Mehr als 10.000 Geburten begleitet Ankumer Hebamme über ungeduldige Eltern, Hebammenmangel und Fehlgeburten

Von Christian Lang

Weit über 10.000 Geburten hat Irene Küsters als Hebamme begleitet. Einen Großteil davon im Marienhospital in Ankum. Foto: Daniel MeierWeit über 10.000 Geburten hat Irene Küsters als Hebamme begleitet. Einen Großteil davon im Marienhospital in Ankum. Foto: Daniel Meier

Ankum. Weit über 10.000 Geburten hat Irene Küsters als Hebamme begleitet. Einen Großteil davon im Marienhospital in Ankum. In Kürze geht sie in Ruhestand. Im Interview mit unserer Redaktion blickt sie zurück – und findet zudem deutliche Worte.

Irene Küsters ist ein echtes Original. Sie ist keine Frau, die um den heißen Brei herumredet, sondern Tacheles spricht. Offen, ehrlich und direkt. Seit 51 Jahren arbeitet sie als Hebamme, davon die vergangenen 34 Jahre im Marienhospital in Ankum. Am 29. Mai hat Irene Küsters ihren letzten Arbeitstag, bevor sie in den Ruhestand geht. Doch zuvor hat sie noch einmal auf zahlreiche bewegende Momente in ihrem Berufsleben zurückgeblickt. Im Interview spricht die 68-Jährige über Totgeburten, ungeduldige Eltern, Fehlgeburten und den Hebammenmangel.

Frau Küsters, warum sind Sie damals Hebamme geworden?

Das wollte ich schon mit elf Jahren. Ich habe auf ein Kind aufgepasst in unserer Nachbarschaft. Die Mutter des Jungen war Hebamme. Und dadurch kam das Ganze in Bewegung.

Haben Sie es jemals bereut?

Nein. Manchmal hat man Phasen, in denen man nicht so glücklich ist. Aber das ist in jedem Beruf so.

Was haben Sie an Ihrem Beruf gehasst?

Das Auspacken des Materials – Handschuhe, Spritzen. Das habe ich echt nicht gerne gemacht.

Wie viele Geburten haben Sie in Ihrem Leben insgesamt begleitet?

Ich habe bei 10.000 aufgehört zu zählen. Und das ist schon ein paar Jahre her.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Geburt?

Damals war ich noch Schülerin. Das lief schon ganz gut. So genau kann ich es nicht mehr sagen, das Gedächtnis lässt ja auch ein wenig nach im Laufe der Zeit. Aber es hat alles gut geklappt.

Wenn Sie sich aus den ganzen Jahren eine besonders positive Erinnerung herauspicken müssten: Welche wäre es?

Oh, es gab so viele positive Momente. Jede Geburt ist neu und aufregend. Und jede Frau ist anders.

Was habe Sie an diesem Beruf gemocht?

Die Verantwortung, die wir übernehmen, und dass ich mit total unterschiedlichen Menschen in Kontakt komme. Hier besuchen die Hebammen die Frauen in der Schwangerschaft und noch acht bis zwölf Wochen nach der Geburt. Teilweise haben wir sie auch schon in der Geburtsvorbereitung. Und das ist schon sehr schön, wenn man sie so lange begleiten kann. Oftmals betreut man sie beim zweiten Kind dann wieder.

Sind dabei sogar manchmal Freundschaften entstanden?

Bekanntschaften, keine Freundschaften. Ich habe es immer vermieden, mich mit Schwangeren anzufreunden. Ich bin nicht die Freundin, sondern die Hebamme. Trotzdem besteht immer auch ein Vertrauensverhältnis.

Ist denn schon mal ein Mann bei der Geburt umgekippt?

Selten. Die sind so voller Adrenalin, dass sie eigentlich nicht umfallen. Wir sehen es sonst auch, wenn sie ein bisschen blasser werden. Dann schicken wir sie an die frische Luft.

Worin unterscheidet sich das Verhalten der Frauen von dem ihrer Männer während der Geburt?

Naja, die Frau ist mit sich und ihren Schmerzen beschäftigt. Das Kinderkriegen tut halt weh. Die Frau hat auch noch mit der Restangst zu kämpfen. Sie fragt sich, ob tatsächlich alles mit dem Kind in Ordnung ist. Trotz der zahlreichen Ultraschallbilder, die während der Schwangerschaft gemacht wurden, haben die Frauen noch Angst.

Und die Männer?

Die müssen tatkräftig mit anfassen. Den Frauen etwas zu trinken geben, ihnen den Rücken streicheln. Der Mann muss auf zack sein.

Und sind sie das meistens?

Meistens klappt es ganz gut. Männer tun zwar manchmal, als wären sie so cool. Aber im Kreißsaal sind sie auch angespannt. Sie sehen ja auch, wie die Frau sich verändert während der Geburt.

