Interview mit Matthias Brüggemann Quakenbrücker arbeitet mit am Aufbau der Pflegekammer

Von Christian Geers


Quakenbrück. In Niedersachsen soll nach dem Willen der Landesregierung 2016 eine Pflegekammer ihre Arbeit aufnehmen. Die Pflegekammer ist als Standesvertretung für die landesweit rund 70000 examinierten Pflegekräfte geplant. Ende Juli fand in Hannover die konstituierende Sitzung der Gründungskonferenz statt, die parallel zum Gesetzgebungsverfahren die Bildung der Pflegekammer vorbereiten soll. Matthias Brüggemann aus Quakenbrück ist zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden. „Die Pflegekammer ist eine große Chance“, sagt der Krankenpfleger im Interview mit unserer Redaktion.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Brüggemann, fühlen Sie sich ein bisschen wie ein Rebell?

Rebell? Warum?

Weil sie als Mitglied der Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) eine Pflegekammer für Niedersachsen fordern, obwohl die CDU da Bauchschmerzen hat.

Nein, ein Rebell bin ich nicht. Die CDA vertritt die Interessen der Arbeitnehmerschaft, sie ist der soziale Flügel der Union. Wir haben mit unseren Argumenten für eine Pflegekammer in der CDA Landesversammlung Hannover eine Mehrheit überzeugen können. Das war ja beim Mindestlohn ähnlich: Die CDA hatte sich schon früh dafür ausgesprochen, nun tritt auch die CDU für ihn ein. Das ist in der Demokratie und innerhalb einer Partei nun einmal so: Mehrheit ist Mehrheit. Im Übrigen ist das Thema Pflegekammer ja nicht neu. Wir haben darüber schon lange diskutiert, konnten uns bisher innerhalb der CDA aber nicht durchsetzen. Es waren immer knappe Mehrheiten, die sagten, bei diesem Thema abzuwarten. Aber jetzt, wo die niedersächsische Landesregierung die Kammer auf den Weg bringen will, haben wir gesagt: Nun müssen wir auch die Courage haben und den Worten Taten folgen lassen.

Sie sind Krankenpfleger im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück: Warum ist aus Ihrer Sicht eine Pflegekammer nötig?

Vorweg: Die Pflege ist die große Aufgabe der Zukunft. Und wenn über sie geredet wird, gehört sie mit an den Tisch. Es dürfen nicht immer nur Arbeitgeberverbände und Kostenträger entscheiden. Mit der Pflegekammer würde es die schon so lange geforderte Lobby für Pflegende endlich geben.

Es geht also um Einfluss, Macht und Mitsprache?

Ja, auch. Wenn Politik heutzutage von Pflege spricht, meint sie in erster Linie die Altenpflege, weil es da die drängendsten Probleme gibt. In Niedersachsen arbeiten insgesamt 70000 examinierte Pflegekräfte. Sie arbeiten in der Altenpflege, in der Kinderkrankenpflege und in der Gesundheits- und Krankenpflege. Diese 70000 Arbeitnehmer hätten mit der Pflegekammer eine demokratisch legitimierte berufspolitische Vertretung, die mit einer Stimme spricht.

Bei der Bezahlung redet sie aber nicht mit.

Richtig. Tarifpolitik ist und bleibt Sache der Tarifpartner. Und das ist auch gut so.

Und die Qualität in der Pflege kann die Pflegekammer doch auch nicht gewährleisten, sagen Kritiker.

Das ist falsch. Die Pflegekammer legt für ihre Mitglieder eine Berufsordnung fest. Da steht drin, wie sie ihre Arbeit zu tun haben. Es wird Regeln zur Qualitätssicherung geben, zum Beispiel, dass in der Pflege Arbeitende sich regelmäßig fortbilden müssen. Bisher gibt es zwar eine Verpflichtung, aber keine Kontrolle.

Aber auf die personelle Besetzung in Pflegeheimen hat die Pflegekammer keinen Einfluss.

Das stimmt. Nicht direkt, aber als Interessenvertretung können wir ganz anders auftreten.

