3.000 Hausgeburt in Gehrde Warum eine Hebamme aus Hasbergen seit 40 Jahren Hausgeburten begleitet

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Glücklich nach der Geburt: Lucas und Sunita Kapusta mit ihren Kindern (von links) Theo, Ylvi, Enno und Suri. Hinten in der Mitte strahlt die Hebamme Gerlinde Hüsemann. Foto: KapustaGlücklich nach der Geburt: Lucas und Sunita Kapusta mit ihren Kindern (von links) Theo, Ylvi, Enno und Suri. Hinten in der Mitte strahlt die Hebamme Gerlinde Hüsemann. Foto: Kapusta

Gehrde. Seit 40 Jahren arbeitet die Hasbergerin Gerlinde Hüsemann als freiberufliche Hebamme. Vor kurzem hat sie in Gehrde ihre 3.000 Hausgeburt begleitet. Sie setzt sich dafür ein, dass Hausgeburten in der Gesellschaft eine höhere Akzeptanz erlangen.

Gerlinde Hüsemann kämpft seit 40 Jahren – gegen Vorurteile, die von Ärzten, Freunden oder der Gesellschaft entgegengebracht werden. Die Hasbergerin ist Hebamme und begleitet dabei ausschließlich Hausgeburten. Davon gebe es in der Region nur wenige, berichtet sie - obwohl der Wunsch nach einer Entbindung außerhalb des Krankenhauses bei einigen Schwangeren vorhanden sei. In Stadt und Landkreis Osnabrück sei neben ihr nur eine weitere Hebamme auf Hausgeburten spezialisiert, sagt die 60-jährige Hüsemann.

Vor wenigen Wochen hat sie ein besonderes Jubiläum gefeiert: Als sie bei der Familie Kapusta in Gehrde die Geburt der kleinen Suri begleitete, war dies nach eigenen Angaben die 3.000 Hausgeburt der Hebamme. Wie ihren 2.999 Vorgängern, so lief auch bei Suri die Entbindung komplikationsfrei. "Unter meiner Leitung hat es in all den Jahren keinen einzigen Todesfall gegeben", sagt Gerlinde Hüsemann. 


Ich wollte einen Beruf haben, der lebendig istGerlinde Hüsemann, Hebamme


Wer der resoluten Hasbergerin zuhört, bemerkt recht schnell, dass sie ihren Beruf mit Leib und Seele ausübt. "Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, die Familien zu betreuen und ihnen bei der Geburt zu helfen. Ich wollte schon immer einen Beruf haben, der lebendig ist", so die 60-Jährige. Jede einzelne Entbindung in den 40 Jahren sei schön und einmalig gewesen. Trotz der recht langen Zeit, in der sie ihren Beruf schon ausübt, könne sie sich an die meisten Geburten noch erinnern, sagt sie. Manche Entbindungen seien dennoch besonders. Vor einigen Wochen beispielsweise half sie in Hilter bei der Geburt eines fünf Kilogramm schweren Babys. An einem anderen Tag musste sie gleich vier Geburten betreuen. "Danach war ich ziemlich durch", sagt sie.

Die meiste Arbeit und die größte Mühsal an ihrem Job bereiten ihr aber nicht die Geburten, sondern der Kampf gegen Vorurteile. "Hausgeburten sind gesellschaftlich nicht akzeptiert. Diese Art der Entbindung ist in Vergessenheit geraten", sagt sie. So sieht es die Hasbergerin als ihre Aufgabe an,  Frauen dazu zu ermutigen, sich für eine Hausgeburt zu entscheiden. Dies sei aber nicht einfach – denn: "Die Ärzte raten den Frauen dazu immer ab", sagt sie. 

Als Mörderin bezeichnet

Dass sie wahrlich kein Fan von Geburten im Krankenhaus ist - sofern diese nicht medizinisch notwendig sind -, hat auch mit ihrer eigenen Biografie zu tun. Nach ihrer Ausbildung zur Hebamme in Göttingen hat sie mehrere Jahre in einer Klinik gearbeitet. "Damals habe ich wirklich alles gesehen. Es war eine furchtbare Zeit", sagt sie retrospektiv. Die Episode in ihrem Leben scheint derartige Spuren hinterlassen zu haben, dass sie darüber nicht mehr sprechen möchte. Auch ihre Anfangszeit als freiberufliche Hebamme, als sie sich auf Hausgeburten spezialisierte, sei durchaus hart für sie gewesen. Vor allem die nicht immer konfliktfreie Zusammenarbeit mit Ärzten habe ihr zu schaffen gemacht. "Von einem Gynäkologen wurde ich damals als Mörderin bezeichnet - nur weil ich Hausgeburten machen wollte", erinnert sich die 60-Jährige.


Die Ärzte fühlen sich als etwas Besseres. Es sind keine Gespräche auf gleicher Ebene!Gerlinde Hüsemann, Hebamme


Seitdem sind vier Jahrzehnte vergangen, doch die gesellschaftliche Akzeptanz von Hausgeburten sei nach wie vor überschaubar. Auch von Seiten der Ärzte. "Sie fühlen sich als etwas Besseres. Es sind keine Gespräche auf gleicher Ebene", sagt sie. 

Rund 0,6 Prozent der Neugeborenen kommen in Deutschland zu Hause zur Welt. Laut der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) ist die Zahl der Hausgeburten in den vergangenen Jahren gestiegen. Dennoch sind sie in nach wie vor umstritten. So wird häufig darauf hingewiesen, dass Hausgeburten riskanter seien - immerhin ist in Krankenhäusern eine bessere medizinische Kontrolle gegeben, sollten Komplikationen während des Vorgangs auftreten.


Die Geburt wird ja nicht in der Wüste durchgeführtGerlinde Hüsemann, Hebamme


Ein Einwand, den Gerlinde Hüsemann zurückweist. Zum einen suche sie sich die Frauen, die sie beim Entbinden hilft, selbst aus. "Bei den Voruntersuchungen müssen alle Werte normal sein und bestimmte Risikofaktoren ausgeschlossen werden", sagt die Hebamme, die auch im Emsland tätig ist. Sollten während der Geburt Probleme auftreten, würde die Frau umgehend in eine Klinik gebracht werden. "Wenn die Schwangerschaft normal verläuft, ist der Rest in der Regel auch kein Problem", so Hüsemann. Hinzu komme, dass auch die Umgebung im eigenen Haus ausreichend steril sein kann. "Die Geburt wird ja nicht in der Wüste durchgeführt", sagt die Hebamme.

Privatleben wird eingeschränkt

Doch was sind genau die Vorteile einer Hausgeburt? "In den eigenen vier Wänden herrscht eine natürliche Atmosphäre, an die die Schwangere gewohnt ist. Das Krankenhaus ist dagegen fremd für sie", sagt Hüsemann. Hinzu komme, dass die Frau im Krankenhaus nicht wisse, welche Ärzte und welche Hebamme die Geburt begleiten. Das würde bei ihr nicht passieren. "Wenn ich in einer Frau zusage, bin ich in der Pflicht, das dann auch durchzuziehen", sagt sie. 

Auch wenn ihr eigenes Privatleben dadurch schon ein wenig eingeschränkt werde, wie die 60-Jährige zugibt. Die Rufbereitschaft könne schon sehr nervig sein. Auch ein weiterer Punkt schrecke möglicherweise interessierte Frauen davor ab, freiberufliche Hebamme für Hausgeburten zu werden: die Kosten für die Haftpflichtversicherung. Seit dem 1. Juli zahlt eine freiberufliche Hebamme mehr als 8000 Euro jährlich für ihre berufliche Haftpflichtversicherung. Trotz dieser finanziellen und privaten Einschnitte habe sie niemals daran gezweifelt, den Beruf weiter auszuüben, sagt sie.

Davon hat auch die Familie Kapusta aus Gehrde profitiert. Suri ist das vierte Kind von Lucas und Sunita Kapusta. Neben Suri wurde auch der mittlerweile fünfjährige Enno zu Hause geboren. Für das Ehepaar bestand nie ein Zweifel daran, dass sie ihr viertes Kind zu Hause bekommen wollen - sofern es keine Komplikationen gibt. "Wir waren Hausgeburten schon immer positiv gestimmt. Und auch diese Geburt war total schön und verlief absolut nach Plan", erzählt der 38-jährige Lucas Kapusta, der selbst als Hausgeburt zur Welt gekommen war. 


Eine Geburt ist keine Krankheit.Sunita Kapusta, Mutter von Suri


Suri sei um 5.40 Uhr morgens mit einem Gewicht von 3600 Gramm zur Welt gekommen, erzählt ihre Mutter. Es sei ein sehr schöner Moment gewesen, als die anderen Kinder aufgewacht seien und dann plötzlich mit der neuen Schwester "überrascht" wurden. Zudem sei die Geburt sehr ruhig, ohne jede Hektik verlaufen. Im Krankenhaus hätten Geburten dagegen eher den Charakter einer "unpersönlichen Massenabfertigung", sagt sie.


Suri war für Gerlinde Hüsemann die 3000. Hausgeburt. Foto: Lang


Dass Schwangere ohne medizinischen Gründe zur Geburt lieber in eine Klinik gehen und sich dort unter Umständen sogar freiwillig einem Kaiserschnitt unterziehen, dafür hat das Ehepaar kein Verständnis. "Allein der Name verrät es doch: Ins Krankenhaus geht man, wenn man krank ist. Aber eine Geburt ist keine Krankheit", so Sunita Kapusta. In ihrer Umgebung merken sie aber schon, dass Hausgeburten durchaus mit einer gewissen Reserviertheit betrachtet werden. "Viele Bekannte sagen zwar, dass sie es als eine gute Idee empfinden. Trotzdem haben sie Angst davor, ein Baby zu Hause zur Welt zu bringen", sagt Lucas Kapusta. 

Auf eigenes Gefühl hören?

Wenn es nach Gerlinde Hüsemann geht, wird sie in den kommenden Jahren noch viele weitere Hausgeburten begleiten. An Rente denkt sie noch längst nicht, erzählt sie. Für werdende Mütter hat sie noch einen Ratschlag parat: "Die Frauen sollen auf ihr eigenes Gefühl hören und möglicherweise mehr Mut bei ihren Entscheidungen aufbringen."





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