Früher Phillip, heute Sophia Siebenjährige lebt als Mädchen im Jungenkörper

Von Katharina Preuth und Mirko Nordmann


kap/nor Altkreis Bersenbrück. Sophia ist sieben Jahre alt, sie hat rote lange Haare, sie trägt am liebsten pinke Kleider und hat Glitzerlack auf den Fingernägeln. Und Sophia ist ein Transkind. Als Phillip wuchs sie auf. Mit vier Jahren hat sie beschlossen, kein Junge mehr sein zu wollen.

Mit ihren Eltern und den drei Brüdern lebt sie im nördlichen Osnabrücker Land. Ihr Zimmer ist lila und pink, ein Stoffpferd hat mitten im Raum seinen Platz, Puppen und Plastikfiguren sind in Kisten verstaut, an der Tür steht, mit Glitzerstiften geschrieben, ihr Name: Sophia. Die Zimmer ihrer drei Brüder sind grün oder blau gestrichen, in einem liegt ein Spielteppich auf dem Boden. „Früher war Sophias Zimmer gelb und es gab eine Bordüre mit Treckern“, erzählt die Mutter. Ihre Tochter habe sich so lange geweigert in ihrem Kinderzimmer zu schlafen, bis neue Farbe an der Wand und die Bordüre entfernt war.

Nicht den Jungennamen verwenden

Schon mit vier Jahren wollte sie nicht, dass die Eltern und Geschwister den Jungennamen verwenden. „Sophia die Erste ist eine Serie im Fernsehen“, erklärt das Mädchen. Sie entschied, genauso heißen zu wollen wie die Disney-Prinzessin, die im verzierten hell violetten Kleidchen und mit einem Diadem auf ihrem herzförmigen Köpfchen ihr Reich regiert. „Ich bin jetzt für immer Sophia“, sagt sie.

Angefangen habe es damit, dass eine Busfahrerin ihr ihre rosa Wollmütze schenkte, erinnert sich der Vater. Dann habe sie Röcke tragen wollen und sich die Haare wachsen lassen. „Wir dachten erst, es ist nur eine Phase, die vorüber geht“, sagt die Mutter. „Das Schlimme war nicht, dass mein Sohn ein Mädchen sein wollte, sondern die Blicke der Leute auf der Straße“, meint der Vater. Es habe eine Zeit gegeben, da habe Sophia keine Hosen tragen wollen, sondern nur pinke Röcke und Kleider.

Im Universitätsklinikum in Münster haben sie die Diagnose bekommen: Bei Sophia liegt eine Störung der Geschlechtsidentität im Kindesalter vor. Dort ist Sophia regelmäßig in psychologischer Behandlung, die sie unterstützt, mit ihrer Situation zurecht zukommen. „Sophia war zuerst bei einer Psychologin, die ihr einreden wollte, dass sie ein Junge ist. Damit konnte sie nicht gut umgehen“, erzählt die Mutter. Als Phillip war sie oft aggressiv, und nach dem Treffen mit der ersten Psychologin sei sie wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen.

Spezialsprechstunde

„Nach dem Diagnose-Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation kann die Diagnose einer Geschlechtsidentitätsstörung gegeben werden, wenn ein lang anhaltender Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, und ein starkes Unwohlsein in Bezug auf das biologische Geschlecht besteht“, erklärt Hanna Lind, Ärztin an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik Münster. „Um zu einer Diagnose zu kommen, führen wir in unserer Spezialsprechstunde umfangreiche Gespräche mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern oder Bezugspersonen. Da nicht jede Verunsicherung mit dem eigenen Geschlecht die Diagnose der Geschlechtsidentitätsstörung oder Geschlechtsdysphorie bedeutet, wird in jedem Fall nach den Hintergründen und möglichen Differenzialdiagnosen geschaut. “

