Das Experiment „Artländer Wolfspudel“ Ehepaar aus Gehrde durchbricht konventionelle Hundezucht

Von Carolin Hlawatsch


Gehrde. Acht niedliche Welpen tapsen durch den Wintergarten von Elvira und Rudolf Heitkamp in Gehrde. Kaum zu glauben, dass diese kleinen Wesen zu imposanten Irischen Wolfshunden heranwachsen werden, einer der größten Hunderassen der Welt. Die Heitkamps züchten diese beinahe Pony-großen Hunde und haben durch Einkreuzung eines amerikanischen Großpudels nun, der Samtgemeinde Bersenbrück entsprungene, einzigartige „Artländer Wolfspudel“ in ihrem Rudel.

Die acht Welpen sehen mit vier Wochen schon recht unterschiedlich aus. Einer von ihnen hat braunes Fell, alle anderen sind schwarz, manche sind gelockt, andere struppig. Auch wenn man aus dem Fenster des Wintergartens schaut, laufen draußen Hunde, die sich zwar vom Typus her ähnlich sind, aber dennoch klare Unterschiede aufweisen. „Dort toben Lilly, eine reinrassige Irische Wolfshündin, Casha, eine Wolfshündin in der zudem 25 Prozent Großpudel stecken, und Aramis der 50 Prozent Irischen Wolfshund und 50 Prozent Großpudel in sich trägt“, erklären die Heitkamps. Mit dem Einmixen des Großpudels in ihre Irische Wolfshund-Zucht versuchen sie, die Hunde langlebiger und gesünder zu machen. „Wir möchten keine neue Rasse kreieren, sondern die Zucht der Irischen Wolfshunde mit „frischem Blut“ und neuen Genen bereichern.“

Nach einem Riesenschnauzer und einem Briard sollte vor 15 Jahren ein neuer Hund bei den Heitkamps einziehen. Dass es wieder eine große Rasse werden soll, war ihnen klar. Der Nächste sollte aber weniger pflegeintensiv sein, zudem nicht kläffen, nicht sabbern und ein freundliches Wesen haben. „Schnell fiel unsere Wahl auf den Irish Wolfhound“, erinnert sich Elvira Heitkamp.

Die große Liebe zu den Hunden

Mit der Wolfshündin Jette begann eine große Liebe zu den Hunden, die auch „sanfte Riesen“ genannt werden, und die Züchterlaufbahn der Heitkamps. „Aus Jux und Dollerei nahmen wir damals mit Jette an einer Ausstellung in Mecklenburg-Vorpommern teil und waren sehr erfolgreich. So folgten weitere Ausstellungen, auf denen sie ebenfalls Siege errang. Immer wieder wurden wir darauf hingewiesen, mit diesem tollen Hund doch zu züchten“, berichten Elvira und Rudolf Heitkamp. Vier Jahre später bekam Jette ihre ersten Welpen.

Heute liegen elf Jahre Zuchtgeschehen hinter den Heitkamps. „Immer wieder erkrankten Hunde an Dilatativer Kardiomyophatie (DCM), einer tödlich endenden Herzerkrankung, sowie Osteosarkom, einem bösartigen Knochentumor“, berichten sie. „Als wir anfingen zu züchten, lag die Lebenserwartung der Wolfshunde immerhin noch durchschnittlich bei acht Jahren. Inzwischen liegt sie unseres Erachtens nur noch bei sechs Jahren, da die typischen Krankheiten immer mehr durchkommen“, stellt Rudolf Heitkamp fest. Er bemängelt das Fehlen einer bundesweiten Datenbank für Züchter, in der Krankheiten der Tiere festgehalten werden, sodass nachzuvollziehen ist, in welchen Linien DCM und Knochenkrebs vorkamen. Schuld an der Misere sei das unverantwortliche Streben vieler Züchter nach Schönheit und Größe auf Kosten der Gesundheit der Rasse.

Zu kleiner Genpool führt zu Krankheiten

Elvira und Rudolf Heitkamp fassten den Entschluss, in ihrer Zucht etwas zu ändern. Dafür besuchten sie Seminare zum Thema Genetik und Vererbung bei Experten wie Ottmar Distl, Leiter des Instituts für Tierzucht und Vererbungsforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, oder der österreichischen Populationsgenetikerin Irene Sommerfeld-Stur. „Wir lernten, dass ein zu kleiner Genpool, der zu Inzucht und Krankheiten führt, nur durch das Einkreuzen einer anderen Rasse zu stabilisieren und verbessern ist“, erklären die Heitkamps.

