Martin Espenhorst stellt Frage Das Artland nichts als ein Mythos?


Altkreis Bersenbrück. Ist „Artland“ ein historisch gewachsener Begriff? Eine Bezeichnung für eine Region? Für welche? Oder ist Artland ein Mythos, der immer wieder neu erfunden wird? Der Historiker Martin Espenhorst hat diesen Verdacht. Auf einer Tagung zur Geschichte des Osnabrücker Landes Ende August in Engter möchte er diesen Mythos „dekonstruieren“, wie er sagt.

Ist das Artland eine Region, evangelisch bevölkert in einem weitgehend katholischen Umfeld? Kulturelle Besonderheiten würden dieses Artland ausmachen, festzumachen etwa an dem Bauernhof, dessen Gebäude im Karree stehen. Der geschlossene Bauernhof kam aber erst im 19. Jahrhundert auf.

Oder ist das Artland eine Landschaft, gleichzusetzen mit dem Quakenbrücker Becken? Als politische Einheit gibt es das Artland erst seit gut 40 Jahren, als die Samtgemeinde gebildet wurde. Was wäre dann mit Gehrde? Das evangelische Kirchdorf gehört zur Samtgemeinde Bersenbrück, verwendet aber „Perle des Artlandes“ als Slogan im offiziellen Briefkopf der Gemeinde.

Vor wenigen Jahren hat der Begriff Artland noch einmal eine erstaunliche Erneuerung erfahren. Damals beschlossen die vier Samtgemeinden im Osnabrücker Nordland unter der gemeinsamen Marke „Artland“ um Touristen zu werben. Dieses Artland ging weit über das kommunalpolitisch oder kulturell definierte hinaus.

Andocken an „Varus-Region“

Und nun wieder eine Wende: In einer globalisierten Welt greife eine Regionalmarke Artland zu kurz, sagen die Tourismusexperten. Sie raten, unter der Dachmarke „Varus-Region“ oder „Osnabrücker Land“ aufzutreten.

„Wieder einmal wird das Artland neu erfunden“, wundert sich Martin Espenhorst, der an der Universität Mainz Geschichte lehrt und mit seiner Familie in Helle zu Hause ist. Helle gehört zu Gehrde, ist mit seinen Fachwerkhöfen und seiner Landschaft von Badbergen oder Menslage im politischen Artland aber nicht zu unterscheiden.

Ursprünglich habe der Begriff weit über das heutige Artland hinausgewiesen, sei mit dem Osnabrücker Nordland identisch gewesen, ist eine unter Historikern verbreitete Lehrmeinung. Martin Espenhorst sah sich die Quellen an. Erstmals erwähnt wird Artland angeblich in einer Urkunde aus dem Jahr 1309. Dort taucht das Wort „art“ auf im Zusammenhang mit einer Burg nahe Fürstenau, an der Grenze dessen, was angeblich das Artland sein soll.

Quakenbrück Metropole des Artlandes?

Historiker Rolf Berner fasst unter Artland die Dörfer Menslage, Badbergen, Nortrup und Gehrde. Das sah die Heimatbewegung um 1900 ähnlich, als die Artländer Trachtentreffen stattfanden. 50 Jahre zuvor gab es einen eng gefassten und einen weiten Artland-Begriff.

Volkskundler Helmut Ottenjann definiert Artland als evangelische Enklave. Das wirft die Frage nach Quakenbrück auf: Ist Quakenbrück die Metropole des Artlandes? Oder gehört die Stadt gar nicht dazu, weil der Westfälischen Friede sie zur Ökumene zwang?

Und was ist eigentlich mit Ankum? Es versteht sich als katholisch und liegt auf den Höhenzügen der „Ankumer Berge“. Trotzdem verwenden die Ankumer den Artland-Begriff fast schon inflationär, für ein Hotel etwa, für einen Golfclub und sogar für ihre Kirche. Ein „Artländer Dom“, katholisch und oben in den Hügeln statt im Tiefland am Fluss?

Abgrenzung und Identität

Dann gibt es noch die Vermutung, „Artland“ sei aus dem Begriff „Ortland“ hervorgegangen. Espenhorst bezweifelt das, geht davon aus, es gebe zwei unterschiedliche Begriffe: „Artland“ sei in der Bedeutung Ackerland im Mittellalter in ganz Deutschland bekannt gewesen. „Ortland“ hingegen habe eine andere Bedeutung gehabt: „an der Grenze“ oder „in der Spitze gelegen“.

Das Wort ist griffig, doch seine Bedeutung bleibt schwer zu fassen. „Die Vieldeutigkeit der Begriffe macht das Artland interessant“, schließt Espenhorst aus seinen Befunden. Artland eigne sich hervorragend zur Abgrenzung und damit dazu, sich eine eigene Identität zu schaffen. Wie dies immer wieder zu einem Wandel des Artland-Begriffs geführt hat, das möchte er in seinem Vortrag zeigen.


Bauernland Osnabrück: Tagung und Ausstellung

Seine Thesen zum „Mythos Artland“ stellt Martin Espenhorst vor auf einer Tagung am 29. August auf dem Hof Igel in Engter. „Agrarwirtschaft und ländliche Gesellschaft im Hochstift Osnabrück“ lautet der Titel der Zusammenkunft, sie ist als Auftakt eines ehrgeizigen Versuches gedacht, den Bewohnern des Osnabrücker Landes Lust zu machen auf ihre Regionalgeschichte. Genauer gesagt: ihre Landesgeschichte. Lange Zeit gab es nämlich eine politisch eigenständiges Fürstbistum Osnabrück, das mit dem heutigen Landkreis weitgehend identisch ist. In den kommenden Jahren plant Karsten Igel vier Austellungen zum Thema, die in der Baumschule des Hofe Igel gezeigt werden sollen. Igel ist ihr Geschäftsführer und zugleich Dozent für Landesgeschichte der Universität Münster.

Anmeldungen sind kurzfristig noch möglich an karsten.igel@ uni-muenster.de oder an Igel Gartenkultur GbR, Im Eikrode 10, 49565 Bramsche, Telefon 05468/1584. Weitere Informationen zur Geschichte des Osnabrücker Landes unter www.osnabruecker-landesgeschichte.info.

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