Schräges Theaterstück für Schüler Warum Europa auch in Bersenbrück neu erfunden wird

Von Ulrike Havermeyer


ugh Bersenbrück. Dass die Europäische Union und ihre Entwicklung mehr sind als dröge Kapitel im Geschichtsunterricht, erlebten jetzt die Zehntklässler des Gymnasiums Bersenbrück. Als bunte Nummernrevue hat Thomas Alexander Nufer sein Stück „Die Neu-Erfindung Europas“ auf die Bühne gebracht.

Ganz schön herunter gewirtschaftet sieht sie aus, die gute, alte Europa – wie sie da im mottenzerfressenen Pelzmantel durch die Kulissen kauzt. Viel zu schwach, um noch auf eigenen Beinen zu stehen, müht sich das Mensch gewordene Politikum völlig entkräftet im Rollstuhl ab, die Fliegermütze tief ins Gesicht gezogen. „Ich glaub, ich brech gleich auseinander“, schimpft sie und liefert die Diagnose mit maliziöser Nonchalance gleich mit: „Ich leide an multiplem Organversagen!“

70 Jahre auf zwei Stunden verdichtet

Kalter Krieg. Flüchtlingsdebatte. Brexit. Aber auch: 70 Jahre Frieden und Demokratie. Reisefreiheit. Arbeiten und leben, wo man will. Die Geschichte der Europäischen Union in nur zwei Stunden erzählen? Allein das mutet nach einer kaum zu stemmenden Herkulesaufgabe an. Doch mit dramaturgischem Geschick und provozierendem Augenzwinkern surft der in Münster lebende Autor und Regisseur Thomas Alexander Nufer multimedial und zielgruppenorientiert durch die Jahrzehnte. Dem – nicht nur für Jugendliche, sondern wohl auch für die meisten Erwachsenen – eher abstrakten Thema „Europa“ ein Gesicht zu geben, darin dürfte der besondere Charme dieser mitreißenden Inszenierung liegen. Gefördert wird das Projekt unter der Trägerschaft des Bildungsinstituts HeurekaNet unter anderem von der nordrhein-westfälischen Landesregierung und dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Nach Bersenbrück wurde es über den Landkreis Osnabrück vermittelt.

Skurrile Ideen und überwältigende Spielfreude

„Das Stück will das Publikum motivieren und erhellen und arbeitet auf groteske und schräge Weise die europäische Geschichte auf“, erläutert der Autor. „Denn wenn man so etwas nur seriös macht, guckt ja keiner mehr zu.“ Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Dank des stimmigen pädagogischen Konzeptes von Projektleiter Dirk Schubert, der überwältigenden Spielfreude des vierköpfigen Darstellerteams (Christiane Hagedorn, Martin Schlathölter, Eckhard Ischebeck und Andreas Breiing) und jeder Menge skurriler Ideen, absurder Szenen und entwaffnender Situationskomik, mit denen Thomas Alexander Nufer seine Inszenierung gespickt hat, hält die alte Dame Europa das Interesse der Zehntklässlern gefangen.

„Nimm mir meine Selbstzweifel“

„Du musst mir helfen, Elias, nimm mir meine Selbstzweifel, erfinde mich neu“, wendet sich Europa, die personifizierte Krise, beschwörend an die jugendliche Hauptperson des Stückes. Doch Schüler Elias ist, genau wie die Zuschauer, zunächst ratlos: „Ich weiß so gut wie gar nichts über Sie, über Ihre Krankheit und Ihre Lebensgeschichte“, wehrt er ab – und kann sich der sympathischen Renitenz seines greisen Gegenübers doch nicht entziehen. Irgendwie funkt es da, zwischen Europa und Elias – und womöglich springt dieser Funke an diesem Vormittag ja sogar auf den einen oder anderen Zehntklässler über.

Auf der Mülldeponie der Geschichte

Beim rasanten Ritt durch die Vergangenheit absolviert das Publikum einen tollkühnen Parcours entlang der Meilensteine der europäischen Entwicklung – und die vier Schauspieler schlüpfen in annähernd 30 verschiedene Rollen: Da entsorgen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle ihre Erbfeindschaft in zwei vollgestopften Plastiksäcken auf der Mülldeponie der Geschichte. Ein gewiefter Finanzstratege bringt seine Schäflein durch die lukrative Verlosung eines toten Esels ins Trockene. Und ein der Realität entrückter Erich Honecker faselt vom hundertjährigen Bestand der Mauer. Zusätzlich eingeblendete Kurzbiografien und Filmsequenzen liefern den Zuschauern weitere Hintergrundinformationen.

„Ich mache die EU Mainstream!“

Nachdem sie zwei Stunden lang gemeinsam die Höhen und Tiefen der Geschichte durchlebt haben, ist Elias der kränkelnden Europa deutlich näher gekommen, und ihr Schicksal ist ihm dabei alles andere als egal geblieben: „Ich mache die EU Mainstream!“, nimmt er sich vor, gründet kurzerhand mit „Reset Europe ... entweder ganz oder gar nicht“ die „erste gesamteuropäische Partei für Menschen unter 25 Jahren“ und will abschließend von den Bersenbrücker Schülern bloß noch wissen, ob auch sie bereit sind, sich für die Werte und Ideale eines vereinten und friedlichen Europas zu begeistern und einzusetzen. Die gesammelten Antworten des Publikums können unter www.reset-europe.net eingesehen werden.