Kinder stellen früh Fragen

Dass Kinder schon in so jungem Alter erkennen, dass sie Probleme mit ihrem Geschlecht haben, ist nicht ungewöhnlich. „Geschlechtsdysphorie tritt sowohl im Kindes- als auch im Jugendalter auf. Manche Kinder stellen schon früh Fragen in Bezug auf gesellschaftliche Geschlechterrollen, biologische Geschlechterunterschiede und Entwicklungen. Diese Auseinandersetzung ist im Rahmen der kindlichen Entwicklung normal“, so Lind, „manche Kinder und Jugendliche geraten hierbei jedoch in Krisen, aus denen zum Teil ein erheblicher Leidensdruck sowie eine Beeinträchtigung einer gesunden Identitätsentwicklung entstehen können.“

Psychische Probleme

Gerade um diese begleitenden psychischen Probleme frühzeitig zu erkennen und mit Hilfsmaßnahmen einzugreifen, wurde an der Münsteraner Klinik die Spezialsprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie und Problemen der geschlechtlichen Entwicklung ins Leben gerufen. Nach einer ausführlichen entwicklungspsychologisch fundierten Diagnostik kümmern sich die Experten dort beispielsweise um Therapieplanung oder gutachterliche Stellungnahmen im Rahmen des Transsexuellengesetzes und leiten medizinische Maßnahmen ein. Durch die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team mit Kinderendokrinologen und Psychotherapeuten der Erwachsenenpsychiatrie werde gewährleistet, dass Betroffene auch über das 21. Lebensjahr hinaus in der Spezialambulanz für Transsexualität/Transidentität der Klinik für Psychiatrie in Münster weiterbetreut werden können.

Keine Voraussagen über Entwicklung

Es komme aber auch vor, dass das geschlechtsvariante Erleben und Verhalten mit der Zeit aufhört, so Hanna Lind: „Selbst wir in den spezialisierten Zentren vermitteln den Eltern und betroffen Kinder und Jugendliche, dass wir keine Voraussage über den Verlauf tätigen können. Daher bieten wir eine lang angelegte Begleitung der Familien an.“

In die Sprechstunde kommen übrigens dreimal so viele Jungen wie Mädchen. „Dies bedeutet aber nicht, dass es mehr transidente Jungen gibt. Häufig fallen allerdings Mädchen mit kurzen Haaren und jungenhafter Kleidung oder Verhalten im Alltag weniger auf, als Jungen die sich geschlechtsvariant verhalten“, relativiert Hanna Lind.

Andere Familien kennengelernt

Über das Trans-Kinder-Netz e.V. (Trakine) hat Sophias Familie andere Familien in ihrer Situation kennengelernt. Zweimal im Jahr nehmen sie an gemeinsamen Treffen teil. Hier habe Sophia entdeckt, dass auch Transmädchen Hosen tragen. „Auch für ihre Brüder ist es gut, sich mit anderen Geschwistern von Transkindern auszutauschen“, sagt die Mutter. Damit ihre Söhne verstehen was mit dem Bruder, der jetzt ihre Schwester ist, passiert, hat sie Kinderbücher und Comics gekauft.

In „Nenn mich Kai“ will der Protagonist ein Junge sein, obwohl er als Mädchen zur Welt kam. „Mit Sophia ist es umgekehrt, aber trotzdem trans“, weiß ihr ältester Bruder, der elf Jahre alt ist. Eigentlich sei Sophia sein Bruder, erzählt er, und manchmal sei es ihm peinlich. Für den Ältesten sei es am schwierigsten, meint die Mutter. Der Jüngste von Sophias Brüdern hingegen glaubt mit fünf Jahren, dass einige Kinder eben sowohl Jungen, wie auch Mädchen sein können.

