vom Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung, 1984.


Espenhorst fand Worth-Äcker und das Kirchenland, den großen Wirtschaftshof der Herren von Rüsfort und den ungefähren Ort ihrer ersten Burg. Von diesem Kern aus rekonstruierte er die weitere Entwicklung. Denn im Hochmittelalter, zwischen 1000 und 1350, „da ging die Post ab“, erzählt Espenhorst. Deutschland erlebt ein „Wirtschaftswunder“, eine Bevölkerungsexplosion, begleitet von vielen Fehden und Kämpfen.

Um die Herrschaft im Osnabrücker Nordland kämpften die Bischöfe von Osnabrück, die Häuser Tecklenburg, Ravensberg und Oldenburg, später mischte sich das Bistum Münster ein. Erst ab 1450 konnte sich ein friedliches Artland entwickeln.

In diesen Kämpfen spielten Ritter mit ihren Mannen eine Rolle, die zugleich ihre eigenen Unternehmungen verfolgten, Espenhorst vergleicht sie mit CEOs, Hauptgeschäftsführer moderner Konzerne.

Die Zahl der Adelssitze in der Region stieg von einem um 1000 auf 34 um 1300. Schutz geboten haben dürfte in vielen Fällen eine einfach zu bauende Turmburg aus Eichenholz. Wie so eine Burg aussah, zeigt ein Nachbau im Zitadellenpark in Vechta, in einer Burganlage, die der Burg Vechta aus dem 11. Jahrhundert nachempfunden ist. Das Original spielte in den mittelalterlichen Kämpfen um das Osnabrücker Nordland eine Rolle.

Manche Ritter nahmen selbst Ritter in ihre Dienste. Die Herren von Rüsfort sicherten ihren Besitz nach Norden mit dem Sitz „Espelhorst“ ab, aus dem später der Bauernhof Espenhorst hervorging.

Die Rüsforter Ritter taten aber noch viel mehr. Nach Westen schirmte der Hauptarm der Hase ihr Land ab. Nach Osten gab es nur einen kleinen Nebenarm des Flusses, heute der Möllwiesenbach. Von Hastrup bis hinüber nach Wehdel wurde eine Landwehr angelegt, ein Doppelwall mit Graben und einer Bepflanzung mit Gehölz, die wie ein Verhau angelegt war. Eine Lücke im Wall ließ sich mittels eines Stauwehrs am Möllwiesenbach fluten und unpassierbar machen. Zwei Turmburgen sicherten den Landwehrwall, eine von ihnen stand für Feinde schwer erreichbar in einem Stauteich, dessen Wasser in Friedenszeiten eine Mühle antrieben.

Im Schutze dieser Anlage entstanden Höfe und durch Landteilungen immer neue Höfe. Sumpfiges Tiefland wurde entwässert und urbar gemacht. Helle im Norden und Klein Drehle im Süden kamen zu den Ur-Siedlungsgruppen Drehle, Rüsfort und Gehrde hinzu. Ab 1230 entwickelte sich ein Dorf, Gehrde.

Spurlos verschwunden

Hinweise verdichten sich, dass es anderswo ähnliche Prozesse gegeben hat, auch in Westfalen, so Espenhorst. Das ist noch wenig erforscht.

Die Adelselite, die den Prozess im Osnabrücker Nordland anschob, ist jedenfalls verschwunden. Ihre Holzburgen, mutmaßt Espenhorst, könnten in den Kämpfen ihrer Zeit in Flammen aufgegangen sein. Sie durch feuerfeste Steinbauten zu ersetzen, dazu fehlten im Osnabrücker Nordland vielfach die Voraussetzungen.


Wie gründet man eine Gemeindekirche?

Zwei Fragen sind noch offen in Jürgen Espenhorst Thesen zur Besiedlung des mittleren Hasetals, aus dem im Laufe von 600 Jahren das Artland wurde: Wie vollzog sich die Entwicklung zum Kirchspiel? Und wie entstanden die Dörfer? Seine Überlegungen zur Gründung von Gemeindekirchen stellt er am Samstag, 30. März, in einem VHS-Nachmittag in Bersenbrück vor. Beginn um 15.30 Uhr in der Marktschule Dauer bis 18 Uhr. Anmeldungen sind möglich unter www.vhs-osland.de oder per E-Mail an vhs@lkos.de. 

Für die Evangelische Akademie Villigst und den Pangaea-Verlag richtet Espenhorst in Schwerte regelmäßig die „Internationalen Atlas-Tage“ aus.Vom 26. bis 28. April ist es wieder soweit. Den Atlas-Tagen vorgeschaltet ist ein Workshop für Kartografen, in denen Espenhorst seine Thesen zur Siedlungsgeschichte komplett vorstellen will. Kartografen, sagt er, seien besonders akribische Kritiker. Mehr dazu im Internet unter pangaea-verlag.de

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