Krank, allein, wohnungslos – und was dann? Krankenwohnung für Obdachlose in Ankum wird gut angenommen

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„Wenn einer von den Jungs da draußen was hat, kann ich die Krankenwohnung nur empfehlen“, appelliert Frank an andere Wohnungslose, die gesundheitlich angeschlagen sind, ihre Hemmschwellen zu überwinden und sich für schnelle und unkomplizierte Hilfe an Sozialarbeiterin Sonja Korosa zu wenden. Foto: Ulrike Havermeyer„Wenn einer von den Jungs da draußen was hat, kann ich die Krankenwohnung nur empfehlen“, appelliert Frank an andere Wohnungslose, die gesundheitlich angeschlagen sind, ihre Hemmschwellen zu überwinden und sich für schnelle und unkomplizierte Hilfe an Sozialarbeiterin Sonja Korosa zu wenden. Foto: Ulrike Havermeyer

Ankum. Seit einem Jahr gibt es in Ankum eine Krankenwohnung für Obdachlose. Die einzige bundesweit im ländlichen Raum. Als er sich vor drei Monaten dorthin geschleppt habe, erzählt Frank, habe er Sonja Korosa seinen Schlafsack in die Hand gedrückt: „Brauch ich nicht mehr“, war ihm klar, „ich kann nicht mehr zurück auf die Straße.“

Der Grund für den Entschluss des 48-jährigen Wohnungslosen? Krankheiten, die nicht ausheilen. Schmerzen, die von Tag zu Tag schlimmer werden. Und ein Körper, der langsam aber sicher zu einem Wrack verfällt. „Ich habe mein halbes Leben auf der Straße verbracht“, sagt Frank. Was für den ehemaligen Bremer bedeutete: unzureichende Ernährung, oftmals kaum vor der Witterung geschützte, ständig wechselnde Schlafplätze draußen und dazu die permanente Unsicherheit, was der nächste Tag, die nächste Nacht bringen würde. Kurzum: eine jahrzehntelange psychische und körperliche Belastung. Irgendwann ist Ende im Gelände. „Feierabend“, kommentiert Frank, „schachmatt.“

Zum Arzt gehen, wenn man sich schlecht fühlt? „So wie Otto Normalverbraucher? Nee“, sagt Frank und schüttelt nachdrücklich den Kopf. Zu viele Menschen da. Der ganze Papierkram von wegen Krankenversicherung und Tagessätze – alles viel zu kompliziert. „Da hatte ich keinen Bock drauf“, hatten sich die menschlichen und bürokratischen Hemmschwellen, die den Weg ins medizinische Hilfesystem säumen, für ihn längst zu unüberwindbaren Barrikaden aufgetürmt. „Wenn du als Obdachloser krank wirst, dann hast du’s halt, dann hast du die Krankheit. Entweder sie geht – oder sie bleibt.“ Sein selbstverordnetes Rezept: „Alkohol und Tabletten.“

„Ohne Hilfe schafft man das nicht“

„Frank ist mir aufgefallen, als er im September zu uns in die Beratungs- und Übernachtungsstelle nach Bersenbrück kam, um dort zu duschen“, erinnert sich Caritas-Mitarbeiterin Sonja Korosa, die die Krankenwohnung in der Ankumer Fasanstraße betreut. „Er konnte sich kaum bewegen, so geschwächt war er.“ Da habe sie ihm angeboten, sich in der Krankenwohnung zu erholen und mit ihm gemeinsam zu überlegen, wie eine Behandlung für ihn aussehen könnte.

Ist eine Krankenversicherung vorhanden oder muss diese erst noch beantragt werden? Welcher Allgemeinmediziner und welche Fachärzte können zurate gezogen werden? Falls nötig den Kontakt zur Samtgemeinde und zum Landkreis herstellen  – „all das zu organisieren und zu klären ist mein Job“, erläutert Korosa. Ein wohnungsloser Mensch, der zudem auch noch krank sei, der schaffe das ohne Hilfe einfach nicht.

„So hat sich noch keiner um ich gekümmert“

„So eine Sozialarbeiterin wie Sonja Korosa“, sagt Frank noch immer ganz ungläubig und nickt bekräftigend, „die gibt‘s echt nicht wieder. So wie die hat sich noch keiner um mich gekümmert – in meinem ganzen Leben nicht.“ Mittlerweile sind die verschiedenen Leiden des 48-Jährigen diagnostiziert und werden medizinisch behandelt. Das Aufstehen und das Laufen fallen ihm immer noch schwer. Die Sozialarbeiterin begleitet ihn zu den Untersuchungen und hat mittlerweile auf seinen Wunsch hin einen Antrag auf stationäre Eingliederungshilfe gestellt.

Frank ist der zehnte Obdachlose, für den in den vergangenen zwölf Monaten die Krankenwohnung in der Fasanstraße zum Rettungsanker geworden ist. „Insgesamt hatten wir 23 Anfragen“, berichtet Sonja Korosa, „aber weil hier nur zwei Betten zur Verfügung stehen, konnten wir leider nicht alle Personen aufnehmen.“ Das Fazit nach einem Jahr Krankenwohnung in Ankum lautet mithin: „Das ist ein Angebot, das wirkt“, fasst Christian Jäger von der Zentralen Beratungsstelle Niedersachsen zusammen, „und das unbedingt nachgeahmt werden sollte – vor allem im ländlichen Raum.“ Denn genau wie in den Städten ist mittlerweile auch hier bezahlbarer Wohnraum knapp geworden und die Zahl obdachloser Menschen wächst.

Hoffnung auf Fortführung des Projekts

Sonja Korosa hofft, dass das vom Landkreis und von der Aktion Mensch mitfinanzierte Projekt, das zeitlich zunächst bis Ende August 2020 konzipiert ist, auch anschließend weitergeführt werden kann. Schließlich werde es sehr gut angenommen. „Und wenn nicht“, schaltet sich Frank ein, „dann machen wir eine Demo!“ Denn hätte es die Krankenwohnung nicht gegeben, sinniert er, „wer weiß, ob ich dann heute überhaupt noch da wäre...“

Wer Kontakt zur Krankenwohnung in Ankum aufnehmen will, kann sich direkt an Sonja Korosa bei der Ambulanten Hilfe der Caritas für Wohnungslose wenden, Telefon 05439/942323.


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