Pfarrer: Würde des Ortes wahren Kritik an Pokémon-Jagd auf Quakenbrücker Friedhof

Von Katharina Preuth


Quakenbrück. Das Spiel Pokémon Go führt seine Nutzer auf den Quakenbrücker St.-Marien-Friedhof. Hier befindet sich ein Pokéstop. Die Kirche und das Pfarrhaus sind als Kampfarenen markiert. Pfarrer Bernhard Lintker plädiert dafür, die Würde des Ortes zu wahren.

Auf dem Friedhof der St.-Marien-Gemeinde mitten in der Quakenbrücker Innenstadt stehen zwei junge Frauen. Sie beugen sich mit den Köpfen über ihre Smartphones und lachen. Zeit für ein Gespräch habe sie nicht, sagte die eine von ihnen. Sie wolle nur schnell in ihrer Mittagspause ihren Pokéballvorrat aufladen. Mehr nicht. Die beiden Frauen haben die Pokémon-Go-App auf ihr Handy geladen. Die digitale Schnitzeljagd ist seit Tagen bei vielen Nutzern der letzte Schrei. Die App zeigt ihnen dafür den Weg auf den Friedhof.

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Beliebter Stopp

Dieser Stopp ist besonders beliebt, da sich in unmittelbarer Nähe weitere prägnante Punkte für das Spiel befinden. Andere Stopps im Umkreis sind die Artland-Bücherei, das Kreuz St. Marien oder die Gaststätte „Im Eimer“. Optisch besonders auffällig zeigt die App dem Spieler aber vor allem die Kampfarenen an. Hier können die erbeuteten Pokémons gegen andere gefangene virtuelle Tierchen im Kampf antreten. Diese sind rund um den Marktplatz die katholische Kirche und das Pfarrhaus an der Burgstraße zu finden. Mithilfe des Satelliten-Navigationssystems GPS zeigt das Spiel Pokémon Go an, wo sich die Stops, Arenen oder die Pokémons befinden. Die Standorte berechnen Algorithmen automatisch.

„Besucher“ im Garten

„Dass eine Kirche zur Kampfarena wird, finde ich schon von der Begrifflichkeit her fragwürdig“, sagt Bernhard Lintker, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft im Artland. Er wohnt im Pfarrhaus an der Burgstraße und hat seine Erfahrungen mit den Pokémon-Spielern gemacht. „Gestern Abend habe ich vor meinem Fenster Menschen bemerkt, die mit ihren Handys vor dem Haus haltmachten“, erzählt er.

Pfarrer: Friedhof kein Platz für virtuelle Kämpfe

Besonders missfalle ihm jedoch, dass der Friedhof der St.-Marien-Gemeinde eine Anlaufstelle bildet. Er bittet die Pokémonjäger, die Würde des Ortes zu respektieren. Menschen kämen zu den Gräbern, um ihrer Angehörigen zu gedenken und um zu trauern, da sei kein Platz für virtuelle Kämpfe.

Staunen über Hype

Seit vergangener Woche ist das Spiel in Deutschland erhältlich. Weltweit und in der Region hat die virtuelle Schnitzeljagd seit ihrer Veröffentlichung einen Hype ausgelöst. „Mich erstaunt, dass das Spiel so eine Dynamik annimmt, dass die Grenze eines Friedhofs überschritten wird“, sagt Vera Jansen, Pastoralassistentin der Pfarreiengemeinschaft. Pfarrer Bernhard Lintker macht dem Entwickler Niantic mehr Vorwürfe als dem Nutzer: „Das Spiel nimmt keine Rücksicht. Die Auswahl der Punkte scheint sehr willkürlich“, sagt er. Ihn störe an dem Verhalten der Nutzer, dass sie zwar achtsam gegenüber dem Spiel seien, aber achtlos im Hinblick auf ihre Umgebung. „Ich wünsche mir, dass die Spieler nicht nur Pokémons fangen, sondern auch ihre verstorbenen Angehörigen auf dem Friedhof besuchen“, erklärt der Pfarrer. Dann hätte Pokémon Go noch etwas Gutes, sagt er.


Was ist ein Pokémon?

Pokémon ist eine Wortbildung aus „Pocket“ und „Monster“, also Taschenmonster. Zum ersten Mal tauchten sie 1996 in einem Spiel der Firma Nintendo aus Japan auf; durch den Gameboy avancierte es zum Megahit. Der Spieler fängt Monster mit weiß-roten Bällen ein und bildet sie zu Kämpfern aus, um sich in Arenen mit anderen Spielern zu messen. Das bekannteste Pokémon dürfte Pikachu sein. Aufgrund des Erfolgs des Spiels gibt es neben Kinofilmen auch eine Pokémon-TV-Serie, die in Deutschland von 1999 bis 2013 auf RTL 2 ausgestrahlt wurde.