Tag der Logopädie Bersenbrück: Wie Sprachtherapie Autisten hilft

Von Elisabeth Schomaker

Logopädin Larissa Mundt (links) und Autismustherapeutin Sina Meyer. Foto: Elisabeth SchomakerLogopädin Larissa Mundt (links) und Autismustherapeutin Sina Meyer. Foto: Elisabeth Schomaker

Bersenbrück. Der Tag der Logopädie am 6. März rückt in diesem Jahr das Thema Autismus in den Mittelpunkt. Autismus-Therapeutin Sina Meyer und Logopädin Larissa Mundt erzählen im Interview, was Autismus überhaupt ist und wie die Sprachtherapie autistischen Menschen helfen kann.

Frau Meyer, Sie sind Autismus-Therapeutin. Was genau ist Autismus überhaupt? 

 Meyer: Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die im Grunde alle Bereiche der Entwicklung betrifft, zum Beispiel die Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Autistische Menschen haben Schwierigkeiten beim Bewerten und Schlussfolgern, bei der Handlungsplanung und beim lösungsorientierten Denken. Es fällt ihnen schwer, Zusammenhänge herzustellen. Sie sind außerdem sehr im Detaildenken und sehen das große Ganze nicht. Auch die emotionale Ebene ist betroffen. Sie haben Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen, Empathie zu entwickeln und Gefühle zu erkennen. Allgemein kann man sagen, dass Autismus eine andere Art des Denken und des Lernens ist. Die Ausprägungen sind aber bei jedem Klienten anders. Es gibt nicht den einen autistischen Menschen; jeder ist anders und individuell.  

Frau Mundt, Sie sind Logopädin. Wie zeigt sich Autismus im Bereich der Sprache?

  Mundt: Bei autistischen Menschen ist die Sprachentwicklung verspätet, eingeschränkt oder sie fehlt gänzlich. Zentral sind beispielsweise große Beeinträchtigungen im Verständnis und im Gebrauch der Sprache. Ein Großteil der menschlichen Kommunikation läuft über nonverbale Kommunikation ab, also etwa über Gestik und Mimik. Unsere Klienten können gestische und mimische Ausdrucksweisen häufig nicht erkennen und angemessen darauf reagieren. Ein großes Thema ist dabei der Blickkontakt. Menschen mit Autismus müssen in der Regel erst lernen, dass Kommunikation einen Nutzen hat und sie mit ihrer Hilfe die eigenen Bedürfnisse befriedigen können.  

Meyer: Durch die Schwierigkeiten in der Kommunikation ist auch die soziale Interaktion beeinträchtigt. Menschen mit Autismus stehen häufig vor verschlossenen Türen, weil sie oftmals nicht richtig verstanden werden. Das kann ein hohes Frustlevel aufbauen und geht manchmal mit Fremd- und Autoaggression einher. Ein Ziel der Therapie ist es, zu lernen, die eigenen Bedürfnisse zu äußern. Außerdem müssen autistische Menschen erlernen, die nonverbalen Zeichen des Gegenübers zu verstehen. Sie erkennen zum Beispiel nicht intuitiv, welcher Gesichtsausdruck  „wütend“ oder „traurig“ signalisiert.  

Wie kann die Logopädie autistischen Menschen helfen?

Mundt: Es geht darum, Anlässe zu schaffen, damit der Klient überhaupt in die Kommunikation einsteigt. Bei Kinder geht das ganz grundsätzlich erst einmal über den Blickkontakt. Mit kleinen Spielen richten wir Logopäden den Blick des Kindes auf einen Gegenstand und formulieren dann das entsprechende Wort. So lernt es allmählich den Zusammenhang zwischen Wort und Gegenstand. Dabei spielt das Thema Motivation eine zentrale Rolle: Wir versuchen, Kommunikation lustvoll zu gestalten. Dafür suchen wir nach sogenannten „Verstärkern“, also nach Dingen, die die Kinder gerne mögen. Das kann zum Beispiel Kitzeln, Klatschen oder Schaukeln sein. Mit gemeinsamen Aktionen versuchen wir dann, sie zum Kommunizieren anzuregen. Bei einem Klienten habe ich immer wieder in die Hände geklatscht und dann damit aufgehört. So wurde das Kind dazu animiert, mich zum Weiterklatschen aufzufordern. Das muss nicht immer über Laute passieren, sondern kann auch ein Blickkontakt sein.  

Meyer: In der Therapie bieten wir verschiedene Mittel der Sprache an. Wenn ein Kind nicht bzw. noch nicht spricht, unterstützen wir es dabei, andere Wege der Kommunikation zu finden, etwa Gebärden, Bildkarten (PECS) oder elektronische Hilfsmittel wie Tablets mit speziellen Apps für die Unterstützte Kommunikation (UK). 

Mundt: Mit all diesen Methoden fördern wir nicht nur die Sprache an sich, sondern auch alle anderen Entwicklungsbereiche, die Wahrnehmung, die soziale Interaktion, das Körpergefühl. Alles ist durch Wechselwirkungen miteinander verbunden und baut aufeinander auf. Als Logopädin beziehe ich deshalb immer auch andere Bereiche mit ein, um in der Sprachentwicklung weiterzukommen. Es geht um die ganzheitliche Entwicklung. Im Idealfall sind die verschiedenen Therapien, die ein autistisches Kind bekommt, aufeinander abgestimmt und ergänzen sich.

Wie sieht die Zusammenarbeit der verschiedenen Therapien konkret aus?

Sina Meyer: Um uns auszutauschen, kommen wir regelmäßig zu den sogenannten Förderplangesprächen zusammen. Darin besprechen alle, die an der Therapie beteiligt sind – also zum Beispiel Logopäden, Autismus-Therapeuten, Physiotherapeuten, Erzieher, Heilerziehungspfleger und Eltern -, auf welchem Entwicklungsstand das Kind derzeit ist, welche nächsten Schritte sinnvoll sind und wie sich die verschiedenen Therapien gegenseitig unterstützen können. Nur wenn wir systemisch zusammenarbeiten, können wir letztendlich alle mit einbeziehen und haben eine größere Chancen, dass das Kind das Erlernte auch in anderen Lebensbereichen, etwa Zuhause oder in der Schule, umsetzen kann. Dabei spielt die Zusammenarbeit mit den Eltern eine ganz entscheidende Rolle: Eltern sind Experten für ihr Kind und wissen am besten, welche Bedürfnisse ihr Kind hat, was ihm am besten gefällt. 



Zur Person:

Larissa Mundt (34) ist im Praxisverbund Logopädie der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück tätig. 

Sina Meyer (29) arbeitet als Autismus-Therapeutin in den Autismus-Therapie-Zentren der HpH in Bersenbrück und Diepholz.

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