Hausgeburt, Kaiserschnitt: Welche Art von Geburt liegt denn derzeit im Trend?

Eine Zeit lang lag der Wunsch-Kaiserschnitt sehr im Trend. Das ist bei uns mittlerweile aber weniger geworden. Die natürlichen Geburten sind nach wie vor überwiegend.

Was halten Sie von Kaiserschnitten, die medizinisch nicht notwendig wären, sondern eher auf Wunsch der Frau geschehen?

Da kriegen wir Hebammen alle einen Hals. Wir regen uns aber nicht mehr wirklich darüber auf, weil es die Entscheidung der Frau ist. Sie hat dann danach die Schmerzen. Es ist ein Bauchschnitt, eine OP.

Wie gehen Sie mit Totgeburten um? Wie kann man die Eltern trösten?

Wir Hebammen sind betroffen, wenn das Kind tot auf die Welt kommt. Bei den „stillen Geburten“ nehmen wir gemeinsam Abschied.

Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Ganz schwer. Jedes Mal. Da bekommt man keine Routine. Wir kommen dann zur Besinnung, was das Leben eigentlich wert ist. Und dass es nicht selbstverständlich ist, dass ein Kind gesund auf die Welt kommt.

Konnten Sie zu Hause abschalten oder beschäftigten Sie solche Erlebnisse auch nach Feierabend noch?

Ja, das habe ich schon mit nach Hause genommen. Aber dann ist auch Schluss. Nach einer gewissen Zeit konnte ich dann auch gut abschalten, wenn ich mich privaten Dingen widmete.

Welche Fehler begehen frischgebackene Eltern besonders häufig?

Sie wollen oft alles besonders gut machen. Die Menschen sind sehr durchstrukturiert. Wir stehen auf, gehen duschen, frühstücken und so weiter. Und so soll es bei den Kindern auch sein. Die Frauen sind zudem zunehmend verunsichert, weil es unter anderem durch das Internet so viele Informationen gibt. In unseren Nachbarländern ist alles viel natürlicher. In den Niederlanden gibt es vielleicht drei Ultraschalls in der Schwangerschaft, in Skandinavien auch. Die schwangeren Frauen denken hierzulande über zig Eventualitäten nach.

Hat Ihnen das Internet die Arbeit erleichtert oder erschwert?

Erschwert nicht, aber es ist schon lästig. Wir Hebammen müssen uns damit auseinandersetzen und bei möglichen Fehlinformationen korrigieren.

Wie haben sich die Geburten in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Die Dauer ist nicht mehr so lange. Heutzutage liegt keine Frau mehr 30 Stunden lang in den Wehen. Früher war das komplett anders. Auch bei der Sicherheit hat sich vieles verändert. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, ohne CTG (Wehenschreiber) zu arbeiten. Mittlerweile kann man rechtzeitig erkennen, wenn es dem Kind nicht so gut geht und deshalb ein Kaiserschnitt gemacht werden muss. Früher passierte das auf den letzten Drücker.

Und Ihre Arbeitsbedingungen – wie haben sich die verändert?

Es ist schwieriger geworden. Früher sind die Frauen nicht so aufgeklärt in die Geburt gegangen. Heutzutage bestimmt die Schwangere mit. Nur, wenn es kritisch wird und es um das Leben des Kindes geht, gibt es keine Diskussionen mehr.

Nun ja, aber es gibt den Hebammenmangel. Warum wollen so wenige diesen Beruf ergreifen?

Unter den Umständen ist das auch verständlich. Hebammen werden sehr schlecht bezahlt. Zudem haben sie im Angestelltenverhältnis manchmal bis zu fünf Frauen zu versorgen. Im Marienhospital wird jede Frau individuell betreut. Das heißt, jede Frau hat Anrecht auf eine Hebamme.

War die Bezahlung früher denn besser?

Nein, sie war schon immer so schlecht. Ich habe häufig gestreikt, um gegen die schlechte Bezahlung anzukämpfen.

Sehen Sie denn einen Hoffnungsschimmer, dass die Arbeitsbedingungen besser werden?

Nein.

Würden Sie also jedem davon abraten, Hebamme zu werden?

Nein, das nicht. Aber es muss sich etwas verändern. Zum Glück gibt es noch einige junge Frauen, die Hebamme werden wollen. Aber es ist ein Mangel vorhanden. Ich selbst würde diesen Beruf immer wieder wählen.

Was macht eine gute Hebamme aus?

Sie muss aufmerksam sein, geduldig, freundlich, aber auch bestimmt. Sie muss einfach zur richtigen Zeit das Richtige machen.

Welchen Rat haben Sie für frischgebackene Eltern?

Sich Zeit nehmen – und das Kind lesen lernen. Man muss mit dem Kind reden und auf die Reaktion achten. Das kann man lernen. Genauso wie, Verantwortung zu übernehmen.


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