Interview mit Anne Knoke Wie Babys von Anfang an selbst essen lernen

Von Anja Polaszewski

Anne Knoke und ihr Sohn Viggo. Foto: KnokeAnne Knoke und ihr Sohn Viggo. Foto: Knoke

Quakenbrück. „Stell Dir doch mal vor, Du bekämst einfach einen Löffel in den Mund geschoben“, sagt Anne Knoke und schaut ein bisschen zerknirscht. „Und dürftest weder das Tempo der Fütterung bestimmen noch eine Wahl darüber treffen, was und wie Du essen möchtest.“ Die gebürtige Quakenbrückerin ist Mutter dreier Kinder im Alter von einem bis sieben Jahren; nach dem Studium unter anderem der Soziologie verschrieb sie sich ganz dem Muttersein und ist heute nebenbei unabhängige Stoffwindelberaterin. Ihre Familie lebt das „Attachment Parenting“, das bindungsorientierte Zusammenleben; und dazu gehört eben auch „breifrei“: „Babys wollen selbst essen; das war schon immer so. Nur gibt es heute dafür gleich wieder einen Fachbegriff.“ Im Interview mit unserer Zeitung verrät die 39-Jährige, die mit ihrer Familie in Münster lebt, worauf es beim Baby-led Weaning (BLW) ankommt und wozu es überhaupt gut sein soll.

Frau Knoke, was ist das denn das, Baby-led Weaning?

Eigentlich ist es ganz einfach: Der Begriff bedeutet so viel wie ‚vom Baby gesteuertes Abstillen‘. Das Kind entscheidet selbst den Zeitpunkt und den Umfang des Essenlernens und wird weiterhin nach Bedarf gestillt beziehungsweise mit dem Fläschchen versorgt. Ganz wichtig: Es wird nicht gefüttert. Mit anderen Worten: Es bekommt keinen Brei, sondern erhält von Anfang an Fingerfood etwa in der Länge von Pommes Frites, das es gut mit seiner Faust umschließen kann. Das kann dann anfangs ein Stück Brot sein, auf dem es lutscht oder weiches Obst wie Avocado oder Banane. Gekochte Gemüsesticks eignen sich auch prima. Da das Kleine ja anfangs noch nicht viel zu sich nimmt, sondern erst einmal erforscht und spielt, erhält es theoretisch über die Muttermilch alle Flüssigkeit, die es braucht. Es empfiehlt sich aber, trotzdem schon etwas Wasser anzubieten. So lernt es, aus dem Becher zu trinken.“

Das gibt die ersten Monate sicher ein ziemliches Gemansche. Und warum das Ganze?

Ach was. Mit einem Langarmlätzchen und einem Wachstuch unter dem Tisch ist das Ganze halb so wild. Im Ernst: Baby-led Weaning lohnt sich auf jeden Fall. Wie schon erklärt, lernt das Baby selbstbestimmt essen, lernt die Nahrung in ihrer Konsistenz und in ihrem Geschmack kennen. Und zwar im Ganzen und nicht püriert als Einheitsbrei in nur einer einzigen, mitunter nicht so besonders schönen Farbe …

Warum gibt es dann überhaupt diesen „Breifahrplan“, demzufolge man mit einem Brei startet und dann peu à peu weitere einführt?

Eigentlich sind Babys von Anfang an dazu bestimmt, aktiv zu essen und nicht gefüttert zu werden. Die Beikostempfehlung mit Brei ist da eher eine neumodische Erscheinung. Außerdem möchte die Babynahrungsmittelindustrie ja schließlich auch Geld verdienen. Viel wichtiger: Die landläufige Meinung, dem Baby würde es mit BLW an wichtigen Vitaminen oder Eisen mangeln, stimmt so nicht. Über die Muttermilch oder adäquate Ersatzmilch erhält es alles, was es im ersten Lebensjahr benötigt. Man kann sich also entspannt zurücklehnen und genießen, wie das Baby genießt; wie es immer geübter und virtuoser wird.

Und wann kann damit gestartet werden?

Sind die sogenannten Beikostreifezeichen erfüllt, kann es im Grunde schon losgehen: Das Baby schaut Dir förmlich das Essen aus dem Mund, es ist interessiert an allem, was Du hineinschiebst. Es kann seinen Kopf allein halten, sitzt bereits selbstständig oder gestützt auf dem Schoß. Es kann Dinge mit der Hand aufnehmen und zum Mund führen. Der sogenannte Zungenstoßreflex ist nicht mehr vorhanden: Das Baby schiebt nicht mehr alles aus dem Mund, was nicht Milch ist. Man vermutet hier einen Zusammenhang zwischen dem Rollen auf den Bauch und der Zungenmotorik: Kann sich das Baby also drehen, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Kurz: Begonnen werden kann etwa mit einem halben Jahr oder etwas darunter, bitte nicht früher.

