Premiere von „Gretchen 89ff“ Theaterwerkstatt Quakenbrück unterhält mit Goethe

Von Bjoern Thienenkamp

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Quakenbrück. Darf die Kästchenszene aus Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ als bekannt vorausgesetzt werden? Die Theaterwerkstatt Quakenbrück tut das glücklicherweise nicht und zeigte sie am Freitagabend als klassischen Filmausschnitt auf einer Leinwand, bevor sie auf der Bühne nochmals folgte, ganze neun Male, mehr oder weniger. Langweilig wurde sie aber nie. Eher im Gegenteil.

Gretchen kommt nach ihrer ersten Begegnung mit Faust nach Hause und findet in ihrem verschlossenen Schrein ein Schmuckkästchen. Wie kommt das da rein? So kurz die Handlung im gelben Reclam-Heft „Faust“ auf Seite 89 und folgende. Im Theaterkabarett „Gretchen 89ff“ gewährt Lutz Hübner in neun Szenen mit jeweils zwei Beteiligten Einblicke hinter die Kulissen. Wie realisieren Regisseure und Schauspieler diese Kästchenszene?

Stefan Heil ist es gelungen, das mit seinem Ensemble fröhlich süffisant und mit hohem Unterhaltungswert umzusetzen; die Quakenbrücker hauen quasi mit dem Faust auf den Tisch. „Seit Ende September proben wir an diesem sehr viel gespielten Stück, das wir ausgewählt haben, weil es gut zu dem Ensemble passt“, sagt Heil. „Weil es so witzige Charaktere besitzt, können wir aus dem Vollen schöpfen“, findet der 49-Jährige. Auch Oliver Franke mit Licht und Ton, Peter Ricono mit dem Bühnenbild und Richard Feuerstein mit den Requisiten hätten sich stimmig eingebracht.

Die Szenen im Einzelnen:

Die Anfängerin. Mit übertriebenen Sprechübungen macht sich Anfängerin Kowalski (Sabine Kuhlmann) warm, um Regisseurin Riedel (Christine Smikalla) zu beeindrucken. „Draußen schwül, innen kühl“, erkennt sie als Irrtum, drinnen sei es ja auch schwül. „Wir müssen doch mal weiterkommen“, herrscht Riedel autoritär.

Der Schmerz. Nach Vorstellung der barfüßigen Regisseurin (Meike Rump) soll sich Schauspielerin Birgit (Bahamani Kandulna) auf dem Boden wälzen, die Drangsalierung geht gar in körperliche Gewalt über, den „Abo-Schweinen“ im Publikum müsse schließlich etwas geboten werden.

Die Diva. Soll sie hinter einer Papierwand als Schattenspiel auftreten und dann durch die Wand brechen? Diese Idee des Regisseurs (Martin Biemann) gefällt der Diva (Alli Schröder) überhaupt nicht.

Ein Hospitant. Was ist wohl aus der rothaarigen Heide Soundso geworden? Das bekommt die Hospitantin (Lea Küthe) trotz der vielen Fragen an die Schauspielerin (Meike Rump) nicht heraus, weil sie ohne Antworten bleiben. Fazit: „Theater ist toll, wenn man mal hört, wie das ist.“

Die Dramaturgin. Mehr um die Probenpauschale ohne Quittung, wegen des Arbeitsamtes, geht es dem Schauspieler (Arnold Beuke) in seinem Zusammentreffen mit der Dramaturgin (Sabine Kuhlmann). „Denk mal gar nicht weiblich“, lehnt sie seine blonde Perücke und das Tüllröckchen ab.

Der Freudianer. Hat er früher bei Kerzenlicht nackt geprobt? Das bleibt offen, aber: „Text ist mir scheißegal, ich brauche Gefühl“, verlangt der Regisseur (Martin Biemann) von der Schauspielerin (Nathalie Lebescond). Gretchen entgleitet in seiner Vorstellung ins Sexuelle und wird zu einer Domina mit Peitsche.

Der Streicher. „Zu lang, zu lang, zu lang“, findet der Regisseur (Arnold Beuke) und lässt die Schauspielerin (Meike Rump) als trauriges Überbleibsel seines Streichwahns nur noch vier Aussagen sprechen, kürzt selbst das Kästchen weg.

Der Schauspieler an sich. Einmal im Fachblatt „Theater heute“ lobend erwähnt zu werden, vielleicht sogar mit Bild, das ist der Traum der Schauspielerin (Bahamani Kandulna), die ihr Leid dem Requisiteur (Iris Steinkamp) klagt: „Simone hat es in knappen T-Shirts nach Hannover geschafft“, während sie sich immer noch mit den Holzköpfen vom Förderverein abgeben müsse.

Das Tourneepferd. Irgendwo zwischen Lausbub und Lebenskünstler bewegt sich der Regisseur (Arnold Beuke), der Schauspielerin Birgit Kowalski (Nathalie Lebescond) mal als „Schatzi“, mal als „Micky Maus“ zu nahe tritt und Walzerschritte wie bei einem kleinen Reh verlangt: „Wenn man’s im Blut hat, spielt’s sich von selbst.“


Weitere Aufführungen: Sonntag, 28. Februar, Mittwoch, 2. März, Freitag, 4.März, und Sonntag, 6. März, jeweils um 20 Uhr, Theaterwerkstatt Quakenbrück, Bahnhofstraße 44. Der Eintritt beträgt 9 Euro/ermäßigt 6 Euro, Karten gibt es im Vorverkauf bei den Buchhandlungen Thoben und Buchgalerie Artland sowie über die Homepage des Vereins: www.theaterwerkstatt-quakenbrueck.de.

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