Woher kommt der Name „Mayer“? Mittelalterliche Großgrundbesitzer erschließen das Artland

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Irgendwo beim Ehrenmal für die Opfer der Weltkriege in Gehrde dürfte die Burg der Herren zu Rüsfort gelegen haben. Spuren hat der Adelssitz in Schrifttum und Flurnamen hinterlassen. Foto: Martin SchmitzIrgendwo beim Ehrenmal für die Opfer der Weltkriege in Gehrde dürfte die Burg der Herren zu Rüsfort gelegen haben. Spuren hat der Adelssitz in Schrifttum und Flurnamen hinterlassen. Foto: Martin Schmitz

Gehrde Neues von den mittelalterlichen „Ranches“ im Hasetal: Die adeligen Großgrundbesitzer führten ihre verzweigten Agrarunternehmen mit verblüffend modern anmutenden Methoden, einem mittleren Management und sogar einem „Personalvorstand“.

Die klassische regionale Geschichtsschreibung geht davon aus, dass freie Bauern nach der Völkerwanderungszeit im frühen Mittelalter das menschenleere Hasetal und das Artland neu besiedelten. Jürgen Espenhorst hegt Zweifel daran. Ausgefeilte Flurnamenforschungen rund um Rüsfort und eine neue Interpretation mittelalterlicher Urkunden lassen ihn zu dem Schluss kommen, dass eine adelige Elite die Expansion aus dem Hügelland um Ankum ins Binnendelta der Hase vorantrieb. Sie schuf Villikationen, Betriebe um ein großes Adelsgut im Kern mit eigener Kirche und zahlreichen Zweigstellen, untereinander in Arbeitsteilung verflochten. Erst im zwölften Jahrhundert könnten sich durch Plaggenwirtschaft und ein erstarktes Bistum Osnabrück als Machtfaktor die Verhältnisse in Richtung einer Feudalwirtschaft verändert haben, die die Sicht des Mittelalters immer noch bestimmt.

Klingt trocken, ist aber spannend und fesselnd, wenn der gebürtige Gehrder in Bersenbrück in VHS-Vorträgen die Zuhörer Schritt für Schritt an seinen Überlegungen teilhaben lässt. In der zweiten Runde ging es um eine Frage, die Espenhorst so formuliert: „Wie organisiert man einen Betrieb mit hundert Mitarbeitern an zwölf Standorten?“

Und wieder bewegt er sich abseits der klassischen Geschichtsforschung. Die sieht im „Mayer“ ursprünglich den Verwalter des Kerngutes einer Villikation, das kann man bei Hermann Rothert nachlesen wie auch in der Wikipedia. Espenhorst fand heraus, dass der Name Mayer in allen seinen Schreibvarianten sehr häufig vorkommt. Zehn Prozent aller Deutschen tragen ihn, nur in Thüringen gibt es eine Lücke, gefüllt von Trägern des Namens „Hofmann“.

„Betriebshandbuch“von Karl dem Großen

Auch im Altkreis Bersenbrück gibt es viele Mayerhöfe, fast überall in den Zweigstellen der Villikationen, die Espenhorst ausmachte. Nur ausgerechnet nicht in ihren Zentralen in Rüssel und Rüsfort, wo man den Verwalter des zentralen Kerngutes vermuten würde. Dort gibt es Schultenhöfe.

Für seine Krongüter überall in Europa Karl der Große erließ Karl der Große das „Capitulare de villis“, eine Art Betriebshandbuch für Villikationen. Ökologen lesen die Verordnung als Anleitung für die biologische Landwirtschaft, in Menslage wurde ein Karlsgarten auf der Grundlage dieser Schrift angelegt.

Espenhorst fiel auf, dass laut Capitulare der „maior“, der Verwalter, bei disziplinarischen oder rechtlichen Problemen mit seine Mitarbeitern nicht selbst tätig werden darf. Vielmehr muss er dann den „iudex“ einschalten, den Richter. Den Schulten?

Kannte der frühmittelalteliche Villikationskonzern eine Arbeitsteilung zwischen „Fachbereichsleitern und Personalvorstand“? So formuliert es Espenhorst. Vielleicht waren die Mayer ursprünglich eine Art mittleres Management, mit einer Tendenz zur Verselbstständigung. Das könnte zur Bildung privilegierter Mayerhöfe in späterer Zeit geführt haben.

Espenhorst vermutet, dass es neben den Managern auch Spezialisten in Standorten der Villikation gab. Müller etwa in den Mühlen an der Hase im späteren Hastrup. Im Hofnamen „Krümberg“ erahnt er den „Krüvberg“, Betreiber einer Herberge, an deren Herdfeuer man nach der Durchquerung einer Furt im Fluss die nassen Kleider trocknen konnte. „Beweisen kann ich das nicht,“ schränkt er ein. Vielleicht verbessert sich die Beweislage, wenn man seine Flurnamenforschung in Alt-Rüssel nachvollzieht. Hier könnte die Keimzelle des Bersenbrücker Landes liegen, so der Mann mit dem kritischen Blick.


Sturm über dem Artland Die Zeiten werden rauer. Das Artland wird bedroht, und die erfolgreichen mittelalterlichen Adelsunternehmer müssen sich darauf besinnen, das sie eigentlich Ritter sind. Wie sie das Land verteidigen, zeigt Jürgen Espenhorst im nächsten Teil seiner Seminarreihe am kommenden Samstag von 15.30 bis 18 Uhr in der Marktschule in Bersenbrück. Der Vortrag „Ritter im Artland“ wird im Kursheft und auf der Website der Volkshochschule Osnabrücker Land noch unter dem ursprünglichen Titel „Neues aus dem Mittelalter – Wall, Burg, Steinwerk und Landwehr“ aufgeführt. Online-Anmeldung auf vhs-osland.de empfiehlt sich. Die VHS weist darauf hin, dass Anmeldungen aus Datenschutzgründen nur noch schriftlich, per E-Mail oder Internet möglich sind, nicht mehr telefonisch.

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