Interview zu 80 Jahre Reichspogromnacht „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

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Synagogenplatz in Quakenbrück. Das Bethaus, das an dieser Stelle stand, wurde am 10. November 1938 niedergebrannt. Foto: Martin SchmitzSynagogenplatz in Quakenbrück. Das Bethaus, das an dieser Stelle stand, wurde am 10. November 1938 niedergebrannt. Foto: Martin Schmitz

Bersenbrück. Können Juden 80 Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938 im Osnabrücker Land und im Emsland friedlich und unbehelligt leben? Durchaus, sagt Michael Grünberg (63). Den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Osnabrück beunruhigt aber, „dass der Antisemitismus in Deutschland und weltweit in die Mitte der Gesellschaft zurückgekehrt ist.“

Herr Grünberg, in Bersenbrück soll am Sonntag eine Gedenkfeier zur Reichspogromnacht von 1938 stattfinden, in der auch in Quakenbrück und Fürstenau jüdische Bethäuser in Brand gesteckt wurden. Gibt es 80 Jahre danach wieder jüdisches Leben in der Region?

Bis 1933 gab es blühende jüdische Gemeinden hier, die in Sögel im Emsland war im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung sogar größer als die in Frankfurt am Main. Die Gemeinden wurden ausgelöscht. Für die wenigen Rückkehrer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die jüdische Gemeinde in Osnabrück gebildet, deren Einzugsgebiet die heutigen Landkreise Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim umfasst. 1969 weihte sie ihre neue Synagoge ein.

Nach dem politischen Umschwung von 1990 gab es eine Übereinkunft von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland übersiedeln zu lassen. Sie wurden nach einem bestimmten Schlüssel auf die alten Bundesländer verteilt. Unser damaliger Vorsitzender hat die Chance genutzt, für Zuwanderung in unsere Gemeinde zu sorgen. Die zuvor stark geschrumpfte Gemeinde wuchs auf knapp 1000 Mitglieder an. Wir haben einen Kindergarten, die Drei-Religions-Schule in Osnabrück und Möglichkeiten, koschere Lebensmittel zu beschaffen. Die Basis für jüdisches Leben haben wir geschaffen. Und es ist ein gutes Zusammenleben in Osnabrück entstanden.

Gibt es Anzeichen für zunehmenden Antisemitismus?

Es gibt hier keine persönlichen Angriffe, aber jeder merkt es. Dass im Bundestag Begriffe wie „völkisch“ oder „umsiedeln“ benutzt werden, hätte ich vor fünf Jahren nicht gedacht. Anonyme Briefe mit antisemitischem Inhalt erhielten wir immer schon. Neu ist, dass der Absender oftmals angeben wird, aber die Formulierungen juristisch nicht greifbar sind. Der Antisemitismus ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich kenne eine Ausschwitz-Überlebende, die sagt: Ich habe Angst, dass es wieder passiert. Das sollte uns zu denken geben.

In ganz Europa verändert sich die Situation. In Polen gibt es ein Holocaust-Gesetz, das Aussagen unter Strafe stellt, die Polen mit dem Holocaust in Verbindung bringen. Ungarn verabschiedet sich von der Demokratie. Sogar Länder wie die USA oder Brasilien bleiben von diesem rechtsruck nicht verschont. Auf der anderen Seite bleibt die Hoffnung, dass die Mehrheit demokratisch bleibt. Aber man kann nicht passiv bleiben und zusehen. (Weiterlesen: Das leere Haus in der Osnabrücker Herderstraße – und was auf den Artikel folgte)

Wie gehen Juden mit muslimischem Antisemitismus um?

Es gibt den Antisemitismus von rechts, aber auch den von muslimischer Seite. Meine Tochter hatte bei sich in Berlin einen syrischen Flüchtling aufgenommen. Von dem erfuhr ich, dass in Syrien in jedem Schulbuch steht, dass Israel der Erzfeind ist, und israelisch wird mit jüdisch gleichgesetzt. Da wird systematisch ein Feindbild aufgebaut. Er hatte zuvor noch nie einen Juden kennengelernt. Der junge Mann hat uns in Osnabrück besucht. Ich habe ihn als tiefgläubigen Menschen kennengelernt. Was er bei uns erlebt, berichtet er über Facebook seinen Freunden. Die Reaktionen sind gespalten, die eine Hälfte positiv, die andere stark ablehnend. Für mich ist er der ideale Botschafter für ein friedliches Zusammenleben.

Flüchtling zu sein und religiöser Fanatiker, passt das zusammen?

Für einen Juden ist es eine religiöse Pflicht, sich an die Gesetze des Landes zu halten, in das er geht. Religionsfreiheit hat eine Grenze, und zwar die, die das Grundgesetz zieht. Wenn sich Asylsuchende nicht an die Gesetze halten, muss das Konsequenzen haben.

Was können wir tun, damit es nie wieder zu einer Reichspogromnacht kommt?

Wichtig ist das Erinnern. Die Zeit der Zeitzeugen, die aus eigener Anschauung berichten können, geht zu Ende. Deshalb muss die Gedenkkultur unbedingt die nächste Generation mit einbinden. In der Gemeinde Lathen zum Beispiel kann man sich Audioguides leihen, die von der jüdischen Verfolgten berichten, deren Namen auf den Stolpersteinen in den Bürgersteig zu lesen sind. Stolpersteine können uns dazu bringen, uns das Schicksal derer anzusehen, für die sie stehen. Man kann mit einer Schulklasse zusammen die Stolpersteine putzen, bis sie glänzen. Das macht die Schüler zu Botschaftern, die das weitertragen.


Gedenkfeier:

Wie sieht jüdisches Leben aus im Deutschland des Jahres 2018? 80 Jahre nach der Reichspogromnacht will der Arbeitskreis für Geschichte der Juden in der Samtgemeinde Bersenbrück dies in einer Feierstunde am kommenden Sonntag, 11. November, beleuchten. Teilnehmen wird unter anderem das „Stellena Duo“ aus Hannover. Die Feier beginnt um 17 Uhr in der von-Ravensberg-Schule in Bersenbrück.

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