„Es geht einfach darum, da zu sein“ Ankumer Chefarzt für mehr ehrenamtliches Engagement bei Sterbebegleitung

Von Susanne Strothmann-Breiwe

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Ulrich Martin. Foto: Susanne Strothmann-BreiweUlrich Martin. Foto: Susanne Strothmann-Breiwe

Bersenbrück/Ankum. In einer humanen Gesellschaft müsse es auch eine humane Sterbebegleitung geben, unabhängig von Status, Religion und Nationalität. Das fordert Dr. Ulrich Martin, Chefarzt am Marienhospital in Ankum. Der 53-jährige Kardiologe und Palliativmediziner will dafür mehr ehrenamtliches Engagement auf die Beine stellen.

Herr Martin, als Sie vor sieben Jahren die Leitung des Hospizvereins Bersenbrück übernahmen, kündigten Sie an, das Angebot auszubauen. Ist Ihnen das Vorhaben gelungen?

Nicht im erhofften Maße. Immerhin haben wir eine hauptamtliche Koordinatorin gewinnen können. Jetzt wollen wir das passende Arbeitsumfeld schaffen. Auch der Vorstand wird personell verstärkt. Das läuft alles ganz gut. Was wir aber dringend brauchen, sind weitere ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in der hospizlichen Begleitung. Die Nachfrage nach diesem Angebot ist groß und wird weiter steigen.

Ist die ehrenamtliche Hospizarbeit nicht attraktiv genug?

Sie findet einfach zu wenig Anerkennung. Da reicht ein Ehrenamtstag im Jahr nicht aus. Auch deshalb gibt es den jährlichen Welthospiztag. In diesem Jahr am 14. Oktober trägt er das Motto „Weil du wichtig bist“. Man erhält Einblicke in die Situation Schwerstkranker und Sterbender. Der Tag ist zugleich ein Appell gegen die aktive Sterbehilfe. Eine weitere Botschaft in diesem Jahr lautet: Hospiz ist da, wo die Menschen sind. Auch bei dir vor Ort. Darin liegt für mich die eigentlich wichtige Botschaft. Das ist in der Bevölkerung aber noch nicht angekommen. Wenn jemand einen Angehörigen verloren hat und auf der Straße Bekannten begegnet, dann wechseln diese die Straßenseite, weil sie Berührungsängste haben. Solche Situationen gibt es. Die sind mir wiederholt geschildert worden.

Als Arzt entwickelt man eine professionelle Distanz zum Thema Sterben. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich habe in den letzten drei Jahren zwei nahestehende Personen verloren. Das war schmerzvoll und selbst für mich als Arzt eine völlig neue Erfahrungsdimension. Gar keine Frage. Natürlich mache ich mir Gedanken über mein Ende, aber mit 53 Jahren hält man sich ja noch für unsterblich. Mir ist es wichtig, keine Schmerzen ertragen zu müssen. Gerade dabei hilft die moderne Palliativmedizin. Man kann palliativmedizinisch und hospizlich eine sehr gute Symptomkontrolle betreiben als humane Alternative gegenüber der aktiven Sterbehilfe, wie sie in einigen Ländern zulässig ist.

Was sind die zentralen Anliegen und Botschaften Ihrer Hospizarbeit?

Menschen wachrütteln und die Situation kranker und sterbender Menschen bewusst machen. Sie sollen erkennen, dass es jeden treffen kann und wissen, wie und wo sie Hilfe bekommen. Dabei erwähne ich auch, dass Hospizhelfer professionell auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Sie erhalten psychologische Betreuung und Supervisionen. Sie können jederzeit eine Auszeit nehmen, wenn die hospizliche Begleitung zu belastend wird. Dann übernimmt ein anderer die Begleitung.

Jeder kann sich bei uns engagieren, auch junge Menschen. Wer noch in Trauer ist, sollte damit aber wenigstens ein Jahr warten. Viele glauben auch, sie müssten eine besondere Fähigkeit für diese Arbeit mitbringen. Das ist ein viel zu hoher Anspruch. Es geht nicht um Leistung. Es geht einfach darum, da zu sein.

Ist Ihr Hospizangebot mit Kosten verbunden?

Nein. Wer zuhause palliativmedizinisch versorgt werden will, braucht sich keine Sorgen um eventuelle Kosten zu machen. Dafür hat der Gesetzgeber gesorgt.

Deutschlandweit sind etwa 120.000 Ehrenamtliche in der Hospizarbeit tätig. Wie viele sind es derzeit im Hospizverein Bersenbrück?

Momentan sind es zwölf ehrenamtliche Frauen. Natürlich würden wir uns über männliche Verstärkung freuen. Aber ich glaube, dass sich Männer mit diesem Thema noch sehr schwer tun. Unabhängig davon brauchen wir noch mindestens fünf zusätzliche Kräfte. Dann würde unsere Arbeit enorme Schubkraft erhalten.

Sind Sie auch auf Menschen mit Migrationshintergrund vorbereitet?

Grundsätzlich sind wir für alle Menschen da. Herkunft und Religion spielen keine Rolle. Darin liegt ein enormes gesellschaftliches Potenzial. Aber wir sind nicht auf alle Nationalitäten vorbereitet. Hier kommen wir zu einem heiklen Thema. Die Beschäftigung mit anderen Kulturen und Religionen hat in der Hospizarbeit leider noch nicht stattgefunden. So fehlen uns z.B. Einblicke in die Bestattungskulturen anderer Länder. Hier haben wir noch viel Nachholbedarf.


Zur Person: Dr. med. Ulrich Martin (53), verheiratet, drei Kinder, ist seit 2011 Vorsitzender des Hospizvereins Bersenbrück. Der Kardiologe, Internist, Notfall- und Palliativmediziner arbeitet seit 18 Jahren am Marienhospital in Ankum, seit April 2018 ist er dort Chefarzt der Klinik für Innere Medizin.

Weiterführende Informationen: www.hospiz-bersenbrueck.de, www.dhpv.de

Vortragsabend: Der Bersenbrücker Hospizverein lädt zu einem Vortragsabend am Donnerstag, 18. Oktober, um 19.30 Uhr in das katholische Pfarrheim der St.-Vincentius-Gemeinde ein. Margarete Heitkönig-Wilp, Sozialarbeiterin mit langjähriger hospizlicher Praxiserfahrung und Dozentin für „Palliative Care“, spricht zum Thema „Kriegskinder, Kriegsenkel“. Der Zweite Weltkrieg liegt weit über 70 Jahre zurück. Doch er ist nicht verschwunden in den Seelen derer, die ihn miterlebt haben als Kriegskinder, aber auch der Nachgeborenen, der sogenannten Kriegsenkel. Die Erfahrung des Krieges hat viele in der älteren Generation verändert und später auch ihre Beziehung zu ihren Kindern. Der Eintritt ist frei.

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