Noch ein Kritikpunkt: Ausgebildete Pflegekräfte müssen Mitglied in der Pflegekammer werden und diese durch ihre Beiträge selbst finanzieren.

Richtig, ich spreche von Pflichtmitgliedschaft, die Gegner gerne von Zwangsmitgliedschaft. Und das ist genau der Unterschied zu den bisherigen Akteuren, die bei genauer Betrachtung nur einen kleinen Teil der Pflegenden vertreten. Nur wenn alle dabei sind, kann eine Pflegekammer mit Recht darauf verweisen, dass sie die Stimme der Pflege ist.

Nun erfährt die geplante Pflegekammer erheblichen Gegenwind: FDP, Arbeitgeber und Gewerkschaften. Macht es Sie nicht stutzig, wer sich da zu einer Allianz zusammengeschlossen hat?

Ja. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Vielleicht sind Ängste im Spiel, wenn 70000 bisher nur in geringem Maße organisierte Pflegekräfte plötzlich mit einer Stimme sprechen. Das könnte Arbeitgeber und Kostenträger sicher beunruhigen, denn jetzt müssen sie nicht nur über, sondern auch mit der Pflege sprechen. Qualität in der Pflege hat immer etwas mit Quantität zu tun, nämlich wie viele Pflegekräfte eingesetzt werden. Im Übrigen: Arbeitgeber wie Caritas und Diakonie kritisieren die Pflegekammer nicht.

Die geplante Pflegekammer wird auch gerne als „neues Bürokratiemonster“ bezeichnet...

Ja, das mag sein. Für eine Selbstverwaltung braucht man Bürokratie. Und ehrlich gesagt, das sollte die Pflege auch wert sein. Neu ist jedoch, dass die Pflegenden selbst entscheiden, wie viel Bürokratie sie sich leisten wollen.

Sie sind zum stellvertretenden Vorsitzenden der Gründungskonferenz gewählt worden. Welche Aufgabe hat das Gremium?

Die Konferenz, der 25 ständige Mitglieder und 25 stellvertretende Mitglieder, allesamt Pflegefachkräfte, angehören, wird parallel zur laufenden Gesetzgebung im Landtag die Gründung der Pflegekammer vorbereiten: Finanzen, Satzung, Öffentlichkeitsarbeit – das alles muss geklärt werden. Wenn der Landtag das Gesetz zur Errichtung der Pflegekammer verabschiedet hat, müssen wir so weit sein, dass der Errichtungsausschuss nahtlos mit seiner Aufgabe beginnen kann.

Und was ist die zurzeit wichtigste Aufgabe?

Wir müssen die Pflegekräfte informieren über Aufbau und Aufgaben der Kammer. Sie sollen sich ein eigenes Bild machen und sich eine eigene Meinung bilden können. Das ist eine der ersten großen Aufgaben, die vor uns liegen, denn viele haben noch gar nichts von der Pflegekammer gehört.

Das klingt nach einer Herausforderung...

Ja, das ist es. Die Pflegekammer kann ja nur gegründet werden, wenn der Landtag im kommenden Jahr das Gesetz dazu verabschiedet. Deshalb: Je näher der Tag kommt, desto lauter wird die Kritik der Gegner werden. Und deshalb müssen wir die Argumente vermitteln und für die Kammer werben. Für alle, die ehrenamtlich an dieser Gründung mitarbeiten, ist das eine spannende Aufgabe. Diese kostet viel Freizeit, aber diese investieren wir dafür gerne, weil die Pflegekammer eine große Chance ist.


Matthias Brüggemann (51) ist ausgebildeter Krankenpfleger und arbeitet seit 1987 im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück (CKQ). Dort ist er als Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege tätig und Abteilungsleiter des Zentralen Funktionsdienstes. Der Quakenbrücker sitzt für die CDU im Stadtrat und im Rat der Samtgemeinde Artland. Zugleich ist Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes Quakenbrück, stellvertretender Vorsitzender des CDA-Kreisverbandes Osnabrück-Land und Beisitzer im CDA-Landesvorstand Hannover. Ende Juli ist er in der Gründungskonferenz zum Aufbau einer Pflegekammer in Niedersachsen zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden. cg