Nachfahren kommen zum Zug Nortrup ist Endstation für den letzten Transrapid

Von Christian Geers und Maike Plaggenborg


cg/mpl Nortrup. Die Fleischwarenfabrik Kemper hat sich im Bieterverfahren um den letzten Transrapid durchgesetzt. 200 001 Euro hat die Nachfahrin von Erfinder Hermann Kemper für den Magnetzug geboten – und damit den Zuschlag erhalten. In Nortrup ist die Freude nun groß.

Der Transrapid 09, der 40 Millionen Euro kostete und einst für die geplante Transrapidstrecke zwischen dem Münchener Flughafen und der Innenstadt gebaut wurde, kommt nach Nortrup. Am Montagvormittag fiel die Entscheidung. Wie die Verwertungsplattform der Behörden und Dienste der Bundesrepublik Deutschland (VEBEG) mitteilte, hatte die Fleischwarenfabrik Kemper mit 200 001 Euro das höchste Gebot abgegeben.

Kaufverträge am Montag unterschrieben

„Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir den Zuschlag erhalten haben“, sagte Wolfgang Kühnl, Geschäftsführer der Fleischwarenfabrik Kemper, auf Anfrage unserer Redaktion. Ende letzter Woche seien die Kaufverträge mit der Verwertungsgesellschaft des Bundes ausgetauscht worden, „die ich heute unterschrieben habe“. Damit kehre der Transrapid an den Ort zurück, „wo mein Urgroßvater vor rund 80 Jahren das zu Grunde liegende Patent erfunden hat: eine funktionierende Schaltung für das Schweben nach dem Prinzip der elektromagnetischen Anziehung“. Kühnl betonte, dass seine Familie nach der Aufgabe der Transrapid-Versuchsanlage in Lathen ein großes Interesse an diesem letzten Magnetzug gehabt habe. „Er ist ein großartiges Beispiel dafür, dass Erfindergeist und Innovationsfähigkeit nicht nur in den kreativen Ballungszentren dieser Welt zu finden sind, sondern überall dort, wo ehrgeizige und neugierige Menschen leben“.

Zug ist 75 Meter lang und 170 Tonnen schwer

Nach dem Kauf wird der 75 Meter lange und etwa 170 Tonnen schwere Transrapid nun in der nächsten Zeit von Lathen nach Nortrup transportiert werden. Wann genau Ab- und Wiederaufbau erfolgen, steht aber noch nicht fest. „Zum Glück besteht der Transrapid aus drei Segmenten“, so Kühnl. Dennoch habe das Projekt allein schon wegen des Transports eine Dimension, „die auch für uns völlig neu ist“.

Neuer Standort vor dem Firmensitz an der Hauptstraße

Konkreter sind nach Angaben des Kemper-Geschäftsführers die Pläne, die das Unternehmen mit dem einstigen Vorzeigeprojekt deutscher Ingenieurskunst hat: Der Magnetzug soll vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Kemper parallel zur Hauptstraße in Nortrup aufgestellt werden. „Der Transrapid wird auf einem Teil der Originaltrasse aufgeständert“, erläutert Kühnl – allerdings nicht ganz so hoch wie in Lathen. Genutzt werden soll der Transrapid zum einen für Zwecke des Unternehmens. Im Gespräch sind Schulungs- und Konferenzräume. „Der Originalcharakter wird dabei selbstverständlich erhalten bleiben“, verspricht der Geschäftsführer. Zum anderen werde ein weiterer Teil auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und könne besichtigt werden. Kühnl: „Das wird kein großes Museum werden. Wohl aber wird es viele Informationen über den Erfinder Hermann Kemper, sein Patent und über unsere Firmengeschichte geben.“ Bs März kommenden Jahres könnte der Transrapid vor dem Nortruper Firmensitz seine wohl endgültige Haltestelle bekommen haben, vorausgesetzt, von der Baugenehmigung bis zum Aufstellen verlaufe alles reibungslos.

Bürgermeister: Eine Attraktion für Nortrup

„Da ist der Firma Kemper ein hervorragender Wurf gelungen“, gratulierte Nortrups Bürgermeister Karl-Heinz Budke. Er freue sich, dass der letzte Transrapid nun „als ein Aushängeschild“ in der Gemeinde zu sehen sein werde. „Das ist eine Attraktion für Nortrup“, so Budke, der sich davon auch einen Schub für den Tourismus in der Region verspricht.

Neun Bieter beteiligten sich am Verfahren

Die Firma Kemper war nach Angaben der VEBEG mit 200 001 Euro die Höchstbietende unter insgesamt neun – darunter Verschrotter, die Hochschule Bingen und eben die Samtgemeinde (SG) Lathen. Sie hatte zusammen mit dem Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen einen Betrag von 120 000 Euro geboten – das rund Siebenfache des Betrags einer Verschrottung. Bei einem Schrottpreis von derzeit schätzungsweise 100 Euro pro Tonne und dem Zug-Leergewicht von 170 Tonnen hätte es einen Erlös von 17 000 Euro ergeben.

Enttäuschung in Lathen

Enttäuscht reagierte der Bürgermeister der Samtgemeinde Lathen, Karl-Heinz Weber, auf die Entscheidung. Die Samtgemeinde hatte die Schwebebahn für den Aufbau eines eigenen Museums nutzen wollen. Zwar habe er Verständnis für die Emotionen der Familie des Erfinders Kemper, allerdings werde bei dem Fleischfabrikanten nur ein kleiner Teil der Bahn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Ich hätte mir gewünscht, dass der Bund mehr auf unsere Wünsche eingegangen wäre“, sagte Weber im Gespräch mit unserer Redaktion.


Hermann Kemper und seine Erfindung

Die Geschichte der Magnetschwebetechnik ist eng mit der Geschichte der Fleischwarenfabrik Kemper in Nortrup verbunden. Hermann Kemper (Bild) , der „Vater des Transrapids“, wurde am 5. April 1892 geboren. Er machte 1910 sein Abitur am Realgymnasium in Quakenbrück. Anfang der 1920er-Jahre begann der Nortruper an der Technischen Hochschule in Hannover ein Studium der Elektrotechnik, in dem er sich auch mit Elektromagneten beschäftigte. Dabei kam ihm die Idee, deren Tragkraft zu nutzen. Die Erfindung einer Magnetschwebebahn, die er 1934 zum Patent anmeldete, war die grundlegende Erfindung, die die Entwicklung des Transrapids ermöglichte. 1979 wurde der erste Prototyp vorgestellt. Hermann Kemper wurde für seine Forschungen 1972 mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Er starb am 13. Juli 1977 im Alter von 85 Jahren. cg

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