Dann stellte sich die Frage: „Welche Rasse eignet sich zur Einkreuzung, um dem Wolfshund ‚frische‘ Gene zuzuführen?“ Die Wahl viel auf den Großpudel, da dieser sowohl vom Körperbau als auch von den grundsätzlichen Wesenseigenschaften dem Wolfshund nicht zu fern ist und da bei ihm die typischen Wolfshund-Krankheiten nicht vorkommen. „Unser Ziel: Langlebigkeit, Gesundheit, Freundlichkeit, stattliche Größe, möglichst frei von genetischen Erkrankungen und für den einen oder anderen Hundesport einsetzbar. Der ideale große familientaugliche Hund“, schwärmen die Heitkamps. Die Suche nach einem Pudelbesitzer, der bereit war, seinen Hund als Deckrüden zur Verfügung zu stellen, sei nicht einfach gewesen. 

Auch von Wolfshundzüchtern ernten die Heitkamps viel Kritik. „Uns Züchtern liegt die Gesundheit unserer Irish Wolfhounds sehr am Herzen. Seit fast 20 Jahren ist es Voraussetzung, die zur Zucht eingesetzten Wolfshunde vorher herzschallen zu lassen, um DCM zu vermeiden“, erklärt Wolfgang Müller, Zuchtkommissionsmitglied für die Rasse Irish Wolfhound im Deutschen Windhundzucht- und Rennverband e.V. (DWZRV).

Experte: Große Rassen werden nicht so alt

Das Ergebnis dieser Maßnahme sei positiv: Vor 20 Jahren lag die Durchschnittsrate der Herzkrankheit bei den Zuchttieren noch über zehn Prozent, aktuell liegt sie bei unter fünf Prozent. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass DCM und Osteosarkom Krankheitsbilder sind, die bei der Rasse Irischer Wolfshund auftreten können, allerdings hätten auch viele andere Hunderassen die Gefahr bestimmter Krankheiten. „Viele große Rassen leiden zum Beispiel unter Hüftdysplasie. Die kommt bei den Irischen Wolfshunden so gut wie gar nicht vor“, so Müller. Er könne die Behauptung der Heitkamps über die schwindende Lebensdauer der Rasse nicht bestätigen. Es liege einfach in der Natur der großen Rassen, nicht so alt zu werden wie kleinere Hunde.

Die Heitkamps realisierten ihren Plan und konnten sich vor zwei Jahren über den ersten Wurf ihrer „Artländer Wolfspudel“ freuen. In dieser Hundegeneration stecken also zu 50 Prozent die Gene des Großpudel-Vaters. Dadurch seien diese Artländer Wolfspudel im Fell lockiger als die reinrassigen Irischen Wolfshunde, etwas kleiner und ein bisschen spritziger. Einen ihrer ersten Wolfspudel verpaarten sie später mit einem Irischen Wolfshund. „Deren Nachwuchs trägt also nur 25 Prozent Pudel und 75 Prozent Wolfshund in sich“, erklären die Züchter die genetischen Zusammenhänge.

Langfristig gesehen, wollen die Heitkamps reinrassige Irische Wolfshunde züchten, schließen aber nicht aus, irgendwann mal wieder einen Großpudel mit hineinzubringen. Richtig spannend soll es noch in diesem Jahr werden, wenn zwei 50/50-Hunde zusammen Welpen bekommen.

Informationen im Internet: www.artlaender-wolfspudel.jimdo.com


Der „Sanfte Riese“

Kelten züchteten vor 2000 Jahren einen großen, rauhaarigen Hund, der Teil zahlreicher irischer Sagen wurde. Bis zur Einführung der Feuerwaffen wurde der Irische Wolfshund für die Jagd auf Wölfe und anderes Großwild eingesetzt und war dem Adel vorbehalten. Nach Ausrottung des Wolfs in England und Irland verlor der Hund seine Aufgabe und wurde seltener. Mitte des 17. Jahrhunderts erließ Oliver Cromwell ein Ausfuhrverbot aus Irland, um den letzten Bestand Irischer Wolfshunde zu retten. Seit den 1970er-Jahren wird die Rasse auch außerhalb Irlands und Großbritanniens häufiger gezüchtet.

Hündinnen werden etwa 80 Zentimeter groß, Rüden können über 90 Zentimeter Schulterhöhe erreichen. Trotz seiner mächtigen Erscheinung und Mindestgewicht von 54 Kilogramm bei Rüden, gehört der Irische Wolfshund zu den Windhunden. Seine Fellfarben sind grau, gestromt, rot, schwarz, reinweiß oder rehbraun. Die „Sanften Riesen“ sind von ruhigem Gemüt, gelten als anpassungsfähig, duldsam und liebenswürdig.

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