Heimatforscher findet kuriose Geschichte Suche nach Hoferben in Rieste endete 1717 tödlich

Von Ilona Ebenthal

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Eine lange Geschichte hat der Hof Wittefeld in Rieste. Foto: Ilona EbenthalEine lange Geschichte hat der Hof Wittefeld in Rieste. Foto: Ilona Ebenthal

Rieste. Der Heimatforscher Gerhard Geers hat die kuriose Suche nach einem Hoferben in Rieste Anno 1717 beschrieben. Sie erzählt, wie Johan Heinrich Hülsmann an den Hof Wittefeld gelangte und warum er so früh sterben musste.

Wenn Gerhard Geers, pensionierter Grundschulrektor und passionierter Heimatforscher, in alten Büchern und Unterlagen stöbert, trifft er hin und wieder auf besonders kuriose Geschichten. Eine davon hat er niedergeschrieben unter dem Titel „Anerbe gesucht – nicht jeder eignet sich zum Bauern“. 

Es ist das Jahr 1717. Auf dem Hof Wittefeld in Rieste steht ein Wechsel an. Der Vater und Erbe des Hofes ist 1684 im Alter von nur 45 Jahren gestorben. Die Witwe Anna Margarethe Wittefeld, geb. Holzgrewe, heiratet 1687 ein zweites Mal und zwar den Colon Hermann, genannt Wittefeld. Dieser übernimmt nicht nur die Stiefvaterrolle für die fünf Kinder aus erster Ehe, sondern auch die Hofführung. Der Grundherr, die Johanniterkommende Lage, gewährt ihm 30 „Maljahre“, das ist der Zeitraum, in dem der Anerbe heranwachsen und später den Hof übernehmen kann. Der Anerbe ist - wie damals üblich - der jüngste Sohn, Johan Hermann Wittefeld, der im Jahr 1684, als sein leiblicher Vater starb, geboren wurde. Er wächst auf dem Hof heran, aber schon im Kindesalter wird deutlich, dass er wohl kaum in der Lage sein wird, den Hof zu übernehmen. 1717 nun steht die Entscheidung an. Die Maljahre des Stiefvaters sind vorbei. Und was wird der Grundherr sagen, der letztlich in Erbangelegenheiten das Sagen hat?

Eignungstest für Hoferben

 Der damals für Lage zuständige Pastor Lambertus Hüdepohl, in Abwesenheit des Komturs verantwortlich für alle wichtigen Entscheidungen, sowie der damalige Verwalter von Lage, nehmen sich der Sache an, und zwar mit erstaunlicher Gründlichkeit. Sie entwickeln einen „Eignungstest“ mit 29 Fragen, die sie dem Anerben vorlegen wollen. Danach sollen weitere Personen befragt werden. Zunächst der Stiefvater, sodann der Onkel Rolef Wittefeld väterlicherseits, und mütterlicherseits der Onkel Dirck Holzgräfen, danach des Anerben Bruder Johan Dirck Wittefeld, jetzt Kamlagen zu Sögeln und die Nachbarn König, Becker, Dammermann, Biest und Hovestadt.

Eklat in Pastors Stube

 Für den 16. Februar 1717 ist der Termin anberaumt. Treffpunkt ist die Stube des Pastors Hüdepohl in der Kommende Lage, wo auch die förmliche Befragung stattfinden soll. Und diese beginnt mit einem Eklat. Der für die Vernehmung eigens aus Osnabrück angereiste Notar Hermann Eymann beschreibt das so: Gerade habe er mit der Befragung des Anerben beginnen wollen, als dieser, ohne dass er ihn recht gesehen habe, weggelaufen sei, worauf er den Stiefvater losgeschickt habe, der den Anerben allerdings auch nicht habe überzeugen können. Dieser wolle einfach nicht kommen. Drohte die ganze Versammlung zu platzen? Schließlich fehlte die Person, um die sich alles drehte.

„Simplizität“ bescheinigt

Wie das Protokoll zeigt, wird die Vernehmung fortgeführt. Und das Ergebnis ist eindeutig. Im Protokoll heißt es: „Als nun aus vorgesagten Documento des Anerben Simplizität und ad colonatum incapabilität mit mehrern und über flüssig erhellet, auch die tägliche erpfahrung zeiget, dass solches noch mehr und mehr zunehme, ist nach grundtlich undt umbständlicher der sachen untersuchung pro bono gnedig resolviert…“. Nun folgt der Beschluss, der die Schwester des getürmten Anerben, Maria Wittefeld, als Eigentümerin einsetzt, jedoch mit dem Vorbehalt, einen möglichen zukünftigen Ehekandidaten zuerst zu präsentieren, um den „gutsherrlichen consens“ darüber zu erhalten.

Die Schwester übernimmt

Damit ist die Anerbenfrage geklärt, der ursprünglich vorgesehene Anerbe kann auf dem Hof verbleiben, während seine älteste Schwester Maria den Hof Wittefeld übernimmt mit allem was dazu gehört. Am 16. September 1717 erscheint sie erneut auf Lage und präsentiert ihren Bräutigam Johan, Henrich Hülsmann. Das Paar heiratet und löst den auf 30 Maljahre befristeten bisherigen Verwalter des Hofes, Marias Stiefvater, ab und übernimmt selbst die Führung und Verwaltung.

Mit diesem Vorgang kommt die Frage der Erbfolge auf dem Wittefeldhof zu ihrem Abschluss aber dann tritt ganz unvermittelt und unverhofft ein Ereignis ein, das nicht nur die Hofgeschichte beeinflusst, sondern das ganze Dorf erschüttert. Der Tod des jungen Bauern Johan Wittefeld, geb. Hülsmann 1719.Was war passiert?

Das Faustrecht herrscht

Es gab immer wieder Grenzstreitigkeiten zwischen den Gemeinden solange nicht der Grenzverlauf eindeutig geklärt war. Eine Markenteilung, die das hätte regeln können, gab es damals noch nicht. So herrschte das „Faustrecht“. Und dieses Mal hatte sich die Wut zwischen Vörden auf der einen und Rieste, Epe, Malgarten auf der anderen Seite dermaßen aufgeladen, dass die Auseinandersetzung völlig unkontrolliert ausuferte und zur Tötung von Johan Wittefeld führte. Beteiligt oder anwesend waren neben Johan Wittefeld und dessen Nachbar Johan Rolf Becker weitere Personen, und auf der Gegenseite eine größere Zahl Vördener, u.a. auch Frauen, die auf den tödlich getroffenen und schon am Boden liegenden Johan Wittefeld eingeschlagen hätten. So berichtet es der mit blutiger Nase davongekommene Nachbar Becker später als Zeuge.

Nun ist die Witwe Maria Wittefeld wieder allein auf dem Hof mit ihrem behinderten Bruder und dem schon über 60 Jahre alten Stiefvater.


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