Mit den Förstern in Westerholte unterwegs Wie der Klimawandel den Wald in Ankum verändert

Von Gilda Goharian

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Ankum. Sommerdürre und Winterstürme haben dem Wald im Altkreis Bersenbrück stark zugesetzt. Ein Ausflug mit Förster Wolfram Buchwald und Forstamtsleiter Reinhard Ferchland im Revier Westerholte verdeutlicht, dass sich die Wälder der Region vermutlich verändern werden: Manche Baumart verschwindet, neue kommen dazu.

Im Dauerregen stehen Wolfram Buchwald und Reinhard Ferchland vor einer Fläche, die weniger nach Wald als nach Kahlschlag aussieht. Hier haben Buchdrucker und Kupferstecher gewütet. Natürlich geht es nicht um die alten Handwerksberufe, sondern um zwei in Deutschland besonders häufige Borkenkäferarten. Haben sich die Schädlinge verbreitet, „dann hilft eigentlich nur noch Beten“, so Revierförster Buchwald. Rot markiert sind die Fichten, die dringend gefällt werden müssen, bevor sich die Schädlinge vermehren können. Ein Wettlauf mit der Zeit. „Ich schätze mal, dass so an die 150 Bäume allein hier noch entfernt werden müssen“, vermutet Buchwald.

Ein gesunder Baum kann mit einer geringen Zahl von Borkenkäfern durchaus fertig werden. Fichten etwa sondern Harz ab, um die Schädlinge in der klebrigen Substanz zu ersticken. Ab einer gewissen Anzahl von Käfern klappt diese Abwehrstrategie nicht mehr. „Die Masse macht’s“, so die Fachleute.

Der Klimawandel erschwert den Kampf der Fichten gegen Parasiten. Mit ihren flachen Wurzeln kommen sie mit längerer Trockenheit schwer klar, werden anfällig für Krankheiten und Schädlingsbefall. Sobald sich die Buchdrucker durch die Rinde bohren, um ihre Eier abzulegen, zerstören sie die Wasser- und Nährstoffleitbahnen.

Gartenabfälle verbreiten invasive Pflanzen

Lange, trockene Sommer wie 2018 bieten Borkenkäfern ideale Bedingungen. Ein Weibchen kann in solchen Jahren für bis zu 100.000 Nachkommen sorgen.

Förster Wolfram Buchwald begutachtet die Schäden im Forst von Westerholte. Foto: Gilda Goharian

Die jungen Käfer überwintern in der Borke des befallenen Baumes, in Wurzelstöcken oder in der Bodenstreu, wo sie selbst extreme Kälte von bis zu minus 25 Grad überleben. Sobald im Frühjahr die Temperaturen steigen, verlassen sie ihr Winterquartier und vernichten den Wald weiter. „Deswegen ist es für uns so wichtig, die geschädigten Bäume sofort loszuwerden“, erklärt Buchwald. Wenn schnell gehandelt werde und die Fichten sofort geschlagen werden, drohe dem beliebten Bauholz kein Qualitätsverlust. Jedoch befinden sich die Fichtenholzpreise im freien Fall. Weil der Borkenkäfer bereits Millionen von Bäumen zerstört hat, ist der Markt massiv unter Druck.

Nicht nur Trockenheit, sondern auch Sturmschäden wie nach Orkantief Friederike kommen Borkenkäfern gelegen. Die beiden Forstleute sehen sich eine von den Winterstürmen 2018 verwüstete Fläche an: „Wetterphänomene wie diese haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Vermutlich wird der Klimawandel die Situation in den nächsten Jahren noch verschärfen“, befürchtet Forstamtsleiter Ferchland. Unter Fachleuten ist klar, dass sich heimische Wälder den neuen Bedingungen anpassen müssen.

Die lange Zeit als sichere Ertragsquelle von Waldbesitzern geschätzte Fichte muss Platz für an das Klima angepasste Baumarten schaffen. „Wir werden mehr Mischwälder haben“, sind sich Buchwald und Ferchland sicher.

Schon heute wird an diesem Ziel gearbeitet. Das niedersächsische Landesprogramm für Langfristige Ökologische Waldentwicklung (LÖWE) möchte eine Steigerung des Laubwaldanteils auf 60 Prozent erreichen.