Sicher sorgen sich einige Mütter darum, ob sich ihr Kind nicht verschlucken oder ersticken könnte …

Diese Sorge kann ich verstehen. Und es ist auch so, dass Babys sich zu Beginn ihrer Essversuche manchmal verschlucken oder würgen; es gehört dazu. Ich empfehle hier so oder so unbedingt entsprechende Literatur zum Thema Baby-led Weaning. Wer sich noch sicherer fühlen möchte, besucht einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys und lernt dort entsprechende Notfallhandgriffe. Was aber die wenigsten wissen: Der Würgereflex beim Baby liegt anfangs viel weiter vorn auf der Zunge, das bedeutet, es würgt viel eher und häufiger als ein größeres Baby oder Kleinkind. Genau das eben soll ein Ersticken verhindern und ist oft schauriger mit anzusehen als es tatsächlich ist. Später verlagert sich dieser Reflex. Ich finde dieses Wissen schon mal sehr beruhigend.

Du sprichst da ja aus Erfahrung. Wie kam es bei euch dazu, dass ihr mit „breifrei“ begonnen habt?

Beim unserem Sohn sind wir damals noch ganz brav diesen Beikostplan gefahren: Nach dem vierten Monat starteten wir zunächst mit Karottenbrei, und so ging es immer weiter. Unsere erste Tochter dann hat sich ganz einfach geweigert, sich mit Brei füttern zu lassen. Als sie acht Monate alt war, begann sie selbst am Familientisch mitzuessen. Bis dahin stillte ich sie voll; sie zeigte einfach kein Interesse an fester Nahrung. Mit unserer jetzt Einjährigen lief es ähnlich ab; sie startete mit etwa einem halben Jahr mit dem Essen. Allerdings mag sie beides gern: Fingerfood und Brei.

Wie genau sah und sieht das aus?

Wir haben unsere Kleinen einfach immer von unserem Essen mitessen lassen, natürlich zunächst ungewürzt. Meiden sollte man im gesamten ersten Jahr Honig, Nüsse und nicht durchgegarte Eier, rohes Fleisch und rohen Fisch. Von Schalentieren und Rohmilchkäse ist ebenfalls abzuraten. Auch ganze, kleine Früchte wie Weintrauben oder Heidelbeeren kommen eher nicht infrage, es sei denn, man schneidet sie längs durch, bitte nicht quer, denn auch hier besteht Verschluckgefahr. Zu diesem Thema sollte man sich vorher bitte gründlich informieren; es gibt schon noch ein paar weitere Dinge zu beachten. Mir persönlich ist aber auch wichtig, darauf zu schauen, was mein Kind für Signale gibt. Die Kleinen können nämlich schon viel mehr kommunizieren, als man denkt. Aber das Thema ‚Babyzeichen‘ ist wieder ein anderes für sich.

Dazu sehr gerne ein anderes Mal. Und jetzt: ein Wort zum Schluss?

Gerne: Baby-led Weaning ist nicht das Nonplusultra! Es gibt auch Babys, die werden sehr gern mit Brei gefüttert, so wie unsere zweite Tochter. Genau so verhält es sich ja mit allen Themen, die das Attachment Parenting betreffen. Ob es sich nun ums Stillen oder Tragen, um Beikost oder Schlafgewohnheiten dreht: Jede Familie findet das für sich Beste heraus, denn Kinder sind nun einmal verschieden, und jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Da darf nicht alles über einen Kamm geschoren werden.


„Attachment Parenting“: Stillen bis ins Kleinkindalter, tragen statt Kinderwagen und das gemeinsame Schlafen im Familienbett: ein neumodischer Trend? Ärzte und Wissenschaftler sind sich heute darüber einig, dass Babys und Kleinstkinder vor allem mithilfe einer sicheren Bindung zur Mutter beziehungsweise zum Vater zu starken Persönlichkeiten heranwachsen können. Im Mittelpunkt des sogenannten Attachment Parentings stehen unter anderem die feinfühlige, prompte Bedürfnisbefriedigung sowie viel körperliche Nähe. Die Devise: Ein Verwöhnen gibt es in diesem Alter nicht. Begründer dieser Bewegung waren vor über zwanzig Jahren der amerikanische Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha, eine Krankenschwester; gemeinsam haben sie acht Kinder. Neben kritischen Stimmen findet das Konzept in Deutschland viele Befürworter.