Neue Thesen zu altem Rätsel Haben Viehzüchter das Artland besiedelt?

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Bersenbrück. Haben Viehzüchter im frühen Mittelalter das fast menschenleere Artland besiedelt? Die „Bosse“ ihrer „Ranches“ pflegten Verbindungen bis hinauf zum Kaiser.

Die klassische Geschichtsschreibung geht davon aus, dass die Sachsen das Osnabrücker Nordland nach der Völkerwanderung besiedelt hätten. Mit Plaggendüngung machten sie die Böden ertragreicher. Jürgen Espenhorst hat an dieser Theorie seine Zweifel. Wenn er eine anerkannte historische Bevölkerungsstatistik von der alten Bundesrepublik auf den Altkreis Bersenbrück herunterrechnet, kommt er auf gerade einmal 225 Haushalte um das Jahr 800. Der Altkreis Bersenbrück dürfte nicht mehr als ein paar Hundert Bewohner gehabt haben, konzentriert in wenigen Siedlungen, während weite Gegenden leer bleiben.

Im sächsischen Zeithorizont haben Archäologen keinen Hinweis auf Plaggendüngung gefunden, die mit mehr Aufwand verbunden ist als ältere Verfahren. Die Plaggendüngung kommt im Osnabrücker Land wohl erst im 11. Jahrhundert auf.

Espenhorsts Familie kommt aus Gehrde. Er hat Hinweise gefunden, dass zumindest im mittleren Hasetal von Alfhausen bis Badbergen Grundherren die Erschließung vorantrieben. Da wäre etwa die berühmte Kaiserurkunde von 977, die Alfhausen, Gehrde, Ankum und Merzen quasi als Gründungsurkunde betrachten, weil die Ortsnamen dort zum ersten Mal genannt werden. In der Urkunde zieht Kaiser Otto II. den von Merzen über Rüssel bei Ankum bis ins mittlere Hasetal verstreuten Grundbesitz eines Mannes namens Herigisus ein, um ihm anschließend alles als Lehen zurückzugeben.

Salhof und Hufen

Warum sollte Herigisus Land wegegeben und zurücknehmen, das ihm schon gehört? „Um seinem Land einen einheitlichen Rechtsstatus zu geben“, vermutet Espenhorst, als er in Bersenbrück in einem VHS-Seminar seine Thesen vorstellt. Auf diese Weise sei es einfacher gewesen, den Besitz zwischen zwei Erben zu teilen.

Die Ortsnamen tauchen knapp 70 Jahre später in zwei anderen Text wieder auf. „Memos“ nennt sie Espenhorst, in denen mündliche Vereinbarungen zwischen einem gewissen Werenbrecht und seinem Neffen und Erben Herigisus mit dem Osnabrücker Bischof Alberich schriftlich festgehalten werden. In diesem Falle wird Land dem Bistum überstellt und als Lehen zurückgenommen. Diese Volte könnte Herigisus und seinen Erben vom Kriegsdienst befreit haben, vermutet Espenhorst.

In den Texten ist von über die Region verteilten Hufen die Rede, Grundflächen mit einer Hofstelle, in der Regel 30 Tagwerke groß, bewirtschaftet von Freien oder Hörigen. Sie sind abhängig von einem Zentralhof, den Espenhorst Salhof nennt. Zum Salhof gehört eine Eigenkirche und das Salland, das der Grundherr selbst bewirtschaftet.

Cowboys ohne Pferde

Der ursprüngliche Verbund ist von einem Zentralhof in Rüssel aus geführt worden. Nach der Teilung wurde ein Hof in Gehrde-Rüsfort zum zweiten Zentralhof ausgebaut. Er lag dort, wo heute in Gehrde das Ehrenmal für die Opfer der Weltkriege zu finden ist.

Wie könnten die Verbünde aus Salhöfen und Hufen gewirtschaftet haben? In der offenen Landschaft des Hasetales mit Auwäldern und Feuchtwiesen läge Viehzucht nahe. Man könnte sie arbeitsteilig betreiben. Allerdings dürften die „Cowboys“, die Viehhüter dieser Verbund-Ranches, nicht nur Rinder gehütet haben und wohl eher selten zu Pferde unterwegs gewesen sein.

Espenhorst wertet die präzise Karte mit ausführlichem Grundstückskataster aus, die Johann Wilhelm du Plat 1784 bis 1790 vom Hochstift Osnabrück anfertigte. „Es ist, als ob sie einen Generalschlüssel in der Hand haben“, kommentiert er sein Ergebnis. Trotz aller Veränderungen findet er in den Karten Umrisse mittelalterlicher Hufen wieder.

Und die Ortsnamen geben weitere Hinweise. „Höne“ könnte von Heu kommen, dort könnte auf eingefriedeten Wiesen abgeschirmt das Gras bis zur Mahd ungestört gewachsen sein. „Wehdel“ deutet Espenhorst als „Witi-Hude-Loh“, die Lichtung im Buchenwald, auf der Vieh gehalten wurde. Die Karte weist für beide Orte wenig Ackerbau aus, als hätten ihre Bewohner ihn nur für die Eigenversorgung betrieben.

Espenhorst konnte seine These bislang nur am Mittelabschnitt der Hase überprüfen. „Ich kenne mich nur in Rüsfort aus“, gesteht er freimütig. Das klingt wie ein Aufruf, eine Suche nach Verbündeten, die anderswo die Idee von der mittelalterlichen Verbund-Ranch auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen.

Dies ist aber nur ein Teil der Geschichte. Was passierte, als nach dem Jahr 1000 die Bevölkerung quasi explodierte und ein Großteil der deutschen Städte gegründet wurde? Auch dazu hat Jürgen Espenhorst Überlegungen angestellt.


Als Nächstes will sich Jürgen Espenhorst mit der Entstehung der Meyer- und Schultenhöfe im mittleren Hasetal auseinandersetzen. Der Vortrag soll stattfinden am Samstag, 7. April, ab 15.30 Uhr in der Marktschule in Bersenbrück. Wie und wann kam es zur Gründung dieser Höfe? Was hat den Anstoß dazu gegeben? Welche Funktion hatten sie? Gab es noch andere „Spezialisten“ im Rahmen der damaligen Grundherrschaft? Wer an den vorangegangenen Verstaltungen teilgenommen hat, möge bitte das dort verteilte Material mitbringen.

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