Regen dezimiert Borkenkäfer

Einige Baumarten vertragen Trockenheit besser. Esskastanien könne man laut Ferchland in Zukunft wohl viel häufiger im Osnabrücker Land antreffen. Aber auch Arten, die man schon heute im Revier Ankum-Westerholte findet, wie die aus Nordamerika stammende Douglasie, die Roteiche oder die Küsten-Tanne , die sich alle in Nordwestdeutschland sichtlich wohlfühlen . Umweltschützer schmähen sie als invasive Baumarten. Das hält Ferchland für kurzsichtig: „Ich betrachte diese Arten als durchaus anbauwürdig, sie wachsen schnell, sind gut ökologisch verträglich und haben hervorragende holztechnische Eigenschaften.“ Sie liessen sich auch bestens in ein Mischwaldkonzept integrieren. „Und es sind tolle Bäume, die mit den unterschiedlichsten Wetterbedingungen bestens klar kommen“, schwärmt Ferchland mit Blick auf eine großgewachsene Küsten-Tanne.

Anders sehen die Forstfachleute die Spätblühende Traubenkirsche. Das ebenfalls aus Nordamerika stammende Rosengewächs gilt als sehr invasiv. „Wir haben die späte Traubenkirsche vor Jahren selber angepflanzt, weil sie sowohl Bienenweide als auch Vogelnährgehölz ist“, erklärt Revierförster Buchwald. Man habe jedoch nicht damit gerechnet, dass sich die Pflanze so aggressiv ausbreite. Gartenabfälle helfen bei der Verbreitung von invasiven Pflanzen. Ein Schild neben einer wilden Müllkippe macht unmissverständlich klar, dass Gartenabfall nicht in den Wald gehört. „Genauso wütend wie es mich macht, dass Ausflügler Plastikmüll wegwerfen, machen mich diese achtlos entsorgten Gartenabfälle.“

Weiter geht es zum nächsten Stop, wo eine Reihe von Bäumen mit einem Kreuz in der Rinde markiert sind: „Das sind Bestandsbäume, das heißt, ein solcher Baum darf weder lebendig noch tot aus dem Wald entnommen werden“, erläutert Buchwald mit Blick auf eine alte Eiche. Bestandsbäume sind im Ökosystem Wald von unschätzbarem Wert . „Bis zu tausend Insektenarten können in so einer Eiche leben“, fügt Forstamtsleiter Ferchland hinzu.

Da nicht nur Extremwetter und Schädlinge dem Wald zusetzen, sondern auch Bäume immer wieder für die Holzgewinnung gefällt werden, müssen die Forstfachleute stets neu pflanzen. Das Wachstum und die Entwicklung der einzelnen Arten behalten sie dabei im Auge. Manchmal erweist sich eine Art als nicht so glückliche Wahl, wie das Beispiel der Spätblühenden Traubenkirsche zeigt, manchmal machen sich die Neuzugänge so gut, dass man gerne mehr davon möchte, wie im Fall so mancher ursprünglich aus Nordamerika stammenden Baumart.

Dass Forstwirtschaft auch einen langen Atem braucht, zeigt ein Zwischenhalt an einem kleinen Waldstück, was ausschließlich mit heimischen Weiß-Eichen bepflanzt wurde. „Diese Eichen sind schon über vierzig Jahre alt, das vermutet man zunächst nicht“, sagt Buchwald mit Blick auf die noch recht schmächtigen Bäumchen. Aber auch wenn manche Baumarten besonders lange brauchen, um groß zu werden: „Wir freuen uns über sie.“

Die Aussicht auf eine rund ein Hektar große Fläche mit erst im Frühjahr ausgesäten Jungpflanzen macht die Fachleute dagegen traurig: „Den heißen Sommer hat ein Großteil der jungen Bäume nicht überlebt.“ Deswegen muss hier fast alles neu gepflanzt werden. „Weil wir so viel mit den Sturmschäden und dem Borkenkäfer zu tun haben, muss das aber leider warten.“

Extreme Witterungseinflüsse werden also nach Einschätzung der beiden Experten künftig weiter zunehmen und den heimischen Wald vor neue Herausforderungen stellen. Ferchland gibt jedoch zu bedenken, dass der Wald eine Kulturlandschaft sei und sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert habe. „Auch dieser Wald in seiner heutigen Form ist ein Produkt von gezielter Forstwirtschaft.“

Inzwischen hat es sich im Ankumer Forst richtig eingeregnet. Ein Gutes haben die wenig weihnachtlichen Temperaturen um die acht Grad samt Dauerregen aber doch: Anders als mit Frost kommt der Borkenkäfer mit nasser, eher milder Witterung gar nicht gut klar. Das jetzige Wetter stresst ihn und macht ihn krankheitsanfälliger.


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