E-Mail aus Chile Alfhausener im „längsten Land der Welt“

Von Fabian Schlarmann

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Angekommen: Fabian Schlarmann aus Alfhausen fühlt sich in Chile wohl. Foto: GastfamilieAngekommen: Fabian Schlarmann aus Alfhausen fühlt sich in Chile wohl. Foto: Gastfamilie

Antofagasta/Alfhausen. Ein Jahr wird Fabian Schlarmann in Chile leben. Der 16-Jährige aus Alfhausen lebt auf Vermittlung des Rotary-Clubs Bersenbrück Altkreis in einer Gastfamilie. Hier seine bisherigen Reiseerfahrungen.

„Ein Jahr in Chile, etwas, das ich mir nie habe erdenken können, was aber jetzt zur Realität geworden ist, ein Jahr ohne bisher Gekanntes, ein Jahr Südamerika. Da viele Deutsche dieses Land aber eher weniger kennen oder vielleicht auch nur deshalb, weil Arturo Vidal, der bei Bayern München gespielt hat, möchte ich es einmal kurz beschreiben: Chile ist mit 5000 Kilometern das längste Land der Welt. Deshalb sind fast alle südlichen Klimazonen in Chile vorhanden. Im Norden erstreckt sich die Atacama, die trockenste Wüste der Welt mit ihren reichen Kupfer- und Lithiumvorkommen. Dann im Zentrum Chiles findet man die Hauptstadt Santiago, in der 40 Prozent der Bevölkerung Chiles wohnen. Weiter südlich gibt es grüne Wälder, so weit das Auge reicht, sowie viele Obst- und Weinanbaugebiete. Noch weiter im Süden beginnt Patagonien, eine Landschaft mit immerwährenden Winden und der größten zusammenhängenden Eismasse außerhalb der Pole und Grönland.

Ich selbst lebe im äußersten Norden Chiles, in der für Rohstoffe wichtigen Hafenstadt Antofagasta; diese Stadt liegt in der Atacama-Wüste. Meine Stadt ist ein bisschen größer als Osnabrück und hat ungefähr 230000 Einwohner. Ursprünglich gehörte sie zu Bolivien, wurde jedoch vor gut 150 Jahren Chile nach einem Krieg mit Bolivien angegliedert.

Während ich in der Woche immer bis ungefähr sechs Uhr Schule habe und dazu noch zwei- oder dreimal Fußballtraining, unternehmen wir vier oftmals interessante Sachen am Wochenende. Mit meinen Freunden treffe ich mich ebenfalls immer an Wochenenden. Wenn wir unterwegs sind, verhalten wir uns aber immer ein wenig vorsichtig – vor allem nach Einbruch der Dunkelheit. Ich nehme dann nie mehr als 15 Euro in bar mit, zeige generell keine Wertsachen – wenn ich sie überhaupt mitnehme –, ziehe ältere Kleidung an und trage etwas dunklere Oberteile mit Kapuze. Speziell weil ich blond bin, ziehe ich immer gleich Blicke auf mich, daher die Kapuze.

Mein Spanisch bessert sich von Tag zu Tag. Das liegt auch daran, dass hier nur wenige Chilenen Englisch sprechen. Das zwingt mich, Spanisch zu sprechen, egal wie schlecht es ist. Ich kann bereits einfache Gespräche führen und die einfacheren Fragen beantworten. In Chile spricht man übrigens das schnellste Spanisch überhaupt und benutzt oft sogenannte Chilenismen, die nur hier gesprochen werden. In der Schule muss ich die meisten Arbeiten zwar mitschreiben, aber ich darf Wörterbücher verwenden oder meine Freunde um Hilfe fragen.

Ansonsten wird hier vieles sehr kurzfristig geplant. Deshalb weiß ich oft einen Tag vorher, dass wir etwas unternehmen werden. Diese Unternehmungen aber sind immer sehenswert: So waren wir an einem längeren Wochenende in der Wüstenstadt Calama. Ein sehr interessanter Ausflug, denn die Landschaft dort ist extrem karg und erinnert sehr an die schwarz-weißen Mondaufnahmen aus den 70ern. Am Horizont links und rechts abseits der Straße – es führt nur eine durch die Wüste – erkennt man immer wieder die riesigen Kupferminen, dazu ist die Landschaft durch riesige Wasserrohre entlang der Straße geprägt.

Entspannte Menschen

Schnell habe ich festgestellt, dass die Menschen hier das Leben viel entspannter nehmen. Auch das Klischee, dass Südamerikaner immer zu spät kommen, ist durchaus nicht falsch. Es kommen immer wieder viele Schüler zu spät, die dann erst einmal darauf warteten, den Zettel für das Zuspätkommen zu erhalten. Aber nicht nur Schüler versäumen es, pünktlich zu sein, auch Lehrer kommen hin und wieder zu spät zum Unterricht, weshalb dann ein anderer Lehrer einspringen muss. Und wenn ich dann zu spät komme, hält man mich entweder für sehr anpassungsfähig, oder man lacht darüber, dass der Deutsche zu spät erschienen ist.

Das sind Dinge, die einen bei sehr guter Laune halten, denn ich muss gestehen, dass ich noch keinen Moment hatte, an dem ich irgendetwas bereut hätte. Natürlich gibt es Sachen, die ich vermisse – zum Beispiel die verschiedenen Brötchensorten, das Fahrradfahren oder einfach saftig-grüne Bäume, aber darauf kann ich ein Jahr gut verzichten.

Die gute Laune rührt vor allem daher, dass die Menschen hier immer sehr nett, zuvorkommend und hilfsbereit sind. Auch habe ich bisher noch keine missgelaunten oder gestressten Personen wahrgenommen. In der Schule gefällt mir außerdem, dass sich alle als wirkliche Gemeinschaft verstehen und auch niemand den anderen mobbt. Ich denke, dass ich auch deshalb so schnell hier Freunde gefunden habe, die einen mitnehmen und etwas mit einem unternehmen oder mir direkt Hilfe anbieten, ohne dass ich danach gefragt habe. Die Begrüßungen hier sind sehr herzlich, meistens nimmt man sich in den Arm – egal ob man sich kennt oder nicht kennt. Selbst der Kioskverkäufer vor meiner Schule grüßt mich. Er hat sogar extra ,Guten Tag‘ gelernt, um mich anzusprechen, eine sehr, sehr nette Geste. Ich kann wirklich sagen, dass ich hier immer lächelnd durch den Tag gehe.“


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