Millionen und Familienfrieden Bersenbrück: Was bei einer Hofnachfolge wichtig wird

Gilda Goharian

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Iris Flentje und Stefan Müller von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen berieten in Bersenbrück über Hofnachfolge. Foto: Gilda GoharianIris Flentje und Stefan Müller von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen berieten in Bersenbrück über Hofnachfolge. Foto: Gilda Goharian

Altkreis Bersenbrück Irgendwann stehen alle Landwirte vor der Entscheidung: Was wird aus meinem Hof, wenn ich nicht mehr weitermachen will? Eine Hofübergabe stellt eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar – in wirtschaftlicher und nicht selten auch menschlicher Hinsicht.

Fachliche und rechtliche Fragen sind nämlich nur ein Teil des Übergabeprozesses. Darüber hinaus spielt die zwischenmenschliche Ebene eine entscheidende Rolle, es geht nicht nur um den Unternehmenserfolg, sondern auch um den Familienfrieden. Um Rat und Unterstützung zu bieten, hat die Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK) zu einem Infotag nach Bersenbrück eingeladen.

Ein Generationenwechsel auf einem Hof geht nicht immer problemlos vonstatten. Viel Geld, häufig Millionenbeträge, stehen auf dem Spiel, wenn es einmal so weit ist. Welches der Kinder soll den Hof erben? Wieviel Abfindung bekommen die anderen Kinder, die sogenannten weichenden Erben? Wie soll der Nachlass geregelt werden, wenn kein Erbe da ist? Wie hoch soll das Altenteil für die Übergeber ausfallen?

Das Wort „Probleme“ hat Iris Flentje aus ihrem Vokabular gestrichen. Sie spricht lieber von „Herausforderungen“. 32 Hofübergaben hat die sozioökonomische Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen allein im vergangenen Jahr begleitet und kennt alle möglichen Stolpersteine und jede erbrechtliche Besonderheit.

Strukturwandel

„Die Herangehensweise hat sich komplett geändert“, erzählt Flentje, die ihr Büro in Nienburg hat. „Früher war eine Hofübergabe eher ein autoritärer Prozess – der Vater hat bestimmt, wann sein ältestes Kind den Hof übernimmt und fertig.“ So einfach ist es längst nicht mehr, denn häufig scheitert es bereits daran, dass die Erben andere Berufswünsche haben und nicht in die Fußstapfen der Eltern treten wollen.

Daran ist laut Flentje nicht zuletzt der Strukturwandel im ländlichen Raum verantwortlich: „Landwirte haben keine 40-Stunden-Woche. Die Arbeit ist hart, die wirtschaftliche Lage angespannt und der Ruf der Landwirtschaft in der Bevölkerung längst nicht mehr so gut wie früher“, fasst sie zusammen.

Ihr Osnabrücker Kollege Stefan Müller ergänzt: „Betriebe sind heute Wirtschaftsunternehmen, moderne Landwirte hoch qualifizierte Unternehmer. Häufig gibt es auch außerlandwirtschaftliches Vermögen wie etwa Beteiligungen an Biogas- oder Windkraftanlagen und Mietobjekte zu verwalten. Mehr als je zuvor werden Landwirte in Deutschland vom Geschehen auf dem Weltmarkt beeinflusst.“ Der klassische Familienbetrieb, sofern es ihn noch gäbe, habe wenig Chancen zum Überleben. Schon heute arbeite mancher Landwirt nur noch in Teilzeit auf dem Hof, und (Ehe-)partner haben mit dem Betrieb oft gar nichts zu tun.

Eng an Familie gekoppelt

Wenn in der Familie niemand den landwirtschaftlichen Betrieb weiterführen möchte, herrscht meist Ratlosigkeit. Gleichzeitig fragen sich hoch qualifizierte Junglandwirte nach Abschluss ihrer Ausbildung, wie sie ihre Zukunft gestalten sollen, welcher Spezialisierung sie nachgehen wollen.

Auch wenn sich eines der Kinder klar für die Hofübernahme entscheidet, kann es schwer sein, den Familienfrieden zu wahren. Viele Betriebe sind eng an die Familie gekoppelt. Mehrere Generationen leben auf engem Raum zusammen, und der Wohnort ist Arbeitsplatz der Landwirte. „Wenn Papa oder Mama dann offiziell im Ruhestand sind, aber den Kindern ständig in Entscheidungen reinreden, sind Konflikte vorprogrammiert.“ Gegensätzliche Vorstellungen und Werte sorgen zwischen den Generationen immer wieder für Zündstoff.

Ging es bei Beratungen vor einigen Jahren fast ausschließlich um rechtliche Fragen, spielen „weiche Themen“ heute mehr denn je eine Rolle. „Eine Hofübergabe benötigt ein sensibles Herangehen und Verschwiegenheit, denn es kann sehr emotional werden. Auch bei der Veranstaltung heute sind ein paar Tränen geflossen“, so Müller.

Nicht zuletzt deswegen gibt es Infotage wie diesen. Der Zuspruch mit Teilnehmern aus der ganzen Region zeigt, dass das Thema viele Landwirte bewegt. Auch außerhalb dieser Veranstaltungen sind die Experten der Landwirtschaftskammer erreichbar und stehen mit ihren Kenntnissen zur Verfügung. Ihrer Erfahrung nach wird das Thema Hofübergabe zu lange gemieden. Der Rat von Iris Flentje und Stefan Müller lautet deshalb: „Fangt so früh wie möglich an, euch um die Nachfolge zu kümmern.“

Jede Geschichte brauche eine maßgeschneiderte Lösung. „Ein gutes halbes bis dreiviertel Jahr und einige Gespräche mit den sozioökonomischen Beratern vor Ort sollte man mindestens einplanen“, so Flentje. Die gelernte Landwirtin ist optimistisch, mit den Betroffenen jede Herausforderung zu bewältigen. Nicht zuletzt, weil sie diesen Beruf so liebt: „ Ich kann mir keinen vielfältigeren Beruf als die Landwirtschaft vorstellen.“


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