„Hier wird Geschichte gemacht“ Jutta Stalfort über ihre Chronik der Samtgemeinde Bersenbrück

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Jutta Stalfort stellt ihre Chronik mit Samtgemeindebürgermeister Horst Baier und Georg Geers vom Medienpark Ankum vor. Foto: Martin SchmitzJutta Stalfort stellt ihre Chronik mit Samtgemeindebürgermeister Horst Baier und Georg Geers vom Medienpark Ankum vor. Foto: Martin Schmitz

Bersenbrück. Jutta Stalfort legt die erste umfassende Geschichte der Samtgemeinde Bersenbrück vor, für die sich schon der Begriff „Chronik“ eingebürgert hat. Doch die Deutungshoheit über diese Geschichte überlässt sie ihren Interviewpartnern für das Buch, sagt die Bersenbrücker Historikerin.

Frau Stalfort, eine klassische Chronik nutzt in der Regel schriftliche Quellen, Sie hingegen interviewen Zeitzeugen. Kann man Ihr Buch überhaupt eine Chronik nennen?

Ja, klar! Denn diese Chronik beruht, wie es für Chroniken üblich ist, in hohem Maße auf der Recherche, Befragung und Bearbeitung schriftlicher Quellen. Die Interviews waren gründlich vorbereitet, den Interviewpartnern war im Vorfeld umfangreiches Material zur Verfügung gestellt worden. Auch andere Historiker arbeiten mit Zeitzeugeninterviews, allerdings räumen sie ihnen in der Regel einen geringeren Stellenwert ein und lassen ihren Einfluss weniger erkennen. Dass in dieser Chronik die Interviews im Vordergrund stehen und die historische Kärrnerarbeit unsichtbar bleibt, liegt daran, dass ich es im Falle der Samtgemeinde interessanter fand, die Deutungshoheit über das, was geschehen ist, bei den Interviewpartnern zu belassen. Ich war neugierig auf ihre Perspektive und ihre Einschätzungen, und ich fand den Versuch lohnenswert, die Vielfalt politischer Sichtweisen in der Samtgemeinde einzufangen.

Sie leisten über weite Strecken historische Pionierarbeit, zum Beispiel die erste zusammenhängende Darstellung der Bestrebungen, eine Samtgemeinde unter Ankumer Führung aus dem Gesamtgebilde herauszulösen. Sie stellen die Frage nach der Persönlichkeit des Politikers Reinhold Coenen. War Ihren Gesprächspartnern bewusst, dass Sie an Tabus rühren?

Tabus zu verletzen lag nicht in meiner Absicht. Meine Interviewpartner sind sehr kluge, erfahrene und reflektierte Personen. Es gibt viele Widersprüche in Reinhold Coenens Wirken. Eine Chronik der Samtgemeinde zu schreiben, ohne seine Person, sein enormes Engagement und die Kontroversen, die er auslöste, zu thematisieren, wäre nicht richtig gewesen. Das wussten auch meine Interviewpartner. Sie haben sehr umsichtig geantwortet.

Gab es denn Themen, die Ihre Gesprächspartner ausklammern wollten?

Ich weiß nicht, ob es diesen Wunsch gab. Es gab keine Abstimmung im Vorfeld über die Interviewfragen, es gab kein Kopfschütteln über Fragen während der Interviews, und ich wurde nicht gebeten, eine Frage zu streichen, nachdem die Interviews in Schriftform gebracht worden waren. Aber nicht alle Interviewfragen und -antworten haben es letztlich in die Chronik geschafft.

Sie haben auch Ihren eigenen Vater befragt. Wie bewahrt man dabei professionelle Distanz?

Dass ich ein Zeitzeugen-Gespräch mit meinem Vater führen konnte, war ein glückliches Zusammentreffen. Wir vertrauen einander, das ist sehr hilfreich, wenn man heikle Themen bespricht. Die professionelle Distanz wurde ermöglicht durch den respektvollen Umgang, den wir miteinander haben. Ich habe alle Interviewaussagen – genau wie bei den anderen Gesprächspartnern auch – sehr kritisch überprüft. Mein Vater hat sich intensiv mit dem Material beschäftigt, das ich ihm im Vorfeld gab. Ich fand es beeindruckend, wie detailreich er sich darüber hinaus an vieles erinnern konnte.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Arbeit? Was ist die Samtgemeinde Bersenbrück für Sie?

Mir gefällt, wie energiegeladen Politik ist, wie komplex und vielfältig. Wenn Politiker und Politikerinnen sich auf Augenhöhe begegnen und an der Sache orientierte Debatten führen, dann sind das Momente, die inspirierend sind. Unser politisches System ist klüger als der Einzelne, der sich in ihm bewegt. Es belohnt Mut, Engagement und Gemeinschaftssinn. Für mich ist die Samtgemeinde ein Ort, an dem politische Theorie konkret wird: Hier wird Geschichte gemacht. Freie Menschen entscheiden darüber, wie sie leben wollen, was ihnen wichtig ist. Sie gestalten ihre Zukunft. Mehr Realität gibt es nicht, oder?


Zur Person: Dr. Jutta Stalfort studierte Philosophie und Geschichte in Münster und Osnabrück. Sie promovierte an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg im Fach Geschichte bei Prof. Dr. Hans-Jürgen Pandel. Ihrer Promotion schloss sich ein berufsbegleitendes Aufbaustudium im Bereich „Ausstellungsdesign und –management“ an der Donau-Universität in Krems (Österreich) an. Sie ist ein Familienmensch, hat vier Geschwister, ist verheiratet, freut sich über zwei Kinder und drei Enkelkinder. Sie arbeitet freiberuflich, wohnt in Bersenbrück und gibt mit großem Vergnügen Philosophie- und Geschichtsseminare an den Volkshochschulen Osnabrück und Bersenbrück. Sie ist Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Bersenbrück-Tinténiac e. V. und engagiert sich im Arbeitskreis „Geschichte der Juden in der Samtgemeinde Bersenbrück“. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Historiker und des Deutschen Museumsbundes und nimmt regelmäßig an Tagungen und Fortbildungen teil. Sie geht gern zum Sport, ist eine leidenschaftliche Leserin und arbeitet, wie alle Freiberufler, hin und wieder bis spät in die Nacht. Sie mag Menschen und hört ihnen gerne zu. Es erstaunt sie immer wieder, wie unterschiedlich man die Welt betrachten kann.

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