Suche nach dem Sinn des Seins Gothic-Gottesdienst in Nortrup lässt Besucher in den Seelenspiegel blicken

Von Miriam Heidemann


mihe Nortrup. Nebelschwaden und düstere Atmosphäre: Der Gothic-Gottesdienst in der evangelisch-lutherischen Dorotheenkirche in Nortrup am Samstagabend stand unter dem Motto „Seelenspiegel“. Neugierige Besucher und Anhänger der Gothic-Szene zeigte sich gleichermaßen begeistert.

Die Kirche ist in Dunkelheit gehüllt, nur der Mittelgang wird von kleinen Grablichtern erhellt. Der Engel Ariel führt die junge und schwer kranke Cecilie in das Gotteshaus. Sie sind einen Pakt eingegangen: Ariel erfährt von dem Mädchen, wie es ist, ein Mensch zu sein – im Gegenzug zeigt der Engel ihr, was das Ende für die Todkranke im Himmel bereithält.

Mit den Spielszenen der Geschichte begleiten die Schüler der Berufsbildenden Schulen Bersenbrück den Gottesdienst in der evangelischen Dorotheenkirche in Nortrup. Die Handlung basiert auf der Erzählung „Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort“ des norwegischen Autors Jostein Gaarder.

Das Motto des Gottesdienstes am Samstagabend lautete „Seelenspiegel“. Es bezieht sich auf die in Spielszenen aufgeführte Geschichte, aber auch auf das gleichnamige neue Album der Band „The Dark Butterfly“. Die Band aus Dortmund gestaltete mit Gothic-Pop und Dark Wave den musikalischen Teil des Programms.

Berufsschulpastor Uwe Brand organisierte bereits zum dritten Mal einen Gothic-Gottesdienst mit seinen Schülern. Ausgehend von einem Vers aus den Paulusbriefen an die Korinther drehte sich in diesem Jahr alles um das Thema Leben und Tod, ganz besonders die Selbstreflexion der eigenen Existenz stand im Mittelpunkt. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin“, heißt es im 1. Korinther 13,12.

In einer der Spielszenen, die die Schüler einer Klasse für Erzieher dramaturgisch gekonnt inszenierten, fragt Cecilie den Engel Ariel: „Ich möchte wissen, was auf der anderen Seite ist. Was passiert mit mir, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin?“ So begaben sich auch die Gottesdienst-Teilnehmer mit den Beiden auf die Suche nach einer Antwort. Der Abend drehte sich um die Fragen: „Wer bin ich? Wo komme ich her? Und wo gehe ich hin?“

Die Gothic-Szene ist für ihre Faszination mit Themen wie Tod und Vergänglichkeit bekannt. Doch dies seien Fragen, die wir alle haben, wie Pastor Uwe Brand sagt. Nur die Antworten, die wir darauf finden, seien unterschiedlich. „Gothic ist auch eine Form von Religiosität“, so Brand in seiner Predigt. Auch Anhänger der Gothic-Szene begäben sich auf die Suche nach ihrem eigenen Lebensweg, ihre Antworten fänden sie jedoch abseits des Mainstreams.

Beeindruckt haben die auf Deutsch gesungenen Songtexte der Band „The Dark Butterfly“, die sich ebenfalls dem Leitgedanken „Seelenspiegel“ widmen. Bereits im vergangenen Jahr bot die Band den atmosphärischen wie musikalischen Beitrag des Gottesdienstes. Auch am Samstagabend konnte das Duo aus Dortmund die bis voll besetze Kirche in ihren Bann aus düsteren Dark-Wave-Klängen ziehen.

„Cecilie, du sammelst deine Kräfte und steigst nun empor“, sang die Band zum Schluss und griff damit das Ende der Geschichte auf. Die junge Cecilie stirbt und der Engel begleitet sie ins Jenseits. Die Botschaft ist trotz ernster Thematik hoffnungsvoll.

Jeder Besucher erhielt abschließend ein symbolisches kleines Spiegelstück mit der Aufforderung, sich darin zu erkennen. Der Blick in den Seelenspiegel ist die Suche nach dem Sinn des eigenen Seins und der Erkenntnis des eigenen Ich. „Wir kommen zu Lebzeiten nicht zu den letzten Antworten. Doch wir bleiben nicht ohne Hoffnung“, führt der Berufsschulpastor in seiner Predigt aus. Glaube sei immer nur ein Anfang.

2013 gestaltete Pfarrer Uwe Brand den ersten Gothic-Gottesdienst und sorgte damit für großes Aufsehen. Auch eine Heavy-Metal-Messe organisierte er. Der Gothic-Gottesdienst in diesem Jahr ist bereits der fünfte außergewöhnliche Gottesdienst, den Brand mit Schülern inszenierte. Erste Ideen für das Programm im kommenden Jahr gebe es ebenfalls schon.

Der Abend kam bei den Besuchern gut an und erntete großen Beifall. Dieser Gottesdienst spreche Leute an, die nicht zu den üblichen Kirchengängern zählten, sagt Brand. „Aber das ist auch das Spannende daran – mal etwas Neues zu erleben!“


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