„Navi“ des Analogzeitalters Jürgen Espenhorst aus Gehrde und das Karten-Wunder

Von Martin Schmitz


Gehrde/Schwerte. Das „Karten-Wunder“ ist das „Navi“ des analogen Zeitalters. 1997 stieß der in Gehrde aufgewachsene Jürgen Espenhorst auf einem Pariser Flohmarkt auf das Gerät , das mechanisch Kartenausschnitte einstellen kann . Es dauerte etwas, bis er die faszinierenden Geheimnisse dieser seltenen Technik aus dem frühen 20. Jahrhundert lüften konnte. Nun stellt er sie in einem Buch vor.

Herr Espenhorst, was ist das Kartenwunder, und wie funktioniert es?

In einer Box aus Bakelit, später weißem Kunststoff, befinden sich unter einem Sichtfenster ein Dutzend Straßenkarten. Sie können auf geradezu magische Weise durch einen Schiebemechanismus ausgewechselt werden. Der Autofahrer kann sich genau die Karte hervorzaubern, die er gerade für seine Strecke braucht. Mich hat das Ding schon beim ersten Mal sehr fasziniert. Weil man es schlecht mit Worten beschreiben kann, habe ich auf Youtube unter „Buch Kartenwunder“ ein Video dazu eingestellt. Es ist nicht perfekt, zeigt aber, wie es funktioniert.

Wer steckte hinter dieser Erfindung?

Ein pensionierter K.u.k.-Major aus Wien. Er war hauptberuflich Sprengstoffexperte und wollte darüber ein Buch schreiben. Daher verkaufte er etwa 1938 seine Erfindung an einen Berliner Marketingfachmann. Dieser zog nach Wien, nannte das Gerät jetzt „Karten-Wunder“, übernahm Herstellung und Vertrieb. Das völlig neuartige Gerät wurde als Luxus- und Werbeartikel vermarktet, verschwand aber kriegsbedingt im Herbst 1939 vom Markt. Da es um 120 Reichsmark kostete, war der Käuferkreis beschränkt. Vermutlich wurden in der Vorkriegszeit nicht mehr als 6000 Exemplare hergestellt. Da die Bakelitbox sehr bruchanfällig ist, überlebten nicht viele davon.

Warum setzte sich diese Technik nicht durch?

Ab 1946/47 wurde die Produktion langsam wiederaufgenommen. Anfang der Fünfzigerjahre erkannte man in Wien , dass man das Gerät wirtschaftlich nur dann herstellen konnte, wenn große Stückzahlen abgesetzt wurden. Da Deutschland und Österreich zerstört waren, nur wenige Autos fuhren, entschloss man sich in Wien, den Weltmarkt zu erobern. Dazu musste das Gerät einen exportfähigen Namen bekommen. Es wurde jetzt in einen hellen Kunststoff gekleidet und als „Auto-Mapic“ international vermarktet. Besonders erfolgreich war das in Großbritannien. Der Versuch den großen Markt der USA zu erobern, scheiterte jedoch. Offenbar war das Gerät den Autofahrern zu teuer , denn einfache Straßenkarten gab es bei den Benzinfirmen damals umsonst . Als das USA-Geschäft floppte, musste die Firma um 1965 in Wien Konkurs anmelden. Das war’s. Das Gerät verschwand von der Bildfläche, und es war eine echte Detektivarbeit, die Geschichte zu erforschen.

In Ihrem Buch berichten Sie von einer Weiterentwicklung des Kartenwundes für Jagdflieger. Was kann man sich darunter vorstellen?

Um 1943 ermittelte die Luftwaffe, dass die Verluste an Flugzeugen nicht nur auf feindliche Einwirkung zurückzuführen waren, sondern sich sich zu wenig ausgebildete Piloten einfach verflogen und nicht mehr rechtzeitig einen Flugplatz zur Landung fanden . Ob sich die Ingenieure damals an das „Karten-Wunder“ aus Wien erinnerten, oder ob es eine davon unabhängige Idee war, jedenfalls entwickelte man für die Luftwaffe ein echtes Navi. Dabei wurde der jeweilige „Standort“ des Flugzeuges auf einer Karte angezeigt, die in einem kleinen Kasten steckte. Diese Erfindung war so vielversprechend, dass sie in den Fünfzigerjahren an der TH (heute Uni) Stuttgart in einem eigenen Institut für die Luftwaffe der Bundeswehr weiterentwickelt wurde. Als sich dann aber Ende der Siebzigerjahre die Idee der Satellitennavigation abzeichnete, war mit dem eigenen Flugzeug-Navi Schluss.

Karten spielen auch eine Rolle in Ihren Forschungen zur mittelalterlichen Besiedlung des mittleren Hasetals. Sind Sie über das Kartenwunder zur Karte gekommen? Oder hat die Kartografie Sie zum Kartenwunder geführt?

Schon als ich in Bersenbrück zur Mittelschule ging, haben mich Karten fasziniert. Außerdem fand ich es schon immer spannend, geschichtliche Rätsel zu lösen. Man könnte mich als einen kartografischen Detektiv bezeichnen. Im Augenblick arbeite ich an der Geschichte der Karten, die im Ersten Weltkrieg erst das Kämpfen im Schützengraben ermöglichten. Karten spielten damals eine entscheidende Rolle. Auch weil im September 1914 die deutschen Truppen an der Marne nicht die notwendigen Karten dabei hatten, mussten sie sich zurückziehen. Doch das interessiert heute nur noch die damaligen Sieger. Meine Forschungen darüber erscheinen daher nur in englischer Sprache.