Gewissheit über Geschlechtsidentität

Trakine teilt auf Anfrage mit, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass „junge Kinder ein Bewusstsein über ihre Geschlechtszugehörigkeit haben und somit auch darüber, dass diese von dem Zuweisungsgeschlecht bei der Geburt abweicht.“ Wie alle anderen Kinder, hätten auch Transkinder eine Gewissheit über ihre Geschlechtsidentität und teilen diese, sobald sie dazu fähig sind, also mit Spracherwerb ab drei Jahren, mit. Über die Zahl von Transkindern in Deutschland gebe es keine verlässlichen Angaben, so der Verein. Seit der Gründung von Trakine im Jahr 2012 hätten sich etwa 200 Familien an den Verein gewandt.

Vom Jungendasein verabschiedet

Die Eltern haben akzeptiert, dass Sophia sich vom Jungendasein verabschiedet hat. Mutter und Vater finden, sie hätten Glück mit den Reaktionen ihres Umfeldes, sie haben von anderen Transeltern viel Negatives gehört. Trotzdem sei es auch für sie nicht immer leicht. Einige würden ihnen vorwerfen, sie wollten gerne ein Mädchen haben, statt vier Jungs, andere sagen, es sei krank, was sie mit ihrem Kind machen, erzählt die Mutter. „Das macht mein Kind selber. Ich wünsche mir, dass Sophia Sophia sein kann“, sagt sie weiter.

Genau diese Unterstützung brauchen Kinder, die den Wunsch haben, dem anderen Geschlecht anzuhören. „Es wichtig, sie sehr ernst zu nehmen, ihnen wohlwollend und offen zu begegnen und sie darin zu bestärken, dass was sie fühlen und wie sie fühlen berechtigt ist“, betont Hanna Lind.

Daher nehme die Familienarbeit und Familientherapie einen großen Stellenwert ein. „Gerade auch für Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdyshporie ist es für eine gesunde sozio-emotionale Entwicklung wichtig, dass zunächst das unmittelbare Umfeld das transidente Erleben so gut wie möglich verstehen kann, um dem Kind bzw. dem Jugendlichen eine akzeptierende und wertschätzende Haltung entgegenbringen zu können“, sagt Hanna Lind.

Vieles im Alltag sei normal für die Familie. Die vier Kinder streiten, sie toben im Haus und im Garten, sie gehen ihren Hobbys nach. Einiges sei aber anders. Sophia zieht sich weder vor ihren Geschwistern noch ihren Klassenkameraden um.

Sportsachen unter der Straßenkleidung

In der Schule darf sie ihre Sportsachen unter der Straßenkleidung tragen, wenn das Fach Sport auf dem Stundenplan steht. Sie geht mit den Mädchen in die Umkleidekabine. Genauso benutzt sie die Mädchen-Toilette. Beim Schwimmen trägt sie einen Badeanzug, aber mit einer Badeshorts darüber. „Mit ihrem Geschlechtsteil hat sie große Probleme. Mein Mann oder ich müssen sie waschen, sie selbst fasst sich nicht an“, sagt die Mutter. Sophia hat einen Ergänzungsausweis, auf dem ihr Mädchenname steht, für die Ärzte oder am Flughafen. Auf den Zeugnissen der Grundschule steht Sophia. Nur auf ihrem Abschlusszeugnis würde später ihr Geburtsname stehen.

Keine Haare an den Beinen

Was die Zukunft für ihr Mädchen bringt, wissen die Eltern nicht. „Wir sprechen wenig mit ihr über Therapiemöglichkeiten. Wir wollen, dass sie ein normales Kind ist.“ Sophia selbst möchte gerne „Zaubermedizin“, damit sie nicht wie ihr Papa Haare an den Beinen bekommt. Doch noch ist Sophia sieben Jahre alt und kommt nach den Sommerferien in die dritte Klasse. Die Pubertät ist weit entfernt. „Viele Jugendliche kommen mit dem dringenden Wunsch nach Hormonbehandlung oder geschlechtsangleichenden operativen Maßnahmen“, sagt Hanna Lind, „nach einem strengen Protokoll besteht die Möglichkeit mit pubertätsunterdrückenden und gegengeschlechtlichen Hormonen behandelt